Der Direktor des Deutschen Harmonikamuseums, Salvatore Martinelli, lud zu einer Führung ein.
Um es vorweg zu nehmen – eine Führung mit Salvatore Martinelli, unter dessen Leitung seit rund anderthalb Jahren das Deutsche Harmonikamuseum steht, hat nichts mit einem angestaubten Museum zu tun. Ganz im Gegenteil, er versteht es als Historiker auf ganz besondere Art und Weise, die Spannung bei den Besuchern hochzuhalten, diese aber immer wieder mit Fragen in die jeweilige Materie mit einzubeziehen.
Und wer glaubt, das seit mehr als drei Jahrzehnten in Trossingen, zunächst in der Löwenstraße und seit 2016 im Hohner-Areal bestehende Deutsche Harmonikamuseum genauestens zu kennen, der wird von Martinelli schnell eines Besseren belehrt.
Mit herzerfrischender Art berichtet er immer wieder von seinen neuesten Erkenntnissen und Funden, in die er sich sehr tiefgründig schwerpunktmäßig über das Stadtarchiv eingearbeitet hat. So befindet sich seit neuestem gleich im Eingangsbereich eine neue kleine Vitrine. Auf den ersten Blick scheint es als, handle es sich bei dem Exponat um ein Handy, ist es aber nicht. Es ist die die wohl älteste diatonische Mundharmonika aus der Werkstatt von Christian Messner mit dessen Initialen C.M. Die Gravur verweise auf eine Knittlinger Stimmung in F-Dur, so Salvatore Martinelli. Entstanden sei das Instrument zwischen 1830 und 1850, noch vor der Serienproduktion.
Ein Uhrenhändler brachte sie mit
Doch wie kam eigentlich die Mundharmonika nach Trossingen? „Über einen Uhrenhändler aus Villingen, der sie zu Fuß aus mitgebracht hatte.“ Christian Messner habe sie erworben und sie „Wienerin“ genannt. Als sie verstimmt war, habe er sie geöffnet und sie repariert. „1830 hat er sich entgegen dem Willen seines Vaters, der ihn hieß etwas „G’scheides“ zu lernen, selbstständig gemacht und Mundharmonikas gefertigt, sogar in Serie. Und schon im 19. Jahrhundert hat es eine Art „Werkspionage“ gegeben, so dass am Ende Matthias Hohner der größere Mundharmonikaproduzent geworden ist.
Die Mundharmonika wurde zum Topverkaufsschlager in den USA wurde und als Seelentröster für die vielen Auswanderer, die sich so mit ihrer Heimat identifiziert haben.
In den Jahren zwischen 1890 und 1900 galten Mundharmonikas in den USA als Spielzeug, weil Spielzeug mit zehn Prozent bezollt wurde, Musikinstrumente dagegen mit 40 Prozent. Zölle haben also schon vor rund 125 Jahren eine große Rolle gespielt. Im Jahr 1913 seien sieben Millionen Instrumente verkauft worden, berichtete Salvatore Martinelli.
Da im Ersten Weltkrieg Material Mangelware war, vor allem Messing, denn Stimmplatten wurden zu 98 Prozent aus Messing hergestellt, sei man auf die Idee gekommen, Stimmzungen aus 98 Prozent Zink herzustellen und mit zwei Prozent Messinglegierung. „Die Produktionskosten waren somit so günstig wie nie, das komplette Instrument aber auch so teuer wie nie – daher kam das viele Geld“, wusste Martinelli.