Wie können Bauern ihre Weidetiere vor dem Wolf schützen? Die Albrechts im Südschwarzwald haben die Herdenhunde Buffo, Lori, Nanuk, Isolde – und deshalb keine Sorgen um ihre Ziegen.
Tief im Schwarzwald wird es bunt. Auf einer Lichtung im Windbergtal steht das silbergraue Gerippe einer abgestorbenen Fichte. Das Gras kämpft um seine Farbe. Stellenweise ist es von der Sonne sandfarben gedörrt. Wo der kleine Bach durch eine Senke läuft, ist es grün. Braune Punkte sprenkeln die Landschaft. Es sind Ziegen, ein paar Dutzend Bunte Deutsche Edelziegen.
Ihre einsame Weide liegt in einem von dichtem Wald umgebenen Hochtal. Der Bauer zeigt mit ausgestrecktem Arm auf den Punkt, wo der Bach zwischen den Fichten verschwindet. „Dort steht die Kamera, die das Bild vom ersten Wolfspaar aufgenommen hat.“Das war im Winter 2023. Bis dahin waren drei einsame Wolfsrüden durch den Schwarzwald gestreunt. Als sich eine Fähe zu einem von ihnen gesellte, nahm die Natur ihren Lauf. Die Welpen wuchsen im Südschwarzwald heran, irgendwo zwischen St. Blasien und dem Schluchsee. Lange konnte niemand sagen, wie viele Jungtiere es waren. Erst tappte ein Welpe in die Fotofalle, dann zeigte sie drei auf einem Bild.
Wölfe sind hungrig
Holger Albrecht bewirtschaftet mit seiner Frau Martina den Windberghof, der seit dem 16. Jahrhundert auf 900 Metern Höhe liegt. Sie halten Ziegen, ein halbes Dutzend Rinder, außerdem stehen fünf Ardenner Pferde im Stall, die Kaltblüter ziehen mit ihren kräftigen Beinen Pflug und Wagen.
Ein Wolf frisst jeden Tag drei bis fünf Kilo Fleisch. Auch die Welpen haben Hunger, keine Frage, und die kleinen Raubtiere lernen von ihren Eltern das Jagen. Im Sommer sind die Ziegen des Windberghofs Tag und Nacht draußen. Der Elektrozaun bildet kein unüberwindliches Hindernis. Bietet die Weide ein üppiges Buffet für das Rudel?
Der Bauer lächelt entspannt. Das liegt an den wollweißen Klecksen in der Landschaft. Sie heißen Lori und Buffo und sind Herdenschutzhunde der Rasse Maremmano-Abruzzese. „Weil sie da sind, kann ich nachts gut schlafen.“
Der Industriekaufmann wird Bauer
Holger Albrecht, Jahrgang 1971, bürstet das Klischee eines Schwarzwälder Bauern gegen den Strich. Bei der Arbeit trägt er eine Lederjacke aus den 80er Jahren und einen Fünftagebart. Das lange Haar hat er zu einem lässigen Dutt hochgesteckt. Sein Weg in die Landwirtschaft war lang. Nach dem Zivildienst machte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann, dann studierte er Agrarwissenschaft. 2003 kaufte er den Windberghof. Der gehörte einst dem mächtigen Kloster St. Blasien, nach der Säkularisation ging er 1806 in staatlichen Besitz über. Im 20. Jahrhundert wurde er derart heruntergewirtschaftet, dass Albrecht ihn zu einem Preis kaufen konnte, für den in Freiburg keine Zweizimmerwohnung zu kriegen wäre.
Es passte gut, dass seine Frau Martina eine Schreinerlehre gemacht hatte. Sein Bruder Oliver ließ sich ebenfalls auf das Abenteuer Schwarzwaldhof ein und kniete sich in die Arbeit des Restaurierens. Das traditionelle Glockentürmchen auf dem langen Dachfirst krönten die Albrechts mit einer selbstironischen Wetterfahne. Sie zeigt einen Narren, der sich im Wind dreht.
„In 20 Jahren hatte ich keine sechs Wochen frei“, sagt der Bauer. An Schulter und Knie musste er sich mehrfach operieren lassen – „das kommt nicht vom Golfspielen“. Mit seiner Frau zog er nicht nur zwei inzwischen erwachsene Söhne groß, sondern brachte den Schwarzwaldhof wieder in einen Zustand, dass er als Filmkulisse taugt. 2016 wurde hier „Das kalte Herz“ gedreht, jenes Schwarzwaldmärchen aus dem 19. Jahrhundert, das vom Raubbau an den Tannen dieses Gebirges erzählt. Moritz Bleibtreu spielte den Holländer-Michel, der als Flößer im Holzrausch reich und roh wurde. Die Fassade des Windberghofs mit den Holzschindeln und den Sprossenfenstern, die Geranien und Bienenkörbe gaben ein perfektes Bild ab. An einer Stelle musste allerdings der Computer helfen. Das riesige Dach, das jeden Schwarzwaldhof prägt, wurde von den Vorbesitzern mit Eternit gedeckt. „Daraus hat das Filmteam ein Strohdach gefaked“, erklärt Martina Albrecht.
Seit 1992 wird der Wolf in der EU geschützt
Im Gegensatz zu vielen Aussteigern, deren Träume beim Kontakt mit der rauen Wirklichkeit platzen, bauten sich die Quereinsteigerbauern mit zäher Energie eine neue Existenz auf. Sie lernten, dass die Natur kein Spielplatz ist für zivilisationsmüde Menschen. Hier dominieren wilde Kräfte. Rund um den Hof erlebten die Albrechts jeden Herbst die Brunft der Hirsche. Das Spektakel wurde allerdings zum Problem. „Die Hirsche rannten mir die Zäune nieder, danach musste ich meine Ziegen mühsam im Wald einsammeln“, erzählt Holger Albrecht. So kam er vor zehn Jahren auf die Idee mit den Herdenschutzhunden.
Damals streifte noch kein Wolf durch den Schwarzwald. Seit dem 19. Jahrhundert war das Raubtier hier ausgestorben. Biologen zählen es zu den großen Beutegreifern. 1992 stellte die Europäische Union den Wolf unter Schutz. Kein Jäger darf ihn schießen. Erst wenn ein Wolf nachweislich zweimal ein Nutztier gerissen hat, kann er entnommen werden, so die euphemistische Umschreibung der Juristen für den Todesschuss.
Holger Albrecht krault das kuschelige Fell von Lori und sagt stolz: „Diese archaischen Hunde sind das Bindeglied zwischen Natur und Gesellschaft. Über Jahrhunderte haben sie den Bauern Wohlstand ermöglicht.“ Über den Naturschutzbund bekam er damals einen Kontakt in die Schweiz. Dort wurde der Wolf schon früher wieder heimisch. Als er 2001 die ersten Ziegen riss, begann der Bauer und Tierarzt Alberto Stern aus Graubünden, Herdenschutzhunde zu züchten.
Der Schutzhund trifft seine eigenen Entscheidungen
Die sind nicht mit einem Hirtenhund zu verwechseln. Der wartet auf Befehle des Schäfers. Dagegen trifft der Schutzhund eigene Entscheidungen, sobald seine Herde in Gefahr gerät. Das zeigt sich, als eine Gruppe Wanderer die Weide am Windberghof passiert: Buffo bleibt bei den Ziegen, Lori rennt zum Zaun, um die vermeintlichen Eindringlinge zu stellen. Sobald er erkennt, dass diese friedlich außerhalb des Pferchs weitergehen, hört er auf zu bellen. In der Schweiz ging es nicht allen Wanderern so gut. Auf den Schafalpen in Graubünden, die nicht eingezäunt sind, schnappten Schutzhunde im Coronasommer 2020 nach insgesamt 26 Touristen. Sie kamen mit blauen Flecken davon, Bisswunden wurden nicht registriert.
In der Schweiz sind rund 300 Schutzhunde im Einsatz. Das Bundesamt für Umweltschutz hat eine 100 Seiten dicke „Vollzugshilfe Herdenschutz“ erarbeitet, deren Bedingungen müssen die Schweizer Schutzhunde erfüllen. Im Schwarzwald gehört Holger Albrecht zu den Pionieren. Für einen Hund erhält der Bauer von der Landesregierung 1900 Euro im Jahr, maximal vier Hunde pro Hof werden gefördert.
Auf der Nachbarweide e mit den jungen Ziegen liegen Nanuk und Isolde im Schatten eines Bergahorns. Die jungen Hunde stammen aus der eigenen Zucht. Sechs Welpen hat Albrecht in die Schweiz verkauft, diese beiden bildet er für seinen Hof aus. Eine Stunde am Tag arbeitet er mit ihnen. Führt sie in den Wald, damit sie dort keine Angst haben. Wenn die Ziegen zum Melken getrieben werden, müssen die Hunde lernen, keine Wanderer anzugreifen, die zufällig des Wegs kommen. Die Milch der Ziegen des Windberghofs wird zu Käse und Quark verarbeitet. Die Produkte in zertifizierter Bioqualität verkauft Familie Albrecht auf dem Wochenmarkt im Kurort St. Blasien mit seinem plätscherndem Flüsschen Alb und seinem grotesk alle Dimensionen sprengenden Dom.
Zäune gegen das Problemtier?
Das Land Baden-Württemberg setzt gegen den Wolf vorrangig auf Elektrozäune. Meinrad Joos sieht das kritisch. Der Präsident des Schwarzwaldvereins in Freiburg sagt: „Die Offenhaltung der Kulturlandschaft hat Vorrang vor dem Schutz eines Problemtiers.“ Er sieht den Tourismus in Gefahr: Wenn sich Wanderer und Natursportler überwiegend zwischen Zäunen bewegen müssen, machen sie lieber woanders Urlaub.
Der Wolf ist dem Menschen in mancher Hinsicht überlegen. Er hört besser, sein Riechvermögen ist besser, seine Ausdauer ist größer. In einer Nacht legt er bis zu 70 Kilometer zurück. Der Biologe Marcel Züger aus der Schweiz wollte ihm „eine würdige Rückkehr in die alte Heimat ermöglichen.“ Diesen Standpunkt vertrat er 1997. Er hielt ihn für ein scheues Tier, das sich von niedrigen Zäunen abhalten lässt und Großvieh aus dem Weg geht. Die Erfahrungen mit der wachsenden Population in Graubünden widerlegten seine Einschätzung. Ende des vergangenen Jahres lebten in der Schweiz 32 Wolfsrudel. Das Land änderte sein Gesetz: Im Dezember 2023 wurden zwölf von ihnen zum Abschuss freigegeben.
Was passiert, wenn im Wald ein neues Rudel heranwächst?
Auch im Schwarzwald blieb die Zeit nicht stehen. Ein Wolfswelpe ist von einem Auto überfahren worden. Als die Fähe erneut trächtig war, erlitt sie dasselbe Schicksal. Seither streift der Rüde wieder allein umher. Lori, der Ziegenbeschützer, ist jetzt elf Jahre alt und hat beschlossen, nur noch in Teilzeit zu arbeiten. „Manchmal bleibt er einfach im Stall liegen“, sagt Martina Albrecht. Dann passt Nanuk mit Buffo auf die Herde auf.
Holger Albrecht zeigt auf der Weide zum silbergrauen Baumgerippe, das wie eine Skulptur in den Sommerhimmel ragt. Er könnte die tote Fichte fällen, aber er sagt: „Der Schwarzwald ist schön, weil er so rau ist.“ Seine Ziegen fressen gemütlich vor sich hin. Was passiert, wenn im Wald ein neues Rudel heranwächst? Wenn die Welpen lernen, sich beim Angreifen zu verteilen? „Im Moment profitieren wir vom Wolf“, sagt Holger Albrecht. „Er hält uns das Rotwild in Schach. Was in der Zukunft sein wird, weiß ich nicht.“