Über die Politik Israels und über Antisemitismus in Deutschland hielt Rolf Verleger einen Vortrag in der Villa Eugenia. Foto: Wais Foto: Schwarzwälder-Bote

Gemieteter Raum in der Villa reicht nicht aus / "Gerechter Friede nur durch Anerkennung Palästinas als Staat"

Von Eberhard Wais

Hechingen. Auf gewaltiges Interesse stieß der ursprünglich in der Alten Synagoge geplante Vortrag des bekannten Israelkritikers Rolf Verleger über die Frage "Sympathisieren Deutsche mit Palästina aus Abneigung gegen Juden?".

Der Raum in der Villa Eugenia, den Paul Münch privat angemietet hatte, reichte bei weitem nicht aus. In seiner Begrüßung nahm Paul Münch Stellung zur Vorgeschichte des in der Alten Synagoge abgesagten Vortrages (wir berichteten) und erhielt kräftigen Beifall für seine Bereitschaft, privat in der der Villa einen Saal zu mieten.

Meinungsfreiheit müsse in einer Demokratie möglich sein, betonte Münch. Er dankte dem gebürtigen Ravensburger und heutigen Lübecker Professor Rolf Verleger dafür, dass er trotz der "schändlichen Ausladung" nach Hechingen gekommen sei.

Rolf Verleger war überwältigt vom Andrang, er habe eher eine gemütliche Runde in der Alten Synagoge erwartet, durch die Vorgeschichte seien jetzt die Erwartungen hoch geschraubt. Er mochte diesen insofern nicht Nahrung geben, als er seine Argumente sehr sachlich vortrug und auf Angriffe gegenüber seinen Kritikern verzichtete. Er wundere sich lediglich über die Proteste gegen ihn, denn er kenne den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, seiner eigenen jüdischen Gemeinde in Stuttgart, als verständige Menschen. Hier leitete Verleger über zur Geschichte seiner jüdischen Familie, die zu großen Teilen im Holocaust umkam, nur sein Vater überlebte, heiratete später eine deutsche Jüdin.

Zum aktuellen Nahostkonflikt meinte Verleger, dass ein gerechter Friede nur durch die Anerkennung Palästinas als Staat möglich sei, einschließlich der Rückgabe der besetzten Gebiete auf der Rechtsgrundlage der UN-Resolution von 1967. Kritik übte er an der "Vertreibung der Araber" aus ihrem Heimatland. Niemand verlasse freiwillig seine Heimat, wie manchmal behauptet werde. Diese Entwicklung habe sich über Jahrzehnte fortgesetzt: "dagegen müssen EU, Deutschland und USA mit Israel sprechen", sich für den "Schwächeren, die Palästinenser", einsetzen. Leider sei das nicht der Fall. Verleger: "Aus dem Holocaust entsteht nicht das Recht auf Vertreibung der arabischen Bevölkerung oder gar zur Diktatur eines Besatzungsstaates." Beides sieht der Israelkritiker gegeben: "Gibt der Holocaust uns das Recht, anderen Unrecht zu tun?" Nicht für Verleger, der damit auch Nationalismus als Identitätsersatz des jüdischen Volkes ablehnt.

In der Diskussion bleiben Kritiker stumm

In der Diskussion meldeten sich keine Kritiker Verlegers oder Befürworter der rigiden israelischen Siedlungspolitik zu Wort, auch äußerte niemand Verständnis für die Ausladung Verlegers aus der Alten Synagoge. Neben methodischen Fragen zu der von ihm vorgestellten Studie nahm Verleger Stellung zur aktuellen Politik in Nahost.

Zwar äußerte Adolf Vees vor dem Hintergrund des Holocaust und der deutschen Schuld Verständnis für das Verlangen nach einem kräftigen Staat Israel, was auch Verleger einräumte. Sicherlich brauche ein traumatisiertes Volk wie das jüdische eine feste, sichere Struktur, aber das könne keine Begründung für völkerrechtswidriges Vorgehen sein.

Die Hoffnung auf eine baldige Lösung mochte Verleger nicht haben: der Unrechtszustand lasse sich vielleicht noch lange aufrecht erhalten mit der Gefahr, dass der Palästinakonflikt immer stärker als Antisemitismus auf ganz Europa zurückschlage. Leider sei der frühere Traum eines liberalen israelischen Staates mit Raum für andere Völker wie die Araber (den wohl auch Verleger noch etwas träumt) heute in Israel nicht mehr mehrheitsfähig, für ebenso unrealistisch hält er eine Einstaatenlösung.