Im besten Fall die Geschichte eines viel zu kurzen Lebens erzählen – das ist ein Herzensanliegen von Markus Lais aus Zell. Der frühe Tod des eigenen Opas gab den Anstoß.
Der Zeller hat bereits ein Buch über Gefallene aus dem Oberen Wiesental herausgebracht und forscht weiter.
Ein Schlüsselerlebnis war einst der Auslöser für die Erforschung einer Tabuzone. Markus Lais war schon bald 30 Jahre alt, als er im Elternhaus seines Vaters in Wildböllen in der Schublade ein vergilbtes Schwarzweis-Foto fand und fragte: „Wer ist das denn?“ „Das ist Dein richtiger Opa“, lautete die Antwort. Der tatsächliche Opa väterlicherseits war also schon lange tot. Da war die Neugier geweckt und der Drang, etwas über die schlimme Nazi-Zeit und ihre Opfer herauszufinden. Die Witwe, die nach dem Krieg mit zwei Kindern bald nach der Todesnachricht mittellos dastand, ging kurz darauf eine Zweckehe ein. Lais erkannte bald, dass in der Familie keiner über das düsterste Kapital deutscher Geschichte erzählen konnte oder wollte.
Den Kriegsopfern einen Namen geben
Aber das Bild eines Mannes, jünger als er selbst, ließ ihn nicht los. Er wollte dem Kriegsopfer nicht nur einen Namen geben, sondern auch seine Geschichte kennenlernen.
Über seinen eigenen Opa fand der Industriekaufmann immerhin heraus, dass der Wembacher in der Zell-Schönau Textilfabrik arbeitete, bis er gegen Kriegsende zum Arbeitsdienst im Elsass herangezogen wurde. Als die Aliierten heranrückten, musste er zum Schanzen in die Vogesen, von wo er nie wieder zurückkehrte. Ein Kamerad aus Schönau wusste zu berichten, dass der Großvater als junger Mann offenbar den Zug verpasste hatte und von den Franzosen in ein Gefangenenlager verschleppt wurde, wo er verhungerte.
Unterstützung vom Verein Zeller Archive
„Es sind viele Namen, die der Krieg hinterlassen hat“, schreibt die Vorsitzende des neuen Vereins Zeller Archive, Bettina Janietz, über die Nachforschungen des Gründungsmitglieds Markus Lais.
„Eingemeißelt in Stein, verzeichnet in Listen. Doch ein Name ist nie nur ein Name. Hinter jedem steht ein Mensch. Und ein Schicksal.“
Mit dem Thema „Gefallene und Vermisste des Oberen Wiesentals“ will der Verein diese Geschichten sichtbar machen und bündeln.
Über 200 Vermisstenbände des Roten Kreuzes
Markus Lais ließ die Vermisstenforschung nicht los. Während immer mehr Zeitzeugen, die noch etwas aus erster Hand berichten könnten, sterben, gräbt sich der Hobby-Forscher immer tiefer in die Materie ein. Inzwischen ist er im Besitz sämtlicher über 200 Vermisstenbände des Deutschen Roten Kreuzes und stellt fest, dass Museen wie das Dreiländermuseum in Lörrach kein Interesse an den Zeitzeugnissen haben. Die Schrecken, das Leid und Elend der Betroffenen und ihrer Angehörigen droht in Vergessenheit zu geraten. Das ist der innere Auftrag des Zellers, der die Erinnerung wach halten will. Warnung und Mahnung vor den Schrecken des Krieges statt Heroisierung und Glorifizierung sind seine Triebfeder.
Kürzlich hat er wieder ein junges Opfer gefunden: Ludwig Thoma aus Käsern. „Ein Bübchen ist auf dem Bild zu sehen. Was konnte der für den Krieg?“ will Lais wissen und gibt zu bedenken, dass es Familien im Wiesental gab, in denen nach dem Krieg kein einziger Mann mehr lebte. „Werden Kriege heute wieder hoffähig, weil wir die Vergangenheit nicht kennen?“ will Lais wissen. Und weiter: „Man lernt die heutige Zeit erst zu schätzen, wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt.
Die persönliche pessimistische Einschätzung angesichts weltweiter Konflikte lautet: „Der Mensch lernt offenbar nicht dazu.“
Wenig Interesse seitens der Kommunalpolitik
Immerhin konnte Lais inzwischen jedem Dritten der 184 Gefallenen aus Zell ein Bild zuordnen und weitere Opfer benennen, die noch nicht auf der Gefallenentafel auf dem Friedhof erwähnt sind. Zum Beispiel Franz-Xaver Schlageter, nicht zu verwechseln mit dem von den Nazis als Märtyrer verehrten Namensvetter aus Schönau. Der ehemalige Bürgermeister Peter Palme habe aber wenig Interesse an einer Komplettierung der Gefallenenliste des Friedhofs gehabt, bedauert Lais. Bei den Zeller Archiven erlebt er jetzt eine Plattform, die seine Forschung vermutlich weiterbringt.
Dieses Projekt lebt von der Unterstützung aus der Bevölkerung des Oberen Wiesentals von Todtnau bis Zell.
Und so fragt Markus Lais: Wer hat noch Dokumente oder Fotos aus der unseligen Zeit? Besonders hilfreich sind Wehrpässe, Soldbücher und sogenannte Sterbekärtchen mit Portraits verstorbener Soldaten. Dabei handelt es sich um eine Art Todesanzeige, die alte Frauen in ihren katholischen Gebetsbüchern zur Erinnerung mit sich führten.
Wer mit Geschichten der Gefallenen und Vermissten oder persönlichen Erinnerungen zur Heimatforschung beitragen möchte, kann Markus Lais per E-Mail kontaktieren unter Markus.Lais@yahoo.de.