Hat dem Ansturm von Arbeitern am 19. November 1923 standgehalten: das Ebinger Rathaus. Foto: Stadtarchiv Albstadt/Mayer

Zum 100. Mal jährt sich an diesem Wochenende der „Sturm auf das Ebinger Rathaus“, der mit einem Tarifstreit eher harmlos angefangen hatte. Heimathistoriker Wilhelm Maute, inzwischen 95, gehört zu den wenigen, die darüber geschrieben haben.

„Wilder Most gärt immer am Anfang am meisten“, schreibt Heimathistoriker Wilhelm Maute in seinem Buch „Vergessene Ereignisse aus fünf Jahrhunderten, zugetragen in der Stadt Ebingen“. Damit spielt er auf die Entstehung jenes Unmuts an, der zum Rathaussturm am 19. November 1923 geführt hat.

 

Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise. „Selbst die Stadt verordnete ihren städtischen Arbeitern ‘Kurzarbeit‘, weil sie nicht mehr das Geld hat, sie zu bezahlen. Die Bürger halten Billionen Papiermark in ihren Händen, aber es ist eben – Papier!“ so Maute, der Verwaltung und Gemeinderat bescheinigt, sich wirklich um die Bedürftigen zu kümmern: Sie hätten versucht, niedrigere Mehlpreise auszuhandeln. Doch die Inflation gallopiert. Es herrscht bittere Not, welche die Währungsumstellung zur Rentenmark am 15. November 1923 bessern soll.

29 Pfennige Stundenlohn – das war zu wenig

„Schließlich treten die Textilarbeiter in den Streik“, berichtete Maute. „Die Metaller machen nach ein paar Tagen aus Sympathie mit.“ Sie wollten mehr als bei den Tarifverhandlungen in Stuttgart herausgekommen war. 29 Pfennige Stundenlohn waren ihnen zu wenig.

Stadtschultheiß August Spanagel gelingt es nicht, die Streithähne zusammenzubringen, und so kommt es am 17. November zu einer Protestversammlung, für welche die Turnhalle viel zu klein ist. 2000 Arbeiter gehen auf die Straße, ziehen zum Rathaus, und Spanagel verspricht, für Montag, 19. November, einen Vertreter des Arbeitsministeriums hinzu zu ziehen.

Der kommt tatsächlich am Montag zum Treffen der Tarifpartner, das abermals 2000 Demonstranten flankieren. Doch er besteht auf dem Stuttgarter Tarifergebnis.

Am Abend fliegen die ersten Steine

Gegen 18 Uhr hätten die draußen – bitterkalt soll es gewesen sein – die Geduld verloren. „Einige Hitzköpfe schleppen nun Steine herbei“, schreibt Maute. „Die ersten Steine fliegen.“ Fenster des großen und des kleinen Sitzungssaales im Rathaus gehen kaputt. „Eine Gruppe stürmt die breite Rathaustreppe hinauf und poltert gegen die zweiflügelige Eingangstüre. Verschlossen!“ heißt es weiter. Spanagel berichtet später von „mehreren Sturmläufen“ gegen die Rathaustür, und Polizeirat Baur weigert sich, seine Polizisten schießen zu lassen: „Man schießt nicht auf Leute, die man kennt.“

Heimathistoriker Wilhelm Maute erinnert an ein vergessenes Ereignis. Foto: Schweizer

Um der Demonstranten Herr zu werden, schickt der eilends alarmierte Tübinger Polizeichef 100 Mann seiner Polizeiwehr mittels Sonderzug nach Ebingen. Weil der Dampfzug aber lange braucht, liegen im Rathaus die Neven „ziemlich blank“, wie Maute berichtet.

„Doch nun bekommen die Eingeschlossenen zwei Verbündete“, so Maute: Hunger und Langeweile. Einer nach dem anderen sei abgezogen – und die Mitglieder der Tarifkommission können sich ab 22.30 Uhr nach Hause wagen. Dort hätten sie allerdings „völlig verstörte Familienmitglieder und kaputte Wohn- und Schlafzimmerfenster“ vorgefunden, schreibt Maute weiter. Die Demonstranten hätten sich andere Ziele gesucht, als sie merkten, „dass sie sich am Rathaus die Zähne ausbeißen würden“.

Die Zeitung hat damals nicht berichtet

Wie viele Fenster in dieser Nacht „zerdeppert“ wurden, hat Wilhelm Maute in seiner Geschichte akribisch notiert. Darunter war auch jenes der Zeitung „Neuer Albbote“. Dass die Reparatur 1,56 Millionen Mark – Inflation! – gekostet habe, ist laut Wilhelm Maute in der einzigen Zeitungsmeldung vermerkt, die in Zusammenhang mit dem Rathaussturm vom 19. November 1923 steht.

Der Schwarzwälder Bote holt dieses Versäumnis nach und erinnert an diese Ereignisse – wenngleich längst nicht so ausführlich und spannend erzählt wie in Wilhelm Mautes Buch. Es ist 1999 im Silberburg-Verlag erschienen.