Ist mit seinem ersten Nusplinger Haushalt gleich in eiskaltes Wasser gesprungen: Kämmerer Thomas Kech. Foto: Eyrich

"Hätte, hätte, Fahrradkette" hat mal ein deutscher Finanzminister gesagt. Den Nusplingern geht es mit ihrem Haushalt 2022 ähnlich. Der wäre ausgeglichen. Eigentlich.

Nusplingen - Die Gemeinde Nusplingen ist nicht die erste und wird nicht die letzte sein, die beim Umstieg auf das Neue Kommunale Haushaltsrecht, die Doppik, den negativen Effekt zu spüren bekommt: Weil sie künftig Rücklagen zur Unterhaltung ihrer Infrastruktur bilden muss, ist der Haushalt nicht mehr ausgeglichen, was er all die Jahre war. Der Ergebnishaushalt weist ein Defizit von 306 337 Euro auf, weil eine runde Million Euro an Abschreibungen eingepreist ist. Die Eröffnungsbilanz – zum Jahresbeginn 2021 fällig – lag wegen zweier Wechsel auf dem Posten des Kämmerers erst in diesem Jahr vor, und so wurde erst jetzt das Ausmaß der Abschreibungen deutlich, ohne die ein Haushaltsausgleich möglich gewesen wäre, wie Bürgermeister Jörg Alisch erklärte.

Applaus für den Neuen

Thomas Kech, der neue Kämmerer, verdiente sich den Applaus der Gemeinderäte mit seiner sportlichen Leistung, den Haushalt in Rekordzeit aufzustellen, betonte aber: "Ich habe mich beworben, weil ich eine neue berufliche Herausforderung gesucht habe – die habe ich gefunden", denn nicht nur die Zeit drängte. Auch die Unwägbarkeiten – durch die Nachwirkungen der Coronavirus-Pandemie und die Folgen des Kriegs gegen die Ukraine – sind weit größer als sonst.

Rekordsumme von 3,7 Millionen Euro soll investiert werden

Angesichts des "ambitionierten Investitionsprogramms", das der Gemeinderat sich vorgenommen hat, würden auch die folgenden Haushalte "auf absehbare Zeit" nicht ausgeglichen sein. Alleine dieses Jahr soll die Rekordsumme von 3,7 Millionen Euro investiert werden. Trotzdem bleiben die Hebesätze für Grund- und Gewerbesteuer 2022 stabil. Die Einnahmen aus Letzterer hat Kech allerdings "konservativ" angesetzt – positive Überraschungen sind die besseren.

Wo fließt das Geld hin? Die Erschließung des Baugebietes Hirtenwiese II ist noch nicht ganz bezahlt, neue Sirenenanlagen sollen angeschafft werden, was mangels Förderung allerdings unrealistisch sein dürfte, so Alisch, die Turn- und Festhallensanierung wird teuer, und vor allem die Sanierung der Ortsdurchfahrt schlägt mächtig zu Buche.

Erspartes investieren oder schnell noch einen Kredit aufnehmen?

Das Geld von der hohen Kante holen oder einen Kredit aufnehmen? Kech hat vorsichtshalber schon mal eine Kreditermächtigung über zwei Millionen Euro im Haushalt vermerkt, die der Gemeinderat ebenso einstimmig abgesegnet hat wie das Gesamtwerk. Angesichts der hohen Inflation, die Geld auf dem Konto "verbrenne", so Kech, sind die Räte bereit, sich nach vielen Jahren mal wieder Geld zu leihen, zumal die Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank in absehbarer Zeit ein Ende finden dürfte, wie der Kämmerer vermutet.

3,2 Millionen Euro hat Nusplingen bisher noch auf der hohen Kante, davon zwei Drittel in gut verzinsten Anlagen wie etwa Bausparverträgen. Diese nun kündigen, sei unwirtschaftlich, befand nicht nur Alisch.

Am Scheideweg wird auf Sicht gefahren

Mit Blick auf die Sanierung der Ortsdurchfahrt sieht Kech den Gemeinderat "am Scheideweg". Wenn je ein Kämmerer eine Glaskugel besaß – sie ist längst zerbrochen, die Kostensteigerungen nicht absehbar. Alleine der Preis für Bitumen habe sich seit Kriegsbeginn verdoppelt, sagte Alisch, und nur für den ersten Bauabschnitt kommen laut Kech planerisch 1,6 Millionen Euro Mehrkosten obendrauf. Eine Kostenschätzung für den zweiten Bauabschnitt – daran mag Kech noch gar nicht denken. "Auf eine Sanierung zu verzichten, ist aber auch gefährlich, wegen der Landeszuschüsse, und zudem hängt der Backbone-Ausbau dran", betonte er mit Blick auf das Breitband-Netz. "Es bleibt Ihnen erst einmal nichts weiter übrig, als mit bestem Wissen und Gewissen auf Sicht zu fahren", riet er den Räten. Kechs Vor-Vor-Vorgänger, Gemeinderat Hans Hager, bestätigte: "Wenn wir vom Land grünes Licht kriegen, müssen wir’s machen."