Florian Müller (links) und Linken-Kandidat Thomas Hanser klingeln an vielen Haustüren in Heumaden. Foto: Felix Biermayer

Die Linke will Geld von Reichen zu Armen umverteilen. Landtagskandidat Thomas Hanser will Menschen an ihren Haustüren davon überzeugen. Seine Partei steht vor einem historischen Erfolg.

„Hallo, mein Name ist Thomas Hanser von der Partei ‚Die Linke‘, wir wollen mit der Nachbarschaft ins Gespräch kommen“, sagt Hanser in die Gegensprechanlage. Ein kurzes Surren, die Tür geht auf. Dann steht er mit zwei Parteifreunden im Eingangsbereich eines Häuserblocks in Heumadens Ortsmitte.

 

Das Treppenhaus hat schon bessere Zeiten gesehen, manche der Menschen hier auch. Während etwas weiter oben am Hang die Bewohner schicker Einfamilienhäuser den Blick in den Schwarzwald genießen, ist die Perspektive hier unten weniger rosig: monotone Fassaden, bröckelnde Balkone, Mindestlohn.

Wahlkampf an der Haustür

Hier macht die Linke Haustürwahlkampf. Weil Landtagskandidat Hanser selbst in Heumaden wohnt. Aber hauptsächlich, weil hier jene leben, von denen seine Partei glaubt, sie wieder erreichen zu können: Mieter, Schichtarbeiter, Alleinerziehende.

Viele hinter den Wohnungstüren winken ab. „Politik interessiert mich nicht“, sagt ein Mann. Hanser drückt ihm trotzdem einen Flyer in die Hand. Und Infos zum „Heizkostencheck“, den die Linken anbieten. Mieter können bei der Partei ihre Nebenkostenabrechnung prüfen lassen. „Jede vierte ist falsch“, sagt Hanser. Der Mann bekomme vielleicht Geld zurück. Der hat nun doch Interesse. Die Linke wolle den Menschen direkt helfen, so Hanser. Er werde sich das mal anschauen, sagt der Mann und schließt die Tür.

Wahlprogramm aus dem Treppenhaus Hanser meint, man muss den Leuten zeigen, dass man für sie da ist. Der Linken-Kreissprecher Florian Müller, der Hanser begleitet, erzählt, dass die Partei seit einem Jahr im Land unterwegs sei. 100 000 Haustürgespräche hätten die Linken geführt, im Kreis Calw fast 1000. Auf diesen Gesprächen basiere das aktuelle Wahlprogramm: Mieten runter, Löhne rauf, kostenfreie Kitas, kostenloser ÖPNV. Politik aus dem Treppenhaus, nicht aus der Parteizentrale.

„Wenn ich sage, was ich denke, bekomme ich eine Anzeige“, begrüßt eine Frau Müller an der Tür. Sie sei Mutter von zwei Kindern. Sie arbeite, seit sie 14 Jahre alt ist, ihr Mann auch. Trotzdem reiche das Geld kaum. Ihr Lohn gehe fast komplett für die Kindergartengebühren, der ihres Mannes für die Miete drauf. Ihr Vater habe die Familie früher alleine ernähren können.

„Eigentlich müssten alle mal streiken“, meint die Frau. Müller nickt: „Das Land braucht Leute, die ihre Stimme erheben.“ Sie dürfe nicht wählen, obwohl sie hier geboren sei, erzählt die Frau. Sich einbürgern lassen? Kostet pro Person über 500 Euro, sagt sie. „Das kann ich mir nicht leisten“.

Müller tauscht E-Mail-Adressen aus. Er will in Kontakt bleiben. „Es geht uns um alle Menschen. Auch um die ohne deutschen Pass“, sagt Müller.

Fehlen Arbeiter in der Politik? Die Politiker hätten Vertrauen verspielt, sich zu weit von den Menschen entfernt, findet Hanser. Für viele sei ein Amt bloße Zwischenstation zu einem besser bezahlten Posten in der Wirtschaft. „Politik ist käuflich“, sagt er. Maskendeals in der CDU oder Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der einst die florierende deutsche PV-Industrie zugunsten fossiler Energien demontierte – für Hanser Belege eines Systems, das nicht für Menschen wie die in Heumaden arbeitet.

Er selbst tritt an, um es besser zu machen. Hanser ist 35 Jahre alt und Haustechniker in einem Altenheim. Er sieht sich als „Arbeiter“. Diese Perspektive brauche es in der Politik. „Ich will zeigen, dass das auch jemand kann, der auf der Hauptschule war. Und nicht nur jemand von der FDP, der irgendwo Chef ist“, sagt Hanser.

AfD sei keine Alternative

Dass viele Arbeiter rechts wählen? Die AfD gehe an die Werkstore, die Linke nicht mehr, kritisiert Hanser. Seine Partei habe ein Glaubwürdigkeitsproblem. Zu viele Akademiker in Spitzenpositionen. Zu wenige wie er. Aber die AfD sei keine Alternative. Die biete nur Sündenböcke, keine Lösungen.

Robin-Hood-Politik „Wir haben genug Geld im Land, es ist nur falsch verteilt“, sagt Hanser. Die Linke will das mit einer Vermögensteuer ändern: Wer über eine Million Euro hat – Wohnungen und Betriebsvermögen ausgenommen – muss ein Prozent abgeben.

„Robin-Hood-Politik“, nennt Hanser das auf seinen Plakaten: den Reichen nehmen, den Armen geben. Hanser denkt, dass linke Steuerpläne die linken Versprechen finanzieren können: mehr Investitionen in Bildung, in die Wirtschaft, in die Transformation, hin zu erneuerbaren Energien oder ins Gesundheitssystem.

„Nicht die Krankenhäuser kosten uns zu viel, sondern korrupte Politiker“, meint er. Die skandinavischen Länder zeigten, dass hohe Löhne, hohe Steuern, wirtschaftlicher Erfolg und soziale Errungenschaften kein Widerspruch sind.

Linke vor Premieren-Einzug Hanser kritisiert, dass das Land Millionen für die Polizei-Software von Palantir bezahlt. Das Geld fließe an „Demokratiefeind“ und US-Milliardär Peter Thiel. Andere Länder seien mit der Software unzufrieden. Es gebe deutsche Alternativen, die sich im Test in Sachsen-Anhalt bewährt hätten.

Und Hanser fragt sich, ob das Geld woanders nicht besser angelegt wäre. „Sicherheit bedeutet, dass ich mir nicht Sorgen machen muss, meine Wohnung zu verlieren. Dass ich keine Unkosten habe, wenn ich zum Arzt muss. Dass ich mir die Kita-Gebühren leisten kann“, sagt er, „soziale Sicherheit schafft Sicherheit, nicht mehr Geld für Polizei und Überwachung“.

Die Linke liegt in Umfragen bei sieben Prozent

Für die Linke zahlen sich der Haustürwahlkampf und die klare Haltung aus. In Umfragen liegt die Partei bei sieben Prozent. Damit ist ein historischer Erfolg greifbar nah: der erstmalige Einzug der Linken in den baden-württembergischen Landtag.

Hanser wird wohl nicht dabei sein. Dass er das Direktmandat gewinnt, ist fast ausgeschlossen. Und auf der Landesliste stehen andere weiter vorn, vor allem Akademiker. Hanser hingegen, der Arbeiter, steht auf dem allerletzten Listenplatz. Doch er kämpft weiter. An den Heumadener Haustüren. Und in seiner Partei.