Heiko Stachel fotografiert Stuttgarter Bauten und Räume, kurz bevor sie verschwinden: Seine faszinierenden virtuellen Rundgänge sind derzeit im Stadtpalais in einer Ausstellung zu sehen. Wir waren mit dem 360-Grad-Fotografen auf Tour – in einem Bunker auf dem EnBW-Gelände in Stuttgart.
Wer hat die Kaffeetasse auf dem Schaltpult vergessen? Verloren steht sie auf der grasgrünen Tischplatte, die von Schaltknöpfen übersät ist. Überall Tastaturen, Monitore, Schaltbilder. Aber kein Strahl Tageslicht. Die verbunkerte Leitzentrale der Technischen Werke der Stadt Stuttgart liegt tief unter der Erde, im Keller eines Büro- und Werkstattgebäudes auf dem Stöckach-Gelände der EnBW in Stuttgart.
Die Tage der EnBW-Bauten sind gezählt
Die Not-Leitzentrale wurde 1984 erbaut, um im Kriegs- oder Katastrophenfall die Stromversorgung für die Stadt zu gewährleisten. Doch die Tage der labyrinthischen Bunkerräume sind gezählt. Ein Ort wie gemacht für den Stuttgarter Fotografen Heiko Stachel. Schon hat er sein superleichtes Carbon-Stativ platziert, um festzuhalten, was bald nicht mehr da sein wird: Notstromaggregat, Luftfilteranlage, Dekontaminationszelle. Die meisten EnBW-Bauten müssen dem neuen Stadtquartier weichen, das am Stöckach entstehen soll.
Faszinierende virtuelle Rundgänge
Stachel fotografiert seit 2012 Abrissbauten, die 360-Grad-Fotografie ist seine Spezialität. Der gebürtige Stuttgarter, der nach dem Abitur Architektur studierte, fertigt Panoramaaufnahmen an und kombiniert diese später am Computer mit Hilfe von Software-Programme zu faszinierenden interaktiven Rundgängen: Der Betrachter der Fotos kann dank eines Grundrisses virtuell durch die Bauten schreiten, sich drehen, Details heranzoomen – wie beispielsweise die randvoll mit Schlüsseln gefüllte Pappschachtel, die ebenfalls auf dem Schaltpult vergessen worden zu sein scheint.
Die Kinderklinik Olgäle, der Stuttgarter Hauptbahnhof, das alte Mineralbad Berg, der AER-Club, die Fabrikhallen des Schoch-Areals in Feuerbach. All diese Bauten und Orte hat der 49-Jährige schon dokumentiert – seine Arbeit ist derzeit im Stadtpalais in der lohnenswerten Ausstellung „VRgangene Orte“ zu sehen. Spektakulär ist die Reise durch Raum und Zeit besonders dann, wenn sich Räume entdecken lassen, zu denen man nicht einmal Zugang gehabt hätte, als diese noch existierten. Zu dieser Sorte wird auch der EnBW-Bunker gehören.
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Das EnBW-Gelände ist so groß wie sechs Fußballfelder, ein Dutzend Gebäude. Stachel hat bislang nur einen Bruchteil abgearbeitet. Objektmanager Rolf Hartmaier begleitet ihn – er hat sämtliche Schlüssel zu den Räumen. „Die Leitzentrale ist auf 24 Personen ausgelegt, Angehörige des technischen Personals. Drei Wochen könnte man in dem Bunker überleben“, weiß er. Menschen wie Hartmaier sind wichtige Helfer für Stachel, weil sie ihm Zutritt zu den oftmals für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglichen Räumen verschaffen, erzählt Stachel, während er mit seinem Stativ samt daran fixierter digitaler Spiegelreflexkamera schon zum nächsten Fotografierpunkt eilt.
Alle zwei Minuten ein Panorama
Alle zwei Minuten ein Panorama. Distanz einstellen, scharf stellen, prüfen, ob das Stativ eben steht, Belichtung checken, auslösen. Sieben Aufnahmen pro Standpunkt: sechs ringsum und eines nach oben. Fotografieren im Akkord. Er arbeitet mit einem Fischaugenobjektiv, um die Fotos weitwinklig zu bekommen. Ein wichtiges Tool sei der sogenannte Nodalpunktadapter, erklärt er seine Ausrüstung, er sorge dafür, dass der Brennpunkt des Objektivs mit dem Rotationsmittelpunkt des Stativs identisch sei. „So können sich Vorder- und Hintergrund nicht verschieben, wenn ich die Kamera drehe.“
Bauten prägen die Identität der Stadt
Stachels interaktive Panoramafotografie stößt auf großes Interesse. So kooperiert er mit dem Stuttgarter Stadtarchiv, das die Rundgänge für die digitale Langzeitarchivierung nutzt. Museen, etwa das Haus der Geschichte, beauftragen ihn, ihre Ausstellungen als Rundgang zu fotografieren, zu Dokumentationszwecken, manchmal aber auch, um sie im Netz zu präsentieren. Für diese Aufträge erhält er Geld, die Abrissbaufotografie betreibt er als Hobby. Seinen Lebensunterhalt verdient der Familienvater zudem an der Universität Stuttgart, wo er an der Architekturfakultät Vorlesungen über die Grundlagen Darstellender Geometrie und Architekturdarstellungen hält.
Das Haus der Großeltern – für immer perdu
Warum die zeitintensive Knochenarbeit? Die Erinnerung bewahren, darum geht es ihm. „Es ist oft einfach schade, wenn die Häuser verschwinden“. Wie gern, sagt er, würde er noch einmal durch das Haus seiner Großeltern spazieren. Doch er hat es versäumt, die Räume, die seine Kindheit prägten, fotografisch zu dokumentieren. Sein Elternhaus und auch sein eigenes hat er deshalb vorsorglich fotografiert.
So übernimmt der Fotograf eine wichtige Dokumentationsrolle, denn in Zeiten, in denen Immobilien Renditeobjekte sind, hat der Abriss Konjunktur. „Viele Bauten mögen vielleicht aus Sicht der Denkmalpflege nicht schützenswert sein, sind aber prägend für das Stadtbild, für die Identität der Stadt“, sagt Heiko Stachel.
Die Arbeit geht ihm nicht aus
Bei der EnBW rechnet er mit fünfzig Stunden reiner Fotografierarbeit. Fürs Zusammenpuzzeln am Computer veranschlagt er noch einmal 200 Stunden. Noch aufwendiger wird es, wenn er die Rundgänge so bearbeitet, dass sie per VR-Brille dreidimensional erlebbar werden; in der Stadtpalais-Ausstellung gehören diese Stationen zu den Highlights. Am Eingang der Schau können Besucher auf einer Stuttgart-Karte Zettel hinterlassen, mit Hinweisen auf Orte, von denen sie wissen, dass sie vom Verschwinden bedroht sind. Es sind schon jede Menge Post-its zusammengekommen.
Heiko Stachels virtuelle Rundgänge im Stadtpalais und im Netz
Ausstellung
Die Schau „VRgangene Orte“ ist noch bis 26. Juni im Stadtpalais – Museum für Stuttgart in der Konrad-Adenauer-Straße 2 zu sehen. Geöffnet Di – So 10 bis 18 Uhr.
Führungen
In einer Sonderführung am 26. Juni, 14 Uhr, Salon Sophie, gibt Heiko Stachel einen Überblick über die Ausstellung und ihre neun Themenbereiche. Er erzählt von den Highlights seiner Erlebnisse beim Fotografieren in Stuttgart und erläutert die Hintergründe der Ausstellung: Warum und seit wann fotografiert er Stuttgarter Orte, die bald der Vergangenheit angehören? Zudem bietet sich die Gelegenheit, seine Ausrüstung kennenzulernen und Fragen zu stellen.
Homepage
Auf www.zitronenwolf.de präsentiert Heiko Stachel seine fotografische Arbeit, dort kann man sich durch zahlreiche virtuelle Rundgänge klicken. Und natürlich kann man dort auch die Stadtpalais-Ausstellung virtuell besuchen.
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