Im Hochdeutschen und dem Alemannischen zu Hause ist Sandhya Hasswani aus Herrischried.
Der Hebelbund Lörrach hat jetzt die Autorin im Rahmen seiner Reihe „Literarische Begegnungen“ ins Dreiländermuseum eingeladen.
Mitgebracht hatte sie ihre Prosaerzählung „Friide“, mit der sie im vergangenen Jahr den erstmals aufgelegten „Landespreis für Dialekt“ in der Kategorie Literatur gewonnen hat, ihren 2022 erschienenen Roman „Die letzte Äbtissin“ sowie kleine Geschichten und ein Essay zum Thema Heimat. Alle drei Themenfelder erhalten einen besonderen Glanz durch den biografischen Hintergrund der als Tochter eines indischen Vaters und einer englisch-deutschen Mutter in Bad Säckingen geborenen Autorin, die im Hotzenwald aufwuchs und schon im Alter von 19 Jahren vor den Vereinten Nationen in New York einen Vortrag zum Thema Abrüstung hielt.
Mehrere Monate hielt sie sich nach dem Abitur in Indien auf, arbeitete unter anderem an einer Übersetzung der Veden (die ältesten heiligen Schriften des Hinduismus, die Redaktion) mit und engagierte sich karitativ. Nach dem Studium zurück am Hochrhein arbeitet sie als freie Autorin und engagiert sich ehrenamtlich für die alemannische Sprache unter anderem in Schulprojekten.
Dass der Hebelbund ein besonderes Augenmerk auf Sprache legt, wurde deutlich in der Begrüßung durch seinen Vorsitzenden Volker Habermaier: Er habe seine Einführung versuchsweise durch Künstliche Intelligenz erstellen lassen. Es sei zwar nichts Dummes, aber jede Menge Nichtssagendes dabei herausgekommen. Außerdem sei der Textvorschlag viel länger gewesen als sein „handgestrickter“. Das Publikum im Hebelsaal hatte seinen Spaß an diesem kleinen Exkurs.
Gedanken voller Tiefe und Geborgenheit
Sandhya Hasswani stellte mit ihren Gedanken zum Thema Heimat eine globale Verbindung aller Menschen her, ausgehend vom Idealbild der bäuerlichen Familie, in der alle Altersstufen einschließlich der Tiere unter dem großen Schwarzwalddach Platz finden. Das gemeinsame Sein, Zuwendung und Fürsorge sind als spirituelle Erfahrung auch in anderen Kulturkreisen lebendig. Der ganze Essay atmete die Tiefe und Geborgenheit einer guten Sonntagspredigt im Advent. Mit „Friide“ folgte man der Autorin dann in die kleine Welt der Kindergartenkinder auf dem Hotzenwald, wo neben der kleinen Sandhya mit „de bruune Auge, de bruune Hut un de dunkli Hoor, wo mir de Papa us Indien mitbrocht het“, auch „de Murat un de Heissam“ miteinander spielen, bis ihre Väter in Streit geraten. Sie sind beide aus der Türkei, der eine aber ist Kurde. Die kleine Sandhya versteht das nicht. Mitfühlend, empathisch, klar und schnörkellos erzählt sie weiter, lässt am Ende die Prosa in ein wunderbares Gedicht zum Thema Versöhnung münden. Anekdoten aus der Welt ihrer beiden Kinder Franz und Hanni herzerwärmend, voller Liebe, brachten das Publikum zum Schmunzeln und Nachdenken, etwa über das Phänomen der „spirituellen Intelligenz“, die imstande ist, den „Fokus auf das eigentliche Sein zu richten“.
Salpetererunruhen, Leibeigenschaft, Verschleppung von Bauernfamilien auf den Balkan, Türkenkriege und Säkularisation sind einige Stichworte, die das bewegte und gefährliche Leben am Hochrhein zur Mitte des 18. Jahrhunderts prägten. Mittendrin agiert die Hauptfigur des Romans „Die letzte Äbtissin“, Mari-Anna F. von Hornstein-Göffingen.
Volkskunstbühne Rheinfelden führt Stück auf
Das Publikum zog Hasswani in den Bann mit einem Auszug aus dem Kapitel um die Schlacht von Karansebesh im September 1787, als ein Streit zwischen betrunkenen Soldaten in das Missverständnis eines „friendly fire“ ausartete, nach dem 2000 Tote und Verletzte zu beklagen waren. Brillant geschrieben, penibel recherchiert, wird dieser Roman zum „Pageturner“.
Dass die letzte Äbtissin einen Bittgang nach Wien unternahm, um für das Damenstift in Säckingen die Folgen der Säkularisation abzuwenden, ist jetzt auch Thema der Volkskunstbühne Rheinfelden, die im nächsten Sommer, ausgehend vom Hasswanis Roman, das von der Autorin verfasste Theaterstück „Die Reise nach Wien“ auf die Bühne bringt.