Viele lieben ihr Haustier wie ein Familienmitglied. Ein Hund zum Beispiel hält uns auch gesund: Es senkt den Stresslevel, vermittelt positive Gefühle und kann auch gegen Einsamkeit helfen. Aber wer nur auf Tiere setzt, tut sich kein Gefallen, sagen zwei Psychologinnen.
Er bringt nie den Müll raus, er räumt auch nicht die Spülmaschine aus und verbreitet zudem recht gerne Chaos im Haus. Ein unzuverlässiger und unordentlicher Zeitgenosse, so könnte man meinen. Trotzdem ist er oft das beliebteste Familienmitglied: ein Hund.
Die Soziologin Leslie Irvine ging im Jahr 2008 der Frage nach, warum wir Haustiere halten. Sie kam zu dem Schluss, dass viele Menschen Beziehungen zu Tieren suchen, um fehlende Beziehungen zu Menschen auszugleichen, ja auch um einen Mangel an Fähigkeiten zu kompensieren, die ein ausgeglichenes Zusammenleben mit anderen Menschen ermöglichen würden.
Wann ist die Haustierliebe zu viel?
Wissenschaftlich hat sich diese Theorie nicht lange gehalten. Der Entwicklungspsychologe Erhard Olbrich von der Universität Erlangen-Nürnberg schrieb in seiner Analyse „Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung“, Tiere geben uns eine soziale und emotionale Unterstützung – und sie tun dies oft bedingungsloser als Menschen. Trotzdem gibt es Einzelfälle, bei denen Menschen zu etwas übertriebener Haustierliebe neigen.
Ein Hund antwortet uns ja nicht. „Und das ist tatsächlich manchmal ganz gut, er gibt keine Widerworte“, sagt die Psychologin Andrea Beetz und lacht. Sie ist Professorin an der IU Internationale Hochschule Erfurt und forscht seit 25 Jahren zu Mensch-Tier-Beziehungen. „Ein Tier nimmt uns so, wie wir sind“, sagt sie. Und das fehle vielen im Umgang mit anderen Menschen. Im täglichen Zusammenleben mit anderen Menschen gebe es Dinge, die uns immer wieder aufregen. Die falsch aufgerollte Zahnpastatube oder die Klopapierrolle, die schon wieder nicht richtig herum hängt.
Tiere geben uns körperliche Nähe
Aber vor allem sei es die körperliche Nähe, die uns ein Tier gebe, die viele Menschen brauchten. „Wie viel Körperkontakt wir mit anderen Menschen haben, ist ja stark reglementiert“, sagt Beetz. „Aber wir Menschen wollen Berührungen, mit einem Hund oder einer Katze ist das viel einfacher.“
Es sei ja doch recht seltsam, wenn wir Menschen, die wir nicht kennen, spontan über den Kopf streicheln. Bei einem fremden Hund hätten wir diese Scheu meistens nicht, dem wuschelten wir gerne im Vorbeilaufen über den Kopf.
Viele Menschen lieben ihre Haustiere abgöttisch, vor allem Hunde und Katzen sind die beliebtesten tierischen Mitbewohner der Deutschen. Und das nicht nur, weil man ständig mit ihnen kuscheln kann, sondern weil sie Gefährten für uns sind, uns ans Herz wachsen wie ein Familienmitglied. Studien zeigen sogar: Haustiere halten uns gesund.
Mit einem Hund bewegen wir uns mehr
Nicht nur wird durch die Nähe zu einem Haustier ebenfalls Oxytocin, das Bindungshormon, ausgeschüttet. „Es stärkt aber nicht nur die Bindung, sondern reduziert auch inneren Stress“, sagt Beetz. Auch gebe es Studien, dass viele Hundebesitzer sich fitter und gesünder fühlen – auch weil sie sich mehr bewegen und mehr an der frischen Luft sind.
Wenn sie manchmal zehn Minuten weg sei, renne ihr Hund schon freudestrahlend auf sie zu, ihre Kinder sagten eher, „ah ja, die Mama ist wieder da“, erzählt Beetz. Von unserem Haustier erwarten wir nicht viel. „Außer dass er ein lieber und netter Hund ist“, sagt die Psychologin. Und deshalb haben wir mit ihm keine Konflikte, es kommt auch keine Langeweile in der Beziehung auf. „Ein bisschen ist es so, wie wenn wir für immer verliebt bleiben“, sagt sie.
Beetz kann aus dem Stand zig weitere Vorteile einiger Haustiere aufzählen: Beim Umgang mit Hunden zum Beispiel sinke der Pegel des Stresshormons Cortisol. Der Blutdruck sinke ebenfalls. Die Stimmung werde besser. Außerdem ist ein Tier der Grund für weniger Arztbesuche, weniger Schlafprobleme, eine bessere kardiovaskuläre Gesundheit, eine bessere Überlebensrate nach einem Herzinfarkt und bessere Cholesterinwerte.
Klingt fast so, als könnte vor allem ein Hund jeden Arzt- oder Psychologenbesuch ersetzen. „Ganz so rosarot ist es nicht“, sagt Beetz. Denn: Hunde passen sich dem Besitzer an. „Wenn jemand schwer depressiv ist, kann dies den Hund auch depressiv machen“, sagt sie. Und, es gebe Menschen, die schafften es, jeden Hund aggressiv zu machen, weil sie das Tier nicht richtig behandeln. Für schwer psychisch kranke Menschen zum Beispiel sei es manchmal sinnvoller, zunächst eine tiergestützte Intervention zu machen, als sich selbst ein Tier anzuschaffen.
Denn wichtig sei immer, so Beetz, das Tier wirklich artgerecht zu halten. Doch viele wollen ein Tier, weil es ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen soll. „Ein Kater soll nicht bei uns im Bett schlafen müssen, damit wir uns nicht einsam fühlen“, sagt Beetz. „Vermenschlichen sollten wir unser Haustier nicht. Es ist kein Partnerersatz.“
Auch gibt es Haustiere wie zum Beispiel Kaninchen, die viele Besitzer für Kuschel- und Schmusetier halten. Auf den Arm genommen oder verknuddelt zu werden, mögen Kaninchen laut Heimtierexperten aber überhaupt nicht. Sie bekommen dann Angst oder werden aggressiv.
Die Frage ist deshalb vor der Anschaffung immer: Habe ich Zeit? Habe ich Geld? Wissen über die richtige Haltung? Und: „Schaffe ich das Tier an, weil ich es brauche? Oder kann ich ihm wirklich ein gutes Leben bieten?“, sagt Beetz.
Um wessen Bedürfnisse geht es eigentlich?
Wenn es Tierbesitzern nur um das Stillen eigener unerfüllter Bedürfnisse geht, wird es schwierig, sagt die Psychologin und Autorin Franca Cerutti („Psychologie to Go – Wie verrückt sind wir wirklich?“). „Es ist nachgewiesen, dass Haustiere, vor allem Hunde, einen sehr positiven Einfluss auf unsere Psyche haben“, sagt Cerutti. Aber wenn jemand sage, das Tier reiche ihm als sozialer Kontakt, sieht sie das kritisch.
Sie hätte in einer Gruppentherapie mal eine Patientin gehabt. Anna habe sich zwar liebevoll um Problemhunde mit schweren Schicksalen gekümmert, umgekehrt aber keinen Zugang zu Menschen gefunden. „Tiere sind die besseren Menschen“, habe sie immer gesagt. Cerutti konnte ihr über den Gedanken helfen, dass Menschen wie Hunde Säugetiere sind und auch oft ein schweres Gepäck tragen – wie Annas Hunde in Not.
Cerutti hat ihr zudem empfohlen, sich den Chef oder den Arbeitskollegen ebenfalls als „besonderen Hund“ vorzustellen – und sich aber gleichzeitig zu fragen: „Was bin ich selbst für ein Hund?“ Anna habe dann für sich erkannt, dass sie manchmal doch auch ein „Angstkläffer“ sei, der schnell hochgehe und mit anderen überkritisch sei. „Das hat ihr etwas die Augen geöffnet, und sie konnte dadurch ihre Mitmenschen wieder milder betrachten“, sagt Cerutti.
Denn wenn ein Hund uns auf der Straße „ankläffe“, würden wir nicht denken, dass wir selbst daran schuld sind. „Bei unseren Mitmenschen beziehen wir alles auf uns, bei einem Hund gar nicht“, so die Psychologin. „Anna hat diese Sichtweise wieder mehr Vertrauen gegeben.“