Selbstbewusst auf einer Bühne zu tanzen und zu rappen, auch das gehört zum Feriencamp. Der Heidelberger Hip-Hop zählt seit vergangenem Jahr zum immateriellen Kulturerbe der Bundesrepublik. Foto: Vanessa Leitschuh

Einst war Heidelberger Romantik, heute ist Heidelberger Hip-Hop. Dass dazu mehr gehört als Rap, Graffiti und Breakdance, lernen 32 Kinder im Feriencamp des Freien Hip-Hop-Instituts.

Der Junge tritt ans Mikrofon. Kinnlange, schwarze Strähnen fallen ihm wie ein Vorhang ins Gesicht. Schon rappt er los: „Ich bin der Beat Sprayer, Heidelberger MC, der Reim-Player, rocke jede Party . . . “ Er nuschelt die Worte ins Mikro, als fehlten seinen Sätzen die Zeichen – und wirkt auf der Bühne selbst wie ein Komma am Satzende, als gehöre er da nicht hin. „Super!“, lobt ihn der Hip-Hop-Lehrer. „Und jetzt noch mal, aber mit Attitude. Mach dich groß, bleib cool.“

 

Der Andrang zum ersten Hip-Hop-Camp für Kinder bis 13 Jahren ist enorm. 32 dürfen mitmachen, doppelt so viele wollten dabei sein – und das in den Ferien. Sie sollen in der Woche lernen, sich auf eine Art auszudrücken, die ihnen liegt. Lernen, auf einer Bühne zu stehen. Lernen, was Hip-Hop bedeutet. „Ey, gehts gut? Habt ihr Bock?“, ruft ein Lehrer in die Runde. „Jooo“, antworten die Kinder.

Hip-Hop, entstanden in verwahrlosten Großstadtvierteln, ist heute eines der bestimmenden Musikgenres. Eines, das der Unterhaltungsindustrie viel Geld bringt. Hip-Hop ist ein Zusammenspiel von Graffiti-Kunst, Rap-Sprache, Breakdance und DJ-Performance. Er spannt sich über Generationen, Pioniere der alten Schule verkehren mit Teenagern, die neu dazustoßen. Wie hier im Heidelberger Karlstorbahnhof.

Hip-Hop ist mehr als Spaßmusik

„Es geht darum, Brücken zu bauen”, sagt Toni Landomini, einer der vier Lehrer im Camp und Mitbegründer des Deutsch-Rap. Es war 1987, Toni war 17, als sich um ihn, Frederik Hahn und Kofi Yakpo die Gruppe Advanced Chemistry formierte. Sie rappten erst auf Englisch, begannen dann, mit der deutschen Sprache zu experimentieren. Etwa zeitgleich holten die Fantastischen Vier aus Stuttgart den Sprechgesang ins Deutsche, sie sahen Hip-Hop mehr als Spaßmusik. Advanced Chemistry nutzten hingegen den deutschen Rap für Identitätsfragen und politische Themen. Ihr „Fremd im eigenen Land“ lief als erstes deutsches Rap-Video wiederholt auf MTV international. Im Intro verwendeten sie eine Nachricht über die Ausschreitungen von Neonazis in Rostock-Lichtenhagen: „Blaue Augen, blondes Haar, keine Gefahr. Gab’s da nicht ne Zeit, wo’s schon mal so war . . .?“

Die Heidelberger Jungs schafften Strukturen, wo es keine gab. Kein Label will Deutsch-Rap rausbringen? Gründen wir halt eins. Kein Magazin will uns interviewen? Machen wir selbst eins. Sie reisten als Hip-Hop-Botschafter durch ganz Europa.

Und irgendwann kam aus dem Stadtarchiv diese Idee mit der Bewerbung bei der deutschen Unesco-Kommission. Der Antrag ging durch. Seit 2023 ist der Heidelberger Hip-Hop offiziell ein immaterielles Kulturerbe – neben Errungenschaften wie der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht.

Eine Orchidee im Bildungssystem

„Der Titel hat viel bewirkt“, sagt Toni Landomini. „Es geht nicht um Verkaufszahlen, wir wollen Werte vermitteln, das ist jetzt angekommen.“ – „Das war eine Zäsur für alle, die schon lange dabei sind”, sagt sein Hip-Hop-Kollege Bryan Vit, der den Antrag im Namen des Heidelberger Stadtarchivs geschrieben hat. „Die Leute haben sich hingesetzt und überlegt: Wo soll es hingehen?“

Bryan Vit, Toni Landomini und Frederik Hahn haben schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon. Im Frühjahr gründeten sie das Freie Hip-Hop-Institut Heidelberg. Dort wollen sie Hip-Hop erforschen, archivieren und lehren. Wissenschaft muss ja nicht an eine Universität geknüpft sein. „Hip-Hop ist eine Kultur der Selbstermächtigung”, sagt Bryan Vit. „Du fragst nicht, ob du einen Rap-Song raushauen darfst, einen Zug bemalen, auf einem öffentlichen Platz tanzen darfst. Du machst es. Du fragst nicht, ob du ein Hip-Hop-Institut gründen darfst.“ Mit ihrem Institut wollen sie gerade auch die einschließen, die es sonst eher schwer haben im Bildungssystem.

Im Camp haben sich die Kinder einen Hip-Hop-Namen gegeben. Da ist Jaes XXL, mit seinen neun Jahren der Jüngste und Kleinste von allen.

Da ist Bad Boi 8, ein schmaler Junge mit leiser Stimme, der mal die Schule schwänzte. Die Schule, in der er oft rassistisch beleidigt wird, erzählt er.

Wer wird in der Schule gemobbt?

Da ist Elle, die bei der Probe mit einem Kuscheltier am Mikrofon steht und sich ein bisschen schämt. Die oft um Aufmerksamkeit ringt, weil sie adoptiert ist, wie sie erzählt.

Da ist Hermana, die einen Pullover des Rappers Tupac trägt und mit ihrem kleinen Bruder gekommen ist. Hermana, was auf Spanisch „Schwester“ heißt. Hermana, was ihre Hauptrolle ist bei sechs Geschwistern – mehr denn je, seit ihr großer Bruder ausgezogen ist, der ihr fehlt.

Da ist Beat Sprayer, dessen dunkle Haare ihm ins Gesicht fallen und der Toni fragt, ob er in der Schule auch gemobbt wurde.

In den ersten zwei Tagen lernten die Kinder die Anfänge des Hip-Hop und seine Elemente kennen. Heute, an Tag drei, wählen sie, welches Element sie vertiefen. Jeder Lehrer ist Experte in seinem Bereich: Toni fürs Rappen, Anna fürs Breaken, Melle für Mode, Bryan für Graffiti.

Skizzenbuch als Dissertation

Sieben Kinder scharen sich um Bryan Vit. Sie wollen lernen, wie Graffiti entstehen. Er zeigt ihnen Stücke aus den Anfangstagen in New York. Dann dürfen sie endlich selbst ran: „Wisst ihr, wie man das hier nennt?“ – „Spraydose.“ – „Ja. Und im Writer-Jargon?“ Die Kinder zucken mit den Schultern. „Wir sind keine Graffiti-Maler, wir sind Writer. Wir schreiben. Das machen wir nicht mit Spraydosen, sondern mit Cans. C-A-N-S.“

Bryan Vit ist 35 Jahre alt und kam vor zehn Jahren aus Thun in der Schweiz für seine Promotion nach Heidelberg. Für ihn war diese Stadt umgeben vom Mythos Hip-Hop, erzählt er.

Doch er lebte Hip-Hop schon lange vor Heidelberg. Als Jugendlicher nahm ihn sein Vater einmal mit in einen Plattenladen. „Such dir was aus“, sagte er. Bryan Vit legte eine CD mit französischem Rap ein. „Das hat eingeschlagen“, sagt Bryan Vit heute. „Ich wusste: Das ist es.“ Er wollte Rapper werden und merkte schnell: „Ich muss mein Medium meistern, die Sprache studieren.“ Als Abschlussprojekt am Gymnasium schrieb und performte er einen Rap-Song. Seine Bachelorarbeit schrieb er über Hip-Hop. Für die Masterprüfung untersuchte er die politische Funktion von Sprache im urbanen Raum. Statt eine klassische Dissertation zu verfassen, schrieb und zeichnete er in einem Blackbook, wie Sprayer ihr Skizzenbuch nennen, veröffentlichte ein Traktat und nahm als Static Fanatic noch ein Rap-Album auf.

Übersetzer zwischen Hip-Hop und Wissenschaft

Die anderen nennen ihn den „Realisateur“. Er setzt die Dinge um. Er schrieb nicht nur den Unesco-Antrag, er entwickelt Konzepte für Ausstellungen, Workshops und baut im Stadtarchiv das Heidelberger Hip-Hop-Archiv auf. Frederik Hahn und Toni Landomini haben dafür den Grundstein gelegt und ihre privaten Sammlungen übergeben. Platten und Tapes, Plakate und Hefte voller Graffiti-Skizzen, Bühnen-Accessoires wie Tonis Schiebermütze, die er in den Anfangstagen von Advanced Chemistry trug.

Das Archiv war der erste Baustein, aus dem sich die Idee des Freien Hip-Hop-Instituts entwickelte. Forschung und kulturelle Bildung sind die beiden anderen Bausteine. Die Weitergabe von Wissen, Können, Werten an die nächste Generation.

Bryan Vit ist der wissenschaftliche Leiter des Instituts. Er fungiert oft als Übersetzer zwischen Hip-Hop und Wissenschaft, Behörden, Politik. Er erklärte der Unesco, dass Hip-Hop Kultur ist. Oder Schulleitern, dass Hip-Hop mehr ist als Gangster-Rap. „Für Workshops in Schulen nutze ich den wunderschönen Begriff: Förderung von Kommunikations- und Medienkompetenz.“

Auftritt vor Publikum

Was dahintersteckt, spüren die Kinder im Karlstorbahnhof. Letzter Tag des Feriencamps. Die Graffiti sind gemalt, die Shirts genäht, Tanzmoves fließen, Raptexte rollen. Gleich startet die Abschlussparty mit einer Show im Theaterraum.

Sechs kleine Rapperinnen und Rapper stehen im Halbkreis um Toni wie Sportler vor ihrem Trainer. „Ihr habt das Mikro in der Hand, heute leuchtet ihr wie Stars“, sagt er. „Ihr habt tolle Texte geschrieben, darauf könnt ihr stolz sein – und das hier auch zeigen.“ Das eine sei die Sprache der Worte, das andere die Sprache des Körpers. „Die richtige Haltung gehört dazu.“

Das Publikum kommt. Auf einem Plakat am Eingang stehen die Künstlernamen in Graffiti-Lettern. Daneben „Eintritt: Respekt“. Anna macht den Anfang: „Ja, mein Name ist Jack Blue, auch allein stark wie ne Crew . . .“, rappt sie, reißt am Ende ihre Kappe vom Kopf. Das Publikum jubelt. Johanna, ihr Hip-Hop-Name ist Angel, rappt vom Mut, auf der Bühne zu stehen. Elle von einem vereinten Europa. Auch Beat Sprayer tritt auf: Er steht allein auf der Bühne, das Publikum klatscht im Takt seiner Worte. Und mit jeder Zeile, die er ins Mikrofon rappt, wirkt er selbstbewusster, seine Stimme fester. Da ist viel Attitude drin.