Sehen Sie ihn? Gut getarnt und kaum zu erkennen sitzt der Luchs in einem Waldstück im Südschwarzwald. Ein Autofahrer erkannte ihn trotzdem und schoss dieses Foto. Foto: MLR

Der Luchs ist zurück. Erstmals seit sechs Jahren ist im Südschwarzwald wieder ein wild lebendes Exemplar fotografiert worden. Dass es dort heimisch wird, ist eher unwahrscheinlich. Experten plädieren deshalb für eine Ansiedlung von Luchsen aus anderen Ländern.

Stuttgart/Freiburg - Mit solch einem Anblick hatte der Mann nicht gerechnet. Nichts ahnend fuhr er vor kurzem mit seinem Auto durch ein Waldgebiet, als er am Straßenrand ein ungewöhnliches Tier erblickte. Der Mann hielt an, stieg aus, zückte seine Digitalkamera, die er immer mit sich trug und fotografierte das Tier. Es war ein Luchs. Das haben ihm jetzt die Experten der Forstlichen Forschungs- und Versuchsanstalt (FVA) in Freiburg versichert. Die haben wochenlang das Foto analysiert und begutachtet und nun „eindeutig einen in Freiheit lebenden Luchs bestätigt“, wie Naturschutzminister Alexander Bonde (Grüne) sagt. Wo das Foto entstanden ist? Darauf will das Ministerium keine genaue Antwort geben. Nur eine ungefähre: im östlichen Südschwarzwald. Man wolle die Privatsphäre des Tieres schützen. Denn wenn Massen von Neugierigen an den Fundort trampeln, könnte das Tier ziemlich schnell genervt von dannen ziehen.

Der Luchs gehörte einmal zu den Ureinwohnern Baden-Württembergs. Doch das ist lange her. Im Jahr 1846 schoss ein Förster auf der Schwäbischen Alb das letzte frei lebende Tier. Seither hat der Luchs in ganz Europa eine Heimat gefunden – in der Schweiz, in Slowenien, in den Karpaten, nur eben nicht in Baden-Württemberg.

Kein Mitglied einer größeren Luchs-Population

Am Neujahrstag 2007 wurde ein Luchs auf der Autobahn bei Laichingen überfahren. In den Jahren danach entdeckten Wildtierbeauftragte hin und wieder Fährten im Schnee oder ein Reh, das durch einen Luchs-Biss in die Kehle getötet worden war. Das war aber auch alles. „Bisher konnten wir nie sicher sein, ob es sich auch tatsächlich um einen Luchs handelte“, sagt Rudi Suchant von der FVA. Mit den Fotos aus dem östlichen Südschwarzwald hat sich das geändert. Suchant ist überzeugt, dass es sich dabei um ein Einzeltier handelt und nicht etwa um ein Mitglied einer größeren Luchs-Population im Südschwarzwald. Das Tier könnte aus der Schweiz zu uns gewandert sein, vermutet er, und auch bald dorthin wieder zurückkehren. Luchse streifen auf einer Fläche von mindestens 100 Quadratkilometern umher, um genügend Beute zu finden. Sollte es sich um ein Einzeltier handeln, sinken aber auch die Chancen, dass es sich langfristig in Baden-Württemberg niederlässt. Der Naturschutzbund (Nabu) freut sich zwar, dass „zumindest einzelne Tiere wieder durch unsere Wälder streifen“, wie Nabu-Landeschef Andre Baumann sagt. Doch warum nicht der dauerhaften Ansiedelung von Luchsen ein wenig nachhelfen? So wie vor kurzem im Harz und im Bayerischen Wald oder wie in den Vogesen vor 30 Jahren, wo mehr als 20 Tiere ausgesetzt wurden, die meisten aus den tschechischen Karpaten.

„Eine natürliche Wiederansiedlung des Luchses in Baden-Württemberg ist fast unmöglich“, sagt Rudi Suchant von der Forstlichen Forschungs- und Versuchsanstalt in Freiburg. Die Wiederansiedlung durch Menschenhand – diesem Thema „wollen wir uns nun aktiv zuwenden“. Es ist ein heikles Thema. Vor einigen Jahren wurde eigens die Arbeitsgemeinschaft Luchs gegründet mit zwanzig Interessengruppen, die sich zweimal im Jahr treffen: von Behörden über Naturschützer, Bauern und Jäger. In diesem Arbeitskreis dürfte sich das weitere Schicksal des Luchses entscheiden – denn dessen Wiederansiedlung gelingt nur, wenn alle ­Betroffenen dahinterstehen.

„Zugewanderte Luchse sind uns jederzeit willkommen“

Zumindest die Jäger sehen das skeptisch. Landesjägermeister Dieter Deuschle hat zwar die Patenschaft für den im Südschwarzwald entdeckten Luchs übernommen. „Zugewanderte Luchse sind uns jederzeit willkommen“, sagt er. Doch hierher gebrachte Luchse lehnen die Jäger ab. Dies entspreche nicht dem Willen der Natur. „Wir wildern ja auch kein Rotwild im Schwäbisch-Fränkischen Wald aus“, heißt es im Landesjagdverband.

Und so bleibt den Luchs-Fachleuten vorerst nur die Hoffnung, möglichst alles über das jetzt fotografierte Tier zu erfahren. Suchant und seine Kollegen wollen Fotofallen rund um den Fundort aufstellen, um weitere Bilder zu machen. Suchants Traum ist es, das Tier einzufangen, es mit einem Halsbandsender auszustatten und dann wieder freizulassen. „Damit könnten wir nachvollziehen, wohin das Tier wandert.“

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