Eine aufmerksame Zuhörerrunde hatte die neue Hebelpreisträgerin Annette Pehnt bei ihrer Lesung in Hausen. Foto: Jürgen Scharf

Ein volles Haus hatte Hebelpreisträgerin Annette Pehnt, die im Literaturmuseum am Vorabend der Preisverleihung ihren neuen Erzählband mit alltäglichen Kurzgeschichten vorstellte.

„Toll, wie das hier gemacht ist“. Annette Pehnt, die neue Hebelpreisträgerin, staunte nur so bei ihrem Rundgang durch das Literaturmuseum. Sie war noch nie da und ließ sich von Bürgermeister Philipp Lotter durch die Räume führen, bevor sie mit ihrer Lesung im bis auf den letzten Platz besetzten Hebelhaus begann.

 

Rundgang im Hebelhaus

Neben Lokalprominenz wie Lotters Vorgänger und Hebelkenner Martin Bühler und Mitgliedern der Hebelpreis-Jury war auch der letzte Hebelpreisträger Pierre Kretz am Samstagabend anwesend.

Die Freiburger Schriftstellerin Annette Pehnt sah sich erstmals im Literaturmuseum Hebelhaus um. Foto: Jürgen Scharf

„Endlich!“ Mit diesem Ausruf hätten viele auf die Entscheidung der Preisjury reagiert, so Volker Habermaier, Präsident des Hebelbundes Lörrach, der die Freiburger Autorin sehr kenntnisreich und persönlich vorstellte.

Bei jedem neuen Buchtitel von Pehnt bestätige sich: Die Autorin erfinde sich und ihr Schreiben immer wieder neu, so Habermaier, der Pehnt ein außergewöhnlich vielgestaltiges Werk attestierte, Romane und Erzählungen, Essays und Kinderliteratur. Nur keine Gedichte.

Laudator Habermaier teilte den Zuhörern Eindrücke von seiner Lektüre der beiden Bücher mit, die die Jury besonders beschäftigten: der Versroman „Die schmutzige Frau“ (2023) und der Geschichtenband „Einen Vulkan besteigen“ (2025), aus dem Annette Pehnt dann vier Kurzgeschichten las.

Habermaier hätte gern auch etwas aus der „Schmutzigen Frau“ gehört und hofft, dass Pehnt dies bei einer weiteren Lesung beim Hebelbund in Lörrach nachholt.

Annette Pehnt hat sich aber bewusst für den Geschichtenband entschieden. Nicht nur, weil es ihr neuestes Buch sei, sondern weil sich darin eine gute Beziehung zu Hebels Geschichten finden lasse: zum einen in der Kürze, zum anderen im Blick auf den Menschen. Wie Hebel schreibe auch sie über alltägliche Szenen, sagte Pehnt und sah darin eine Verbindung zum Namensgeber des Preises.

Es seien zwar „minimale Geschichten“, so die renommierte Schriftstellerin, aber Kalendergeschichten wie Hebel könne man nicht mehr so machen, denn Kalender spielten sich heute auf Smartphones ab.

Gedächtnislandschaft

Die große Runde und der ganze Abend war für Annette Pehnt etwas Besonderes. Sie habe dieses Wochenende schon lange herbeigesehnt. Denn es sei ungewöhnlich im literarischen Leben, an diesem besonderen Ort, verbunden mit einem Fest und der Wertschätzung für den Namensgeber, diesen Preis zu erhalten. Solche Orte des literarischen Gedenkens „rühren mich immer“, so Pehnt, denn sie seien nicht selbstverständlich und müssten als „Gedächtnislandschaft“ erhalten werden.

Für ihr neuestes Buch habe sie sich kleine Geschichten ausgedacht in einfacher Sprache von Menschen, die sie beobachtet habe. Geschrieben sind sie in kurzen Sätzen, ohne Zeitsprünge, ohne komplexen Satzbau, ohne ausführliche Beschreibung, immer in der Ich-Perspektive. Doch gerade durch diese verknappte, reduzierte Form im minimalistischen Stil eines Hemingway, an den sich eine Zuhörerin erinnert fühlte, entwickelt sich Freiraum für den Leser.

Das hob auch die Jury hervor: Pehnt erzeuge mit radikal einfacher Sprache eine innere Spannung, die die Kippmomente des Lebens einfange und bei der sich weite Assoziations- und Gedankenräume zwischen den Zeilen eröffneten, zitierte Habermaier aus der Jurybegründung.

Es sei keine Sprache, die aushole und große Bilder male, sagte die Autorin. Und stellte die Frage in den Raum, ob es zu wenig Sprache sei, „nur Skelett und Knochen“? Die Geschichten seien nicht nur für hochliterarisch interessierte Leute gedacht.

Zwei Mal ging es um Schwestern, ein Mal um eine Vater-Tochter-Beziehung. Pehnt schreibt die Erzählungen in einer Mischung aus eigenem Erleben, biografischer Lebenswahrnehmung und fiktiven Eingebungen der Fantasie. Und in einem Sprachduktus, der einen „Flow“ entfalte. Eine, wie Markus Manfred Jung kommentierte, „schöne literarische Sprache, die man gut versteht“.

Wenn man die Geschichten aber am Stück lese, funktioniere das nicht so gut, meinte die Autorin; man solle das Buch immer mal weglegen und dann wieder in die Hand nehmen, empfahl sie den Lesern.

Annette Pehnt habe es verdient, als 90. Preisträgerin den Hebelpreis zu erhalten, bedankte sich Bürgermeister Lotter für die „wirklich schöne und kurzweilige Lesung“.

Für die musikalische Begleitung sorgte die Musikschule Mittleres Wiesental und die einfache Spielmusik passte wunderbar zu der vereinfachten Sprache der Geschichten.

Nach einer guten Stunde und einer recht angeregten Fragerunde las Pehnt noch die Titelgeschichte von einer Vulkanbesteigung, bevor die Lesung in einen kleinen Stehempfang überging.