Stuttgart – Lutz Schelhorn lebt seinen Traum als Mitglied der Motorrad-Gruppe Hells Angels. Die macht öfter Schlagzeilen, ist vielen Bürgern suspekt. Was steckt wirklich hinter der Subkultur, der sich aktuell ein Dokumentarfilm widmet? -
Herr Schelhorn, sind Sie ein Rocker?
Früher war das für uns ein Schimpfwort, die Amis kennen das gar nicht. Wir nennen uns Biker. Und die Weste mit Club-Abzeichen heißt nicht Kutte, sondern Patch. Inzwischen gebrauche ich diese Worte aber auch, weil sie den Leuten geläufig sind.
Wieso sind Sie Biker geworden?
Ich habe Freiheit gesucht. Meine Jungs und ich sind Motorrad gefahren, damals noch ohne Helm. Wir haben nur so viel gearbeitet, wie wir mussten, und gemacht, was wir wollten, in einer Gruppe, in der sich jeder auf den andern verlassen konnte. Das ist wie eine Großfamilie. Für mich ist Zusammenhalt unheimlich wichtig, auch in der Familie.
Ihr Bildband über die Angels trägt den Titel „Die letzten Krieger“ – wieso?
Da spiele ich mit Klischees. Aber wir ­nehmen eben nach wie vor nicht ­alles hin, ich bin immer noch ein Rebell. Man kann nur frei ­leben, wenn man sich nicht duckmäuserisch anpasst.
Wie frei fühlen Sie sich heute?
Die Freiheit ist komplett weg. Nicht nur bei uns im Club, weil wir besonders beobachtet und ständig kontrolliert werden. Die ganze Gesellschaft ist viel unfreier. Nach jedem Terroranschlag wird die Freiheit scheibchenweise weiter demontiert, nun durch die geplante Vorratsdatenspeicherung.
Torpedieren kriminelle Aktivitäten von Hells Angels in anderen Städten die Freiheit?
Was in anderen Chartern passiert, kann ich schwer beurteilen. Wir tragen dasselbe Club-Abzeichen, sind aber ein Haufen Individuen. Es gab es immer eine gewisse Nähe zum ­Milieu und unerfreuliche Vorfälle, die nicht im Sinne des Clubs sind, aber häufig stellen sich extreme Vorwürfe als haltlos heraus. Und ­jeder weiß: Wer gegen Recht verstößt, muss es ausbaden. So funktioniert der Rechtsstaat.
Bei den Angels kamen aber doch einige unschöne Schlagzeilen zustande.
In einem Strategiepapier von 2010 wird auf 60 Seiten beschrieben, wie unsere Subkultur systematisch plattgemacht werden soll. Alle staatlichen Organisationen sollen mithelfen, Ordnungsämter, Feuerwehr, technische Hilfswerke. Über die Medien sind Unwahrheiten lanciert worden, die sich übers Netz fortgepflanzt haben. Aktuell schrieb die „BZ“, der Film sei gewaltverherrlichend, und hat dann festgestellt, dass er ab zwölf ist. Da hatten es andere Blätter aber schon übernommen.
Es hat Verurteilungen und Verbote gegeben.
Eskaliert ist das erst in den letzten fünf Jahren. Da kamen Leute dazu, die die Ideologie nicht verstehen, nicht einmal Motorrad fahren. Junge Männer ohne Perspektive, die ständig suggeriert bekommen: Du brauchst das neue Smartphone, den tiefergelegten BMW. Das geht schlecht mit Hartz IV. Und dann lesen sie in der Zeitung: Bei den ­Rockern werden Millionen verdient. Die Clubs, die solche Leute wahllos genommen haben, bereuen das sehr. Die wiederum ­haben gemerkt: Mit Club-Abzeichen wird man sofort einkassiert. Die Angels galten immer als ­integer, ein Mann, ein Wort. Da geht ­gerade viel den Bach runter.
Sie dürfen Ihre Westen derzeit nicht tragen.
Das Landgericht Bochum hat vor kurzem den Begriff Sippenhaft gebraucht. Es hat festgestellt, dass nicht allen Bandidos das Tragen der Jacke verboten werden dürfe, nur weil einige Charter verboten sind. Ich hoffe, diese Sicht der Dinge setzt sich durch.
In Stuttgart ist seit Jahrzehnten nichts vorgefallen – was ist hier anders?
Als wir 1981 gerade Hells Angels geworden waren, saßen wir im Exil am Marienplatz. Das war unsere Kneipe, Punks und wir. Da kam Willy Pietsch und sagte: Ich bin Dezernatsleiter und für euch zuständig. Ich dachte: Was will der Bulle hier? Dann habe ich ihn als sehr integren Polizisten kennengelernt. Der hat uns nie angelogen, selbst als es ­Anklagen gab und andere Dezernate erwiesenermaßen Akten gefälscht haben. Genauso habe ich ihn nie angelogen. Das hat mit ­Respekt und Anstand zu tun. Wenn wir über etwas nicht reden konnten, haben wir ­geschwiegen. Beim 30-Jährigen 2011 waren 1200 Angels in der Stadt, auf der Königstraße, dem Weihnachtsmarkt. Die Polizei hatte Kräfte im Hintergrund, aber man hat sie nicht gesehen. Wir haben gefeiert, es gab keinen Ärger, keine Kontrollen, keine Schikane.
Prägend fürs Image war das Konzert der Rolling Stones 1969 in Altamont: Die Angels ­waren als Ordner engagiert, einer hat den Besucher Meredith Hunter erstochen.
Das ist ein Sonderfall. Die Stimmung war aufgeheizt, einer zieht eine Wumme, leider zufällig ein Schwarzer, und ein Hells Angel greift ein. So schrecklich das ist: Wer weiß, auf wen der geschossen hätte? Seitdem hängt den Angels der Ruf an, sie seien Rassisten und Gewalttäter und hätten die Hippie-Bewegung ­kaputt gemacht. Der Betreffende wurde des Mordes angeklagt und freigesprochen – Notwehr. Die Angels hat er verlassen. Für mich war das weder ein typisches Angels-Ding noch ein rassistisches Ding, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände.