Arbeiten in der Natur mit der Natur: Sabine Wilhelm Stötzer gestaltet Kunstwerke, für die sie auch Pulp einsetzt, die Rohmasse für Papiergewinnung. Da Corona auch ihre Terminkalendereintragungen ausradiert hat, nutzt sie die Muße für ihre künstlerische Arbeit. Foto: Stopper Foto: Schwarzwälder Bote

Kunst: Sabine Wilhelm-Stötzer arbeitet viel mit gefundenen Materialien

Alles ausblenden, möglichst nicht denken, unverkrampft und konzentriert bleiben zugleich – dann kann aus Papierpampe, Ästen, Abfallkarton oder anderen Dingen Kunst mit meditativem Reiz werden. Sabine Wilhelm-Stötzer geht als Künstlerin einen sehr eigenen Weg.

Hechingen. Die pensionierte Kunstlehrerin leitet den Hechinger Kunstverein, reist gern, hat viele Interessen. So war ihr Terminkalender gut gefüllt. Corona hat alles ausradiert. Sie versucht es positiv zu sehen. "Jetzt widme ich mich halt mehr der Kunst."

Der Garten hinter ihrem Haus am Waldrand bei Schloß Lindich hat sie bewusst gestaltet. Unterteilungen, Perspektive auf kleinstem Raum, manches Kräutlein, das zwischen Treppenstufen hervorkreucht, lässt sie achtsam stehen, Buchsbaumbüschel sind eigenartig geschnitten. Balance finden, Kontrapunkte setzen, wegnehmen und hinzufügen. Kunst – für sie ist ihr Garten Teil davon.

Man könnte sagen, dies ist der immobile Teil ihrer Arbeit, andere Werke, die man dann auch klassisch aufhängen kann, sind der mobile Teil. Aktuell arbeitet sie mit Pulp, der Rohmasse für die Papierherstellung. Mit einem starken Mixer im Eimer angerührt, ist Pulp eine schleimige Pampe. Mit einem Sieblöffel wird es auf die entstehende Arbeit gehäufelt, leicht ausgepresst. Und wenn es trocknet, wird es fest, bewahrt die Fragilität von Papier, hält aber auch Dinge zusammen, wie eine Flechte in der Natur.

Auf einer mit einem Gitter abgedeckten Blechwanne fügt sie so Zweige auf altem Fliegengittern zusammen, auch Pappstücke aus Verpackungen. "Bioläden haben die besten", so ihre Erfahrung. Ihre Arbeit schult den Blick in besonderer Weise für interessante Formen. Was sie gerade auch nutzt: Kunststoffseil, das vom Kartoffelsack im Komposthaufen übrig blieb. Das Gewebe ist weg, nur die Schnur blieb. Sie hat eine eigentümliche Zickzacklinie und eine ganz bestimmte Struktur.

"Es ist nicht Natur sondern eher Material und Beschaffenheit, die mich interessieren", erzählt sie, während sie an ihrem Tisch vor sich hin arbeitet. Plexiglas fand sie auch schon mal toll. "Das war damals in New York". Jetzt leben sie am Lindich am Waldrand, da fällt ihr eben mehr Naturmaterial ins Auge.

Sie gestalte viel im Kopf, erzählt sie, "ich male mir eigentlich ständig aus, wie man welche Dinge zusammenfügen könnte, was aus etwas gemacht werden könnte." Ein Büschel Zweige hat sie aus einem Park in Baden-Baden mitgebracht. Sie sehen aus wie Stachelschweinstacheln, liegen als Häufchen auf dem Boden. "Eigentlich fast auch schon eine Skulptur" sagt sie und weist auf die Zweige.

Klar wird: Sie hat einen besonderen Blick auf die Welt. "Als ich noch meinen Hund hatte, sind wir lange Runden durch den Wald gelaufen", erzählt sie. Auch querfeldein. Da schaue man viel auf den Boden, "und wenn dann Schnee liegt und man erkennt so Äste darunter, andere Dinge auch, dann wirkt das auf mich faszinierend und ich würde das gern so festhalten und mitnehmen".

Natürlich gehe das nicht, aber in ihrer eigenen Arbeit versucht sie ebenfalls diese Balance aus Gefundenem und Ausgewähltem, aus Zufälligem und Bewerteten zu schaffen. Fragile Arbeiten, die auch leicht wieder aus den Fugen geraten können. Passt auch irgendwie zu Corona.

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