„Ich spiele und singe mit der Seele“: 38 Jahre lang hat die Mezzosopranistin Helene Schneiderman das Profil der Staatsoper Stuttgart mit geprägt. An diesem Montag (4. Juli) verabschiedet sie sich mit einer ihrer Paraderollen: der Marcellina in Mozarts „Figaro“.
Sie war Carmen, Cherubino, Prinz Orlofsky, Hänsel, Dorabella, Penelope. Von Stuttgart aus hat die gebürtige US-Amerikanerin Helene Schneiderman international Karriere gemacht: als Sängerin mit Kontur, Charakter und großer Bühnenpräsenz.
Frau Schneiderman, ich konnte gar nicht glauben, dass Sie aufhören. Sie waren doch immer da.
Ich höre gar nicht auf! Nur muss ich leider gehen, weil die Behörden das so vorsehen. Ich werde aber als Gast wiederkommen. Und ich habe viel zu tun in anderen Theatern. In der Wiener Staatsoper werde ich wieder in Wielers und Morabitos „Ulisse“ als Penelope auftreten, in Hamburg und im Theater an der Wien singe ich die Old Lady in Bernsteins „Candide“, außerdem trete ich als Marcellina in „Figaro“ auf und als Larina in „Eugen Onegin“, gastiere in Toronto und Pittsburgh. Ich habe seit einigen Jahren auswärts auch sehr viel zu tun.
Warum waren Sie dann so lange so „häuslich“?
Ich hatte kleine Kinder, wollte auch für sie da sein. Und ich hatte hier eine tolle Zeit, habe in den letzten 38 Jahren mehr als fünfzig Partien gesungen.
Waren Sie nicht ursprünglich mal Sopranistin?
Nur ganz am Anfang. Lange habe ich an der Hochschule das sogenannte Zwischenfach zwischen Sopran und Mezzo bedient. Meine Lehrerin hat aber schnell gemerkt, dass ich ein lyrischer Mezzo mit Tiefe und mit Höhe bin. Ich habe dann viel Rossini gesungen, das konnte ich gut. Und in Hosenrollen war ich auch sehr glaubwürdig.
Hätten Sie etwas anderes werden können als Opernsängerin?
Aber ja! Ich wollte gar nicht Sängerin werden, sondern Erzieherin. Aber eine Lehrerin hat mir gesagt, ich hätte eine besonders schöne Stimme. Ich habe dann erst Musikpädagogik studiert, weil ich nicht wusste, dass man vom Singen leben kann. Und zuerst habe ich fast nur Lieder gesungen.
Zur Oper haben Sie erst später gefunden. Was mögen Sie dort?
Ich bin Perfektionistin, deshalb liebe ich es, in Proben ganz viel auszuprobieren. In den Vorstellungen selbst hat man dagegen nur eine einzige Chance. Deshalb machen mich Auftritte bis heute ein bisschen nervös. Ich habe aber viel Stanislawski studiert und Lee Strasbergs Method Acting, und wenn ich spiele, vergesse ich alle Angst und alle Tücken meiner Partien.
Auch in Mozarts Opern?
Ja! Dabei macht mir Mozart immer Durchfall (lacht). Die Partien – Cherubino, Dorabella – liegen oft in einem unangenehmen Bereich zwischen den Stimmregistern. Wenn man die Marcellina singen kann, dann ist man gut bei Stimme und gut im Körper. Das hält mich jung. Und diese Zwischenrollen, die nicht wirklich tief liegen, aber eine reife Darstellerin brauchen, sind meine Beschäftigungsgarantie.
Was waren die größten Glücksfälle in Ihrem Leben?
Dass ich einen Mann kennenlernen durfte, den ich immer noch liebe. Dass ich in Stuttgart engagiert wurde. Darauf war ich unendlich stolz, habe meinen Eltern geschrieben, ihr braucht kein Geld mehr zu schicken, ich bin jetzt reich und singe in einem berühmten Opernhaus. Und ein Glücksfall war auch, dass ich Mutter sein und trotzdem eine schöne Karriere machen konnte. Ich habe zwei wunderbare Töchter. Und es gibt kaum ein wichtiges Theater, in dem ich noch nicht gesungen habe.
Zu Ihrem 25-Jahr-Bühnenjubiläum haben Sie gesagt: Lieber singe ich eine kleine Partie unvergesslich als eine große Partie schlecht.
Das ist immer noch so. Ich bin die Königin der kleinen Rollen. Ich habe alles gesungen, was so über die Bühne läuft. Das Schauspiel macht mir so viel Spaß! Und Regisseure sind ja wie Köche. Ich sorge für die Zutaten, aber sie müssen etwas daraus machen und einen guten Geschmack haben.
Sind Sie eine Diva?
Ach was! Ich backe Brownies für die Kollegen und übernehme gerne auch mal eine Runde in der Kantine. Nur zu Hause muss ich manchmal die Diva spielen, um mich zu schützen – an Tagen, an denen ich Vorstellungen habe.
Eitel sind Sie aber schon?
Natürlich. Aber ich darf jetzt so alt aussehen, wie ich bin. Und mein Aussehen ist mir viel unwichtiger als meine Stimme. Vielleicht schreibe ich darüber mal ein Buch „Singing after 60“ – mit Übungen, wie man die Stimme jung halten kann.
Was tun Sie, um fit zu bleiben?
Ich versuche, täglich mindestens 10 000 Schritte zu gehen. Und meinen Hula-Hoop-Reifen habe ich immer dabei.
Wären Sie ohne Ihre Eltern Sängerin geworden?
Ich glaube nicht. Ich war so schüchtern. Aber meine Mutter hat immer für mich gesungen, und mir hat das Singen immer mehr Selbstsicherheit gegeben.
Mit Ihrer CD mit jiddischen Liedern und mit Ihren Liederabenden rund um die Biografie Ihrer Mutter, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, haben Sie viel Versöhnungsarbeit zwischen Juden und Deutschen geleistet.
Ja. Aber ohne meine Lehrerin, die 1980 sagte, ich solle in Deutschland vorsingen, wäre es dazu nicht gekommen. Ich wusste ja auch erst viel später als andere, dass ich Sängerin werden will. Ich war in allem spätreif.
Was ist Ihr wichtigstes Erfolgsrezept auf der Bühne?
Ich bin ehrlich. Ich spiele und singe so, wie ich bin, mit meiner Seele, und das versteht das Publikum. Was man studiert hat, ist nur die Grundlage dafür.
Helene Schneiderman und Mozarts „Figaro“
Leben
1954 geboren in Flemington, New Jersey, Gesangsstudium in Princeton und Cincinnati. 1982 Ensemblemitglied am Theater Heidelberg, 1984 Wechsel an die Staatsoper Stuttgart und internationale Gastauftritte. 1998 Ernennung zur Kammersängerin. Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille und dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg.
Abschiedsvorstellung
An diesem Montag um 19 Uhr singt Helene Schneiderman die Marcellina in Mozarts „Figaro“. Restkarten an der Abendkasse.