Wer langweilige Stadtführungen mag, bei denen die Gäste nur Jahreszahlen hören und alte Bauwerke sehen, ist bei Billy Sum-Hermann falsch. In verschiedenen Rollen – und mit einem frechen Mundwerk – vermittelt sie historische Fakten.
Sie ist Henkersfrau, Hebamme, Putzfrau, Flößermaidle und noch viele mehr: Billy Sum-Hermann schlüpft nicht nur gerne in verschiedenen Rollen. Als Antonia Seidel, Sophie Trenkle oder Philippine Hansjakob diesen bringt sie Touristen, Einheimischen und allen, die einfach Interesse haben, bei ihren Touren und Führungen Historisches, Amüsantes, Unheimliches und Außergewöhnliches näher.
Bevor sie all diese Rollen erfand, führte sie ein recht gewöhnliches Leben. „Ich habe Krankenschwester gelernt und vier Kinder bekommen“, fasst die Hausacherin zusammen. Als sie 40 Jahre alt war, waren die Kinder aus dem Gröbsten raus „und ich überlegte mir, was ich weiter machen wollte“, berichtet sie unserer Redaktion von den Anfängen ihrer Führerkarriere. Freundinnen hätte sie dann auf die Idee gebracht, Schwazwald-Guide und Gästeführer zu werden. „Sie waren der Meinung, dass das perfekt zu mir passen würde“, berichtet Sum-Hermann lachend.
2005 und 2006 erlangte sie nach den Ausbildungen die entsprechenden Zertifikate. Zeitgleich begann sie, Touren zu begleiten, die die Deutsche Bahn damals anbot. Mit der Schwarzwaldbahn ging es für Touristen, die in der Region ihren Urlaub verbrachten, an den Bodensee, Billy Sum-Hermann übernahm die Führung und sorgte für Unterhaltung. Ihr persönliches Highlight dabei: ein Paar, das sich bei einer dieser Fahrten kennenlernte und sie später sogar zu ihrer Hochzeit einlud. „Auf der Einladungskarte stand: ,Die Bahn verbindet’“, erinnert sich Sum-Hermann schmunzelnd. Das traf genau ihren Humor.
Sie begleitete zuerst Touren der Deutschen Bahn
Die Touren machten ihr großen Spaß und als der ehemalige Haslacher Bürgermeister Heinz Winkler und Kulturamtsleiter Martin Schwendemann sie anfragten, ob sie Lust habe, in der Storchenstadt einige Führungen zu übernehmen, sagte sie gerne zu. „Ich bin keine Haslacherin und so kam ich auf die Idee, bei den Touren Rollen zu spielen“, berichtet Billy Sum-Hermann. So wurde zum Beispiel Hebamme Sophie Trenkle „geboren“. Diese ist an eine reale Person mit dem gleichen Namen und der gleichen Profession angelehnt, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Haslach praktizierte. „Sie muss eine tolle Frau gewesen sein und war in Haslach sehr beliebt. Darum habe ich beschlossen, sie wieder zum Leben zu erwecken“, führt Sum-Hermann aus.
Bei den Führungen als Hebamme gibt sie nicht nur Details zu Orten, die besucht werden, sondern auch Einblicke in die Arbeit einer damaligen Hebamme und dem Leben der damaligen Menschen. Auf witzige Art und Weise bezieht sie dabei ihre Umgebung ein, fragt vorbeikommende Eltern, ob das Baby schon durchschläft oder zeigt auf irgendeinen Mann: „Der ist auch gerade erst Vater geworden“. Die Hebammen-Tour endet immer beim Storchentags-Bild von Frieder Haser, bei dem Sum-Hermann die Gäste über die Tradition des Storchentags aufklärt. Auch bei ihren anderen Touren als „Buttermariele“ oder „Sprücheklopferin“ verbindet sie ein freches Mundwerk mit ihrem Wissen um hiesige Traditionen und Geschichten. Dieses ist immens und beruht unter anderem auf ihrer Unfähigkeit, zuverlässig durchzuschlafen. „Ich arbeite meistens nachts“, erklärt sie auf die Frage, woher sie all ihre Ideen hat und wie sie sich ihr umfangreiches Hintergrundwissen angeeignet hat. Wenn ihr nachts etwas einfalle, schreibe sie es sofort auf. Manchmal träume sich auch von Ideen, die sie dann ebenfalls notiere.
Aber sie liest auch viele Bücher und lässt sich Geschichten erzählen. So hat sie seit ihrer Kindheit eine Faszination für die lokalen Gruselgeschichten über die vielen Geister und Dämonen wie zum Beispiel den Sägpudel, den Hauserbacher Bergmole oder dem Burggeist, die im Kinzigtal ihr Unwesen treiben und merkwürdigerweise vor allem unschuldigen Männer auf dem Heimweg von der Wirtschaft auflauerten.
Von Kindheit an ein Faible für das Unheimliche
Diese Geschichten hätte sie schon als Kind immer wieder erzählt bekommen „und ich wollte sie auch immer wieder hören, obwohl ich dann nachts dann nicht schlafen konnte. Ich habe einfach ein Faible für das Düstere und Unheimliche“, gibt Sum-Hermann zu. Gleichzeitig bekennt sie: „Ich bin ein totaler Schisser. Wenn’s irgendwo knackt, kriege ich schon Panik.“ Im Dunkeln in den Wald würde sie darum „nur mit einem starken Mann und schwer bewaffnet“ gehen, erklärt sie.
Glaube und Aberglaube seien früher Teil des alltäglichen Lebens gewesen. Sie versucht, Wissen um dieses mit Kenntnis um historische Fakten zu verbinden. „Ich finde es interessant, wie es früher war und will die ganzen Hintergründe den Zuhörern vermitteln“, sagt Billy Sum-Hermann. So hätte der Beruf des Henkers beispielsweise aufgrund seiner Nähe zum Tod und Blut früher zu den unreinen Berufen gehört, weswegen er und seine Familie am Ortsrand hausen mussten. Außerdem durften die Abkömmlinge der Familien nur in andere Henkergeschlechter einheiraten. Gleichzeitig war der Henker aufgrund der Kenntnisse um die Anatomie des Menschen der Dorfbewohner mit dem größten Wissen um Heilkunde, wurde dementsprechend bei Krankheiten sowie Verwundungen konsultiert. Sum-Hermanns Wissen um diese Umstände hat ihr im Kinzigtal den Spitznamen „Mrs. History“ eingebracht.
Neben Henkersfrau Antonia Seidel und Hebamme Sophie Trenkle hat Sum-Hermann rund 13 weitere Alter Egos erschaffen, die zum größten teil an historisch belegte Personen oder Sagengestalten wie die Flößermarie angelehnt sind. Kleidung und Ausrüstung für ihre Rollen hat die Hausacherin selbst zusammengestellt und beschafft. Manches besorge sie auf Mittelalter-Märkten oder aus Second-Hand-Läden, anderes bekommt sie von Freundinnen, Bekannten oder findet es einfach, wie zum Beispiel den Schafschädel, der am Gürtel der Henkersfrau baumelt. All das bezahlt Sum-Hermann aus der eigenen Tasche.Je nach Buchung, spielt Sum-Hermann nur eine Rolle, an anderen Tagen muss sie mehrmals die Verkleidung wechseln. Reich werde sie mit Führungen nicht, „ich bin glücklich, wenn die Menschen nach den Touren glücklich sind“. Weitere Rollen sollen erst einmal nicht entstehen. Vorerst. Doch Ideen hat sie noch viele. „Ich frage mich immer: ,Was könnte ich noch anstellen?’“, sagt Billy Sum-Hermann.
Kontakt
Billy Sum-Hermann ist auf Anfrage buchbar. Informationen zu ihren Touren und über sie selbst gibt es im Internet unter www.kuckuk3.jimdofree.com