Kühe und Ziegen weiden im Wald? Was in früheren Zeiten bis ins 19. Jahrhundert gängige Praxis in der Landwirtschaft auch in Gechingen war, ist seit Kurzem im Gewann Masenwald wieder zu besichtigen als Ausgleichsmaßnahme für die Hermann-Hesse-Bahn.
Seit Mitte September tummeln sich sechs braune Limousin-Jungrinder der Familie Böttinger vom Gechinger Waldhof und eine kecke Ziegenherde der Familie Eßlinger zwischen alten Buchen und Eichen, jungem Baumbestand sowie Sträuchern und Buschwerk. Die Tiere lassen sich Gras und Gestrüpp schmecken.
Die eingezäunte Waldweide soll insbesondere dem Schutz heimischer Fledermäuse dienen, wie Landrat Helmut Riegger und der Landesvorsitzende des Nabu, Johannes Enssle, am Donnerstag beim Ortstermin zum Start der Beweidung im Gechinger Masenwald betonten.
Streit und immer wieder Verzögerungen
Die Fledermäuse nämlich und hier ganz speziell jene, die sich seit der Stilllegung der vormaligen Württembergischen Schwarzwaldbahn in den 1980er-Jahren die Tunnel zwischen Calw und Weil der Stadt als ihre Winterquartiere ausgesucht haben, sorgten für Streit und lange Verzögerungen beim Hesse-Bahn-Projekt ebenso wie für erhebliche Kosten. Die Gechinger Waldweide ist eine von weiteren im Kreisgebiet, es wurden Ausweichquartiere für die Fledermäuse in der Nähe der Tunnel gebaut und spezielle Trennwandkonstruktion innerhalb der Röhren sollen den Fledermauspopulationen ermöglichen, in den Tunneln zu bleiben.
Sinnvoll und verhältnismäßig?
Riegger gestand beim Ortstermin, dass er am Anfang den Themenkomplex Tunnel und Fledermäuse unterschätzt habe, „aber wir haben mit dem Nabu zusammen ein gutes Konzept gefunden und das Ineinandergreifen von Natur- und Artenschutz und moderner Infrastruktur hinbekommen.“ Ob das alles sinnvoll und verhältnismäßig war, „muss man später diskutieren.“ Er könne nur jeden in Baden-Württemberg motivieren, moderne Infrastruktur mit dem Naturschutz zu kombinieren, es lohne sich. „Das Umsetzen der Maßnahmen muss allerdings schneller gehen, mit weniger Bürokratie“, warb er, denn „wir wollen die Menschen weg vom Auto auf die Bahn bringen“. Er betonte die Unterstützung von Gechingens Bürgermeister Jens Häußler und vom Althengstetter Altbürgermeister Clemens Götz in dem ganzen Prozess, „ohne die wäre es nicht gegangen.“
Dank an Landwirte
Er habe das Projekt von Anfang an unterstützt, unter anderem aus Solidarität mit Landrat Riegger und dem Landkreis, sagte Häußler. Lob gehe an Constanze Heck und Philipp Beck vom Landschaftspflegeverband, die das Projekt Waldweide federführend betreuen, „Ihre Expertise hat dem Projekt gutgetan.“ Und Dank gelte auch den Familien Böttinger und Eßlinger, „mit Ihnen haben wir zwei sehr gute landwirtschaftliche Betriebe gewinnen können.“
Nabu-Landeschef geht das Herz auf
„Mir geht das Herz auf“, gestand Nabu-Chef Enssle an der schon deutlich lichteren Waldweide. Durch die Beweidung der etwa 8,5 Hektar großen Waldfläche werde die Strukturvielfalt im Wald erhöht, der Kot der Tiere locke Insekten, Spinnen und Käfer an, die wiederum den Fledermäusen als Nahrung dienen. Christian Dietz, der ebenfalls anwesende „Fledermauspapst“ des Nabu, habe bei der Waldweide in nur zwei aufgehängten Fledermauskästen 81 Abendsegler gezählt, berichtete Enssle. Das zeige schon einen gewissen Erfolg, denn offene, sonnendurchflutete Waldgebiete sind ideales Jagdgebiet für Fledermäuse.
Bleibt es beim Starttermin 2025?
Enssle dankte Riegger und dem Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn „für die gute Zusammenarbeit, ich bin sicher, dass in einigen Jahren Menschen aus der ganzen Welt nach Calw kommen und schauen, wie hier alles unter einen Hut gebracht wird“. Auch der Kreischef schaut positiv in die nahe Zukunft in puncto Start der Hesse-Bahn, der sich Jahr um Jahr bisher verzögert hat und nun im Dezember 2025 stattfinden soll: „Wir sind guter Dinge, dass wir das hinbekommen.“
Die Weidetiere werden die Sommermonate künftig im Wald verbringen, im Winter dürfen sie zurück in den heimischen Stall. In der Zeit wird der Zaun an einigen Stellen geöffnet fürs Wild. Auf der Weidefläche wurden schon zahlreiche Bäume entfernt, alte Eichen und Buchen bleiben als Habitatbäume stehen. Nach und nach werden dann weitere Jungbäume entfernt – das fördert den lichten Waldcharakter.