Er war ein Mann, den die Balinger achteten. Gleichwohl taten sich auch Risse in seiner Biografie auf. Nun soll die Grabstätte des Heimatdichters Karl Hötzer aufgelöst werden.
Wer dieser Tage durch den Balinger Friedhof läuft, wird es vielleicht bemerkt haben – das kleine Schild auf dem Grab, in dem Karl Hötzer gemeinsam mit seiner Ehefrau Gertrud ruht. „Das Nutzungsrecht der Grabstätte läuft Ende des Jahres ab“, ist darauf zu lesen. Versehen mit dem Hinweis, sich bei Interesse an einer Verlängerung an die Stadtverwaltung zu wenden.
Der Heimatdichter Karl Hötzer gilt als bedeutende Persönlichkeit der regionalen Literatur- und Kulturgeschichte. Am 12. Juni 1892 in Balingen geboren, wandelte er beruflich auf den Spuren seines Vaters und wählte ebenfalls den Lehrerberuf. Von 1920 bis 1928 unterrichtete er in Nehren. Unter dem Stichwort „Nehrener Köpf`“ ist auf der Homepage der Gemeinde sein Mundartgedicht „Naihre`“ zu lesen, das während dieser Zeit entstanden ist und aus Anlass der 900-Jahr-Feier als Heimatlied vertont wurde.
Stets dem lokalen Dialekt verpflichtet
1928 kehrte Karl Hötzer in die Eyachstadt zurück, in der er zehn Jahre als Lehrer wirkte, bevor er von 1938 bis zu seiner frühen Pensionierung Oberlehrer in Tübingen war. Seiner Heimatstadt Balingen hat er zahlreiche Gedichte und Erzählungen gewidmet. Stets dem lokalen Dialekt verpflichtet, hat er ihre Plätze, Menschen und Traditionen darin verewigt. „S goht uf d Loche“, lautet etwa der Titel eines seiner Bände. Oder „Balenger Gschiichte“, in denen auch die Frage beantwortet wird: „Worom hoaßt ma d Balenger `Loable`?“
„Es geht um das erinnernde Bewahren von Wesenszügen einer überschaubaren Heimat, die als solche zu identifizieren ist“, heißt es im Vorwort zu Hötzers Band „Schwäbische Gedichte und Geschichten.“ Bis heute erinnert der Klang der vier Glocken auf dem Balinger Rathausdach an einen von Karl Hötzer verfassten Spruch: „Hört unsern Schlag. Wir grüßen den Tag. Wir künden die Nacht. Gott hält die Wacht.“
Er war „ein Mann, den die Balinger wertschätzten und achteten“, wird in den Heimatkundlichen Blättern in Zusammenhang mit der Neuauflage seiner Gedichte und Geschichten erwähnt.
Einstufung: „Der Betroffene ist Mitläufer.“
1967, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Karl Hötzer mit dem Ehrenring der Stadt Balingen ausgezeichnet. Nicht ausgeblendet bleiben allerdings die „Risse“ in seiner Biografie, die in späteren Jahren auch auf seine Heimatstadt ausstrahlten: Hötzers Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus, die durch die Spruchkammer am 13. August 1948 erfolgte Einstufung: „Der Betroffene ist Mitläufer.“ Und die dem Spruch angefügte Begründung: „Mitglied der NSDAP ab 37 NSV, NS Lehrerbund.“
In der Folge entbrannte in der Eyachstadt 2001 eine Diskussion, im Zuge derer der „Hötzersaal“ in der Stadthalle in „Kleiner Saal“ umbenannt wurde. 24 Jahre später soll nun die Grabstätte von Karl Hötzer aufgelöst werden. Ein üblicher Vorgang auch bei einem Träger des Ehrenrings? Genaueres weiß Pressesprecher Dennis Schmidt. „Das Grab Karl Hötzers ist ein normaler Grabtyp, der sich nicht automatisch verlängert“, teilt er auf Anfrage mit.
Grabnutzung läuft zum Jahresende 2025 ab
Die 1967 verliehenen Auszeichnung sei mit keiner Ehrung über den Tod hinaus verbunden. Eine etwaige Verlängerung des Nutzungsrechts der Grabstätte erfolge „in solchen Fällen durch Einzelfallentscheidungen der Ehrenkommission des Gemeinderates, solange sich die Angehörigen bereit erklären, die Grabpflege aufrechtzuerhalten.“
2020 habe die Ehrenkommission entschieden, die Grabnutzung letztmals um fünf Jahre zu verlängern. Dies sei auch der mittlerweile verstorbenen Tochter damals so mitgeteilt worden. „Entsprechend läuft die Grabnutzung zum Jahresende 2025 ab und der Hinweis ist vom Friedhofspersonal folgerichtig angebracht worden“, ist von Seiten der Stadt zu erfahren.