Als das Geld immer knapper wurde, kam der 22-Jährige auf die Idee, seine Waren ohne Mehrwertsteuerzuschlag im Internet anzubieten, um mehr Kunden zu bekommen. Foto: AP

Gericht verurteilt Internet-Händler für 379 Betrugsfälle und Steuerhinterziehung.

Hechingen - Millionen-Schulden statt schnellem Geld: Zu zwei Jahren auf Bewährung und 100 Stunden Sozialarbeit verurteilte das Amtsgerich gestern einen 22-Jährigen, der mit Internetgeschäften Kunden betrog und das Finanzamt prellte.

379 Betrugsfälle und drei Fälle von Steuerhinterziehung hatte der junge Mann eingeräumt. Jetzt lasten eine Million Euro Schulden auf seinen Schultern. Derr Richter sprach in seinem Urteil von einem "besonderen Fall", der nicht vergleichbar mit anderen Internetbetrugsfällen sei. Die Taten seien "nicht mutwillig begangen worden". Angefangen hat alles damit, dass der 22-Jährige einen schlechten Hauptschulabschluss gemacht hatte und deswegen keinen Ausbildungsplatz fand. Als er 18 Jahre alt war, machte er sich mit einem Autoteilehandel selbstständig. Von einem Bekannten bekam er dann vor knapp drei Jahren den Tipp, sich im Internet mit einem Elektrohandel selbstständig zu machen.

Auf seine Homepage kamen die potenziellen Kunden über Preissuchmaschinen. Wenn sie einen Artikel bestellten, mussten sie per Vorkasse zahlen. Der Angeklagte leitete die Bestellung an seinen Großhändler in Frankreich weiter, der die bestellte Ware an die Kunden schickte.

Die Reklamationen gingen aber bei ihm ein. Nach einigen Monaten kamen immer mehr Elektrogeräte zurück an ihn. Den unzufriedenen Kunden das Geld zurückerstatten, konnte er nur, wenn neue Kunden wieder bei ihm bestellten. Deswegen ließ er sich in immer mehr Preissuchmaschinen aufnehmen, bekam im Gegenzug aber immer weitere Reklamationen.

Als das Geld immer knapper wurde, kam der 22-Jährige auf die Idee, seine Waren ohne Mehrwertsteuerzuschlag im Internet anzubieten, um mehr Kunden zu bekommen. Ende 2010 kam ihm die Steuerfahndung auf die Schliche, die Firmenkonten wurden eingefroren. Bilanz nach einem guten Jahr Selbstständigkeit: eine Million Euro Schulden beim Finanzamt, bei Kunden und bei Preissuchmaschinen. 540 Mahnbescheide hat der Angeklagte erhalten. 379 seiner Kunden haben weder Ware noch Kaufpreis zurückerstattet bekommen.

Der Angeklagte habe sein Päckchen noch lange zu tragen, sagte sein Anwalt. Weil der gescheiterte Unternehmer geständig war, Reue zeigte und gerade dabei ist, sein Abitur in einem Fernkurs zu absolvieren um später Medizin zu studieren, wurde er mild bestraft.