Seit 1997 führte Michael Luft die Praxis in der Villinger Südstadt. Die Suche nach einem Nachfolger blieb zum Bedauern des Mediziners erfolglos.
Seit mehr als 30 Jahren kümmert er sich um seine Patienten, zehn bis zwölf Stunden kommen da am Tag schnell zusammen, viele Sorgen der Menschen und Krankheitsfälle treiben ihn auch zuhause bis tief in die Nacht um. In wenigen Wochen ist Schluss: Wenn der Villinger Hausarzt Michael Luft am 23. Dezember abends aus der Praxis in der Südstadt geht, dann schließt er die Tür für immer.
Mit diesem Tag endet eine Ära in der Südstadt: Sein Vater Walter Luft hatte die Praxis in der Saarlandstraße 1954 gegründet, schnell war sie eine Anlaufstelle für die Menschen aus dem Stadtviertel, später auch für die Bewohner der Hammerhalde. Er sei mit der Praxis aufgewachsen, erzählt der 71-Jährige, sie habe das Familienleben geprägt.
Lange Zeit habe er keine medizinische Laufbahn einschlagen wollen, vielmehr an Jura gedacht, erinnert er sich, „meine Eltern haben mir die freie Wahl gelassen“. Doch kurz vor dem Abitur habe er sich doch für ein Medizinstudium in Freiburg entschieden.
Nach der besten medizinischen Dissertation seines Jahrgangs seien ihm alle Wege offen gestanden, ob eine Karriere in der Klinik oder als niedergelassener Arzt. Schließlich entschied sich der Internist und Sportmediziner, in die Praxis in Villingen einzusteigen, und kam 1991 zurück. Seit dem Ausstieg des Vaters 1997 betreibt er sie eigenständig.
Seit drei Jahren auf der Suche nach einem Nachfolger
Den Schritt habe er nie bereut, betont Luft. „Es hat mir Spaß gemacht, in meiner Heimatstadt zu arbeiten.“ Zumal er gerne in Villingen lebe und die Region schätze. Das sei leider bei vielen jungen Medizinern nicht der Fall. Vor drei Jahren habe er begonnen, einen Nachfolger für seine Praxis zu suchen – ohne Erfolg.
„Ich habe tolle Patienten und Mitarbeiter, es war mir eine Herzensangelegenheit, eine Lösung zu finden“, stellt er fest. Bei einigen Bewerbern habe ihm das fachliche Können und die Empathie für die Menschen gefehlt, sei es ihm doch wichtig gewesen, die Praxis in verantwortungsvolle Hände zu übergeben. Andere, durchaus vielversprechende Interessenten von auswärts hätten sich gegen einen Umzug in die Region entschieden, für manche sei auch die Arbeitszeit als Hausarzt nicht erstrebenswert.
Problem spitzt sich zu
Ein Problem, das nicht nur seine Praxis betreffe und sich über die nächsten Jahre weiter zuspitze, ist sich Luft sicher. Inzwischen sei der Anteil von Frauen in der Medizin hoch, viele von ihnen wollten wegen der Familie nur halbtags arbeiten. Auch die Klinik biete ein attraktives Arbeitsumfeld – ohne finanzielles Risiko und mit der Möglichkeit zu hoch technisierten Untersuchungen. So fehle es in ganz Baden-Württemberg an 1000 Hausärzten, allein in der Doppelstadt gebe es 16 freie Stellen.
Ganz zu schweigen von den weiteren Ärzten, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, blickt Luft einer zunehmend schwierigeren Gesundheitsversorgung entgegen. Ein Systemwechsel sei unumgänglich, Medizinische Versorgungszentren wie das, das jetzt in Schwenningen vor der Eröffnung steht, vielleicht das Konzept der Zukunft.
Beruf hat ihm jederzeit Spaß bereitet
Dass der Hausarzt vom Aussterben bedroht ist, kann er nicht nachvollziehen. Es sei ein Beruf, der ihm jederzeit Spaß bereitet und ihn immer zufriedengestellt habe, auch wegen des Kontakts mit den Patienten, der sich über die Jahrzehnte kaum verändert habe. Verbessert hätten sich hingegen die therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten, so dass auch schwere und seltene Krankheiten heute schneller als früher zu erkennen seien.
Jeder Tag habe schöne Erlebnisse ebenso bereitgehalten wie Herausforderungen. Das reize den Medizinernachwuchs wohl nicht mehr. Er habe letztlich die Hoffnung aufgegeben, einen Arzt zu gewinnen, vor Monaten seine drei Mitarbeiterinnen über den Entschluss informiert und es nach und nach den Patienten gegenüber kommuniziert. Dass diese bei der ohnehin angespannten Lage in der Doppelstadt eine neue Praxis finden müssen, bedauere er.
Liste von Ärzten für Patienten zusammengestellt
Als Hilfestellung hat er Kollegen gebeten, seine Patienten aufzunehmen, und eine Liste von Ärzten zusammengestellt, die sich um seine Patienten kümmern würden. Der Abschied von ihnen und dem Team falle ihm schwer, zumal sich zu unzähligen Menschen über die Jahrzehnte eine enge Beziehung entwickelt habe, bei manchen sei schon die dritte Generation in der Praxis.
Die vergangenen Wochen seien von Emotionen geprägt und manche Tränen geflossen, gibt Luft zu. Diese Wertschätzung zu erleben, sei natürlich ein schönes Gefühl und zeige, dass sich die Menschen von ihm gut begleitet gefühlt hätten. Und er werde all diejenigen, zu denen er ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe, vermissen. Aber er freue sich auf den Ruhestand, mit 71 Jahren sei der Zeitpunkt erreicht, einen Schlussstrich zu ziehen. „Ich hänge den weißen Kittel in die Ecke“, sagt er klipp und klar – Aushilfe oder Praxisvertretung ausgeschlossen.
Fälle haben ihn bis in die Nacht beschäftigt
Er sei froh, die Verantwortung für die Kranken abzugeben, das sei der entscheidende Grund für diesen Schritt. Er habe immer 100 Prozent Leistung geben wollen, sich permanent weitergebildet, um auf dem neuen Stand zu sein und den Patienten helfen zu können. „Die Fälle haben mich nie losgelassen, mich nachts immer weiter beschäftigt“, blickt Michael Luft zurück.
So freue er sich, bald morgens mit leichtem Gefühl aufzustehen, mit dem Hund eine Runde im nahen Wald zu drehen und nicht mehr nur im Urlaub aus der Tretmühle herauszukommen. Und nachdem die drei Kinder längst aus dem Haus sind, warte nun ein neuer Lebensabschnitt auf ihn und seine Frau. Die habe ihn übrigens schon fest eingeplant, verrät er mit einem Schmunzeln – in der Küche.