Auch wenn man sich vonseiten der Helios-Klinik Ruhe wünschen würde: Die Diskussion um die Patientenversorgung und die Arbeitsbedingungen reißt nicht ab. Verzweifelte Mitarbeiter wenden sich erneut an unsere Redaktion.
Kreis Rottweil - Es sei ein "Schlag ins Gesicht", wie sich die Klinik jüngst wieder auf unsere Nachfrage zur Aufarbeitung der Patientenbeschwerden und zu Lösungen bei der Personalfrage geäußert habe. Dies sagt eine Mitarbeiterin, der die Verzweiflung anzumerken ist. Auch viele Kollegen hätten dies so empfunden. Es sei wieder einmal "geschönt" dargestellt worden, wie die Lage ist. "Die Realität sieht anders aus!"
Nach wie vor viele Reaktionen
Wie schon vor Monaten flammt die Entrüstung vor allem dann auf, wenn die Helios-Klinik sich selbst zur Lage äußert. Immer wieder scheint sich das, was die Klinikleitung unserer Redaktion auf Nachfrage mitteilt, nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu decken – zumindest in den Augen etlicher Mitarbeiter. Unsere Redaktion erreichen nach wie vor viele Anrufe und Schreiben – sowohl von Pflegekräften als auch von Patienten. "Bitte lassen Sie nicht locker", heißt es da.
Eine Mitarbeiterin sagt – auch im Namen von Kollegen: "Nachdem im Sommer regelmäßig über die Klinik berichtet wurde, war die Situation tatsächlich so, dass man sagen könnte, das Haus will etwas verbessern. Doch seit geraumer Zeit entwickelt es sich nun wieder rückwärts." Zahlreiche weitere Kollegen hätten gekündigt – dies bestätigen auch andere Stimmen, die uns erreichen. Pflegekräfte bezeichnen die Lage als "nicht mehr tragbar" – und ziehen die Reißleine.
Vieles bleibt auf der Strecke
"Man weiß bei dieser Arbeitsbelastung einfach nicht, wo man anfangen oder aufhören soll, man kann keinem gerecht werden und vieles bleibt auf der Strecke", wird uns berichtet. "Und hier ist von Menschen, deren Gesundheit und der Gesundheit von Mitarbeitern die Rede – nicht von Maschinen."
Das rekrutierte ausländische Personal sei noch in der Anerkennung und dürfe keine Schichten führen, sie verstünden oft auch kein deutsch und könnten deshalb auch nicht eigenständig Hilfsarbeiten ausführen. "Und die Pflegekräfte, die erst jetzt ihr Examen gemacht haben, stehen zum Teil seit Tag eins allein da, bekamen keine Einarbeitung, keine Unterstützung."
Untergrenzen werden nicht eingehalten
Und dann ist da der von der Klinikleitung angeführte Springer-Pool, der Ausfälle beim Personal abfangen soll. Laut Mitarbeiter-Aussagen sei dieser "von Anfang an fest im Dienstplan eingeplant", da es kein Personal gibt – deshalb könne er auch keinen Ausfall kompensieren.
Fazit: Die Untergrenzen – also die Festlegung, wie viele Patienten pro Pflegekraft betreut werden dürfen/sollen – würden nicht eingehalten. "Zum Teil hat man das Dreifache an Patienten zu betreuen", so der Vorwurf. Es gehe sogar so weit, dass im Dienstplan andere Berufsgruppen ausgeführt würden, die gar nichts mit der Patientenversorgung zu tun haben. "Auf dem Papier können so die Untergrenzen eingehalten werden, aber die Realität sieht anders aus."
Klinik-Leitung nimmt zu Vorwürfen Stellung
Das sind harte Vorwürfe, mit denen wir vergangene Woche wiederum die Klinikleitung konfrontiert und um Stellungnahme gebeten haben. Die Antwort erreicht uns diese Woche über die Pressestelle.
Darin heißt es, dass die Personalsituation in der Pflege unabhängig vom Standort und von der Trägerschaft eine große Herausforderung in der Klinikbranche sei und bleibe. Die Helios Klinik Rottweil bilde da keine Ausnahme.
Misere im Gesundheitswesen
In der Tat erreichen uns auch immer wieder Anrufe, die auf die generelle Misere im Gesundheitswesen hinweisen. Eine Frau aus dem Kreisgebiet berichtet, dass ihr Vater – trotz eines Darmverschlusses – in mehreren Kliniken der Region wieder heimgeschickt worden sei. Der Hausarzt habe nach einem Hausbesuch wieder den Krankenwagen gerufen – der Rettungsdienst habe verzweifelt nach einem freien Bett gesucht. Mehr oder weniger in letzter Minute sei ihm geholfen worden. "Das kann doch einfach nicht sein. Wir mussten tagelang kämpfen, dass er irgendwo in einem Krankenhaus bleiben kann", zeigt sich die Frau noch jetzt erschüttert.
Covid erschwert die Lage
Laut Helios-Klinikleitung erschwere die aktuell wieder zunehmende Anzahl an Covid-Fällen – unter Patienten und Mitarbeitern –, die Lage zusätzlich. "Die Patientenversorgung können wir derzeit nur mit vereinten Kräften aus Ärzteschaft, Pflege und den weiteren beteiligten Berufsgruppen aufrechterhalten." Man stehe dazu auch mit den umliegenden Krankenhäusern in Kontakt.
OPs werden nach Möglichkeit verschoben
Es handelt sich dabei um eine "Momentaufnahme", die sich bei weiterer Verschärfung oder Entspannung der Covid-Situation kurzfristig ändern kann. "Wir fokussieren uns derzeit auf die Notfallversorgung und terminieren planbare Operationen, soweit dies medizinisch gut vertretbar ist, auf einen späteren Zeitpunkt, um die Behandlungskapazitäten für die Notfälle freizuhalten."
Lage täglich neu bewerten
Die Klinikleitung sei sich der Situation sehr bewusst und unternehme die notwendigen Schritte, um den Personalbestand im Haus "kurz-, mittel- und langfristig aufzubauen und den Spagat zwischen Patientenversorgung und Mitarbeiterbelastung zu schaffen". Man müsse die Lage täglich neu bewerten. "Einige der Maßnahmen benötigen jedoch Zeit, bis sie greifen."
Zu den konkreten Vorwürfen erklärt die Klinikleitung: Um examinierte Pflegekräfte zu entlasten, seien unter anderem Mitarbeiter in Anerkennung auf Stationen im Einsatz. Sie hätten jedoch im Ausland bereits ihr Examen als Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger absolviert und verfügten über solides Fachwissen. Regelmäßig würden Sprachkurse besucht. Man sei über deren Einsatz sehr froh.
Springerpool in der Aufbauphase
Der Springerpool befinde sich aktuell "in der Aufbauphase". Ziel sei es, mehr Personal für diese Aufgabe zu gewinnen, damit er "nach unseren Vorstellungen einsatzbereit" ist.
Man vermeide es nach Möglichkeit, Personal auf anderen Stationen einzusetzen als geplant. "Jedoch zwingen uns kurzfristige Krankheitsausfälle teilweise zu solchen Maßnahmen, um die Patientenversorgung aufrechtzuerhalten."
Und was ist mit den Dienstplänen und dem Vorwurf, diese werden so gefüllt, dass auf dem Papier eben alles stimmt? Man gestalte diese so, "dass wir unseren Patientinnen und Patienten auf den Stationen und in den Bereichen eine bestmögliche medizinische Versorgungsqualität bieten", heißt es. Die Pflege obliege den examinierten Pflegekräften. Darüber hinaus gebe es in dem Teams Mitarbeiter mit anderen Qualifikationen, die zum Beispiel organisatorische und andere nicht pflegerische Aufgaben übernehmen.
Dank an Mitarbeiter
Klinikgeschäftsführer Tobias Grundmann erklärt: "Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern möchten wir an dieser Stelle noch mal ausdrücklich dafür danken, dass sie trotz aller Herausforderungen Tag und Nacht im Einsatz für die Patientinnen und Patienten sind." Man wisse ihr Engagement sehr zu schätzen.
Jeden Tag ein schlechtes Gewissen
Das Fazit einer dieser Mitarbeiterinnen: "Die Patienten können allgemein nicht so versorgt werden wie man es gerne hätte. Man geht jeden Tag nach der Arbeit fix und fertig mit einem schlechten Gewissen nach Hause." Sie sagt auch: "Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird."