Der Rechtsanspruch für Grundschüler wird ab dem kommenden Schuljahr verwirklicht. In Hechingen hat das eine kleine Schulreform zur Folge.
In Hechingen steht eine der größten Schulreformen der jüngeren Vergangenheit vor der Umsetzung. Beschlossene Sache ist sie seit der Gemeinderatssitzung von vergangener Woche, und zwar einstimmig. Dass die Kuh nicht ganz leicht vom Eis zu kriegen war, ließ Bürgermeister Philipp Hahn durchblicken: In den betroffenen Schulgemeinschaften sei „zum Teil Überzeugungsarbeit nötig gewesen, wie immer, wenn es um die Änderung bestehender Strukturen geht“, sagte er.
Anlass der intensiven Vorberatungen, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckten, war die vom Land vorgegebene Pflicht, vom kommenden Schuljahr 2026/27 an nach und nach den „Rechtsanspruch auf ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote“ für Kinder im Grundschulalter umzusetzen.
39 Prozent der Eltern wollen es
Dass darin eine veritable Herausforderung liegt, weiß die Stadtverwaltung spätestens seit einer Elternumfrage aus dem Februar dieses Jahres. 39 Prozent der antwortenden Eltern gaben an, dass sie ihr Kind für die Ganztagsschule anmelden würden. Rechnet man hoch, dass nach aktuellen Prognosen im Schuljahr 2029/30 (wenn sich der Rechtsanspruch auf alle vier Grundschulklassen erstreckt) rund 710 Schülerinnen und Schüler die Hechinger Grundschulen besuchen werden, dann müsste die Stadt 277 Ganztagsplätze vorhalten. Aktuell geht die Stadt davon aus, nicht mehr als 224 solcher Plätze anbieten zu können.
„Wir wollen aber sicherstellen, dass jedes Kind, das einen Anspruch hat, einen Platz erhält“, sagte Marc Meßmer, der Leiter des Öffentlichkeitsbereichs bei der Stadtverwaltung. Bürgermeister Philipp Hahn bekräftigte dies, verwies aber auch auf den Spagat, der dabei zu leisten ist: „Wir wollen die Landesvorgabe mit hoher Qualität umsetzen, müssen dabei aber auch die Kosten im Blick behalten.“
Ganztags nur am Schloßberg
Die jetzt präsentierte Lösung bringt zum einen eine Strukturreform mit sich, zum anderen eine klare Botschaft an die Eltern: Wer für sein Kind einen Ganztagsschulplatz beanspruchen will, muss es am zentralen Schulstandort am Schloßberg anmelden, egal aus welchem Stadtteil er kommt. Dort wird nämlich ab dem Schuljahr 2027/28 eine Ganztagsschule in Wahlform und mit einem Zeitrahmen von vier Wochentagen à acht Stunden eingerichtet. Zwei verbindliche Ganztagszüge mit Unterricht von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr sind dort möglich. Die übrigen Klassenzüge werden weiterhin halbtags unterrichtet. Verlässliche Grundschule für die frühen Morgenstunden und die Mittagszeit soll gewährleistet bleiben. Die freiwilligen Betreuungsangebote an den Nachmittagen sollen dagegen aus Kostengründen nach und nach abgebaut werden.
Für die anderen Hechinger Grundschulstandorte – die Außenstelle Zollernstraße, Sickingen und Stetten/Boll – soll es dagegen beim Halbtagesschulmodell mit den bewährten ergänzenden Angeboten der Verlässlichen Grundschule bleiben. Nun sollte freilich der Schlossberg-Campus im Zuge dieser Neuerungen weder bevorzugt noch überlastet werden. Deshalb greift im selben Zuge ein Einschnitt in die Schulstruktur: Der Standort Sickingen, bisher Außenstelle der Grundschule Hechingen, soll ab dem Schuljahr 2027/2028 der Grundschule Stetten als Außenstelle zugeschlagen werden. Damit einher geht eine Reform der Grundschulbezirke: Den Bezirk 1 (Grundschule Hechingen mit Außenstelle Zollernstraße) bilden künftig nur noch die Hechinger Kernstadt und Weilheim, den Bezirk 2 (Grundschule Stetten mit Außenstelle Sickingen) die Stadtteile Stetten, Boll, Sickingen und Bechtoldsweiler.
Kostensteigerung könnte durch Elternbeiträge aufgefangen werden
Durch diese Anpassung sollen „beide Grundschulen gestärkt und nachhaltig weiterentwickelt werden“, wie die Stadtverwaltung ausführt. Außerdem will die Stadt auf diese Weise gewährleisten, dass freiwillige Betreuungsangebote (Verlässliche Grundschule) an allen Standorten auch in Zukunft gewährleistet werden können. Die zu erwartenden Kostensteigerungen, wenn Landeszuschüsse sinken, sollen gegebenenfalls durch eine Erhöhung der Elternbeiträge aufgefangen werden. Das gilt insbesondere auch für die Ferienangebote und die Betreuung an Freitagnachmittagen.
Parallel zur Grundschule am Schloßberg soll auch die Albert-Schweitzer-Schule (SBBZ-Lernen) ab 2027/28 zur Ganztagsschule in Wahlform aufgewertet werden.
Aus den Gemeinderatsfraktionen wurde das Konzept durchweg begrüßt. CDU-Fraktionschef Stefan Hipp bescheinigte der Stadtverwaltung, die Weichen gut gestellt zu haben, „um dieses große Gesetz umzusetzen“. Die Aufteilung der Schulstandorte – Ganztagsangebot am Schloßberg, klassischer Halbtag in Stetten und an den Außenstellen – sei „ein klares Signal an die Eltern“. SPD-Fraktionschef Jürgen Fischer schloss sich dem Lob an, würdigte auch die Tatsache, dass sich die Schulleitungen „geeinigt“ hätten, und nannte es „wichtig, dass in Stetten und Sickingen die verlässlichen Betreuungsangebote erhalten bleiben“.
Kritik an fehlenden Plätzen
Eine „tolle Sache“ nannte auch FDP-Sprecher Matthias Linckersdorff die „geräuschlose Umsetzung des Landesgesetzes“. „Wasser in den Wein“ goss lediglich der Freie Wähler Jürgen Staib. Er rief in Erinnerung, dass aktuell in Stetten nicht jedes Kind, das für die Verlässliche Grundschule angemeldet werde, einen Platz bekomme. Seine Forderung: „Das muss die Stadt für die Zukunft gewährleisten – und nicht nach dem Windhundprinzip.“
Bürgermeister Hahn erinnerte an die jüngsten Haushaltsreden mit ihren Sparappellen und stellte fest: „Die Kosten sind enorm.“ Aber, so versicherte er, man sei im Gespräch mit der neuen Schulleiterin Dagmar Hilsenbeck: „Wir kriegen eine gute Lösung hin.“