Michael Stavaric moderierte die Manuskriptlesung Lydia Mischkulnigs an.Foto: Reinhard Foto: Schwarzwälder Bote

Literatur: Hausacher Stadtschreiber werden begrüßt / Lydia Mischkulnig liest aus Manuskripten

Mit der Begrüßung der Stadtschreiber liegt nicht nur Leselenz in der Luft, wie Bürgermeister Wolfgang Hermann sagte. Mit dem Beginn des 24. Leselenzes kehrt im kulturellen Leben im Tal wieder etwas Normalität ein.

Hausach. "Ich bin sehr dankbar, dass wir heute zusammen sitzen können", sagte Hausachs Bürgermeister Wolfgang Hermann und bezog sich damit auf niedrigen Inzidenzzahlen, die nach einem Jahr Lockdown endlich wieder Veranstaltungen und Zusammenkünfte unter bestimmten Voraussetzungen ermöglichen. Der Leselenz sei mittlerweile förmlich in der Luft zu riechen. Die Leselenz-Stipendien seien eine "Win-Win-Situation" für die Stadt und für die Stadtschreiber. Hausach würde von den Werken profitieren und die Literaten könnten sich von der Natur und Umgebung inspirieren lassen. Hermann wünschte de Stadtschreibern Martin Fritz, Christian Handel, Stefanie Höfler und Kinga Tóth eine fantastisch tolle Zeit in Hausach.

Gräfin Astrid Schimmelpenninck als Vertreterin der Neumayer-Stiftung, die das Amanda-Neumayer-Stipendium protegiert, rekapitulierte das vergangene Jahr, in dem sie, wie sie sagte, Leselenz-Kurator José Oliver in unterschiedlichen Situationen erlebt habe – geprägt von enormen Durchhaltevermögen oder von Innehalten. Aber: "Hausach ist für mich ein Überlebenskünstler, der sich den gegebenen Umständen anpasst." Sie begrüßte Christian Handel als Amanda-Neumayer-Stipendiaten und überreichte eine Kladde, in der er seine Gedanken und Notizen, aus seiner Zeit als Stadtschreiber festhalten kann.

Ulrike Tippmann als Vorsitzende des Fördervereins Leselenz bedankte sich bei den Gönnern des Leselenzes, die trotz Pandemie das Literaturfestival unterstützt hatten.

Auch Beate Laudenberg von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe verhehlte nicht, dass die Pandemie auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen war.

Hausach als "Überlebenskünstler"

"Seit anderthalb Jahren habe ich nur Kacheln und keine Studierenden vor mir", erzählte sie. Die Zusammenarbeit mit dem leselenz bestehe nun schon seit acht Jahren und sie freue sich sehr, dass nun mit Stefanie Höfler wieder eine Lehrerin, die schreibt, die Poetik-Dozentur an der PH übernehme.

Kinga Tóth war nicht persönlich nach Hausach gekommen, nahm aber per Videoschalte an der Veranstaltung im Kinzigtal teil. Sie befindet sich gerade in Budapest und arbeite mit einer Kollegin an einem Projekt mit illegal eingereisten Jugendlichen, berichtete sie. Oliver befragte sie nach der aktuellen Situation in, gerade in Bezug auf Corona und für die Schriftsteller. "Es ist ziemlich trostlos", meinte Tóth, "aber nicht nur wegen der Krise. Ungarns Regierung hatte mit dem Abbau der Rechtsstaatlichkeit Schlagzeilen gemacht. "Aber es gibt viele Menschen, die mit den Entscheidungen der Regierung nicht einverstanden sind und die sind aktiv. Neben dem Fremdenhass und dem Abbau von Gleichberechtigung gibt es auch noch ein anderes Ungarn", so Kinga Tóth.

Buchhändler und Literaturvermittler Robert Renk sagte ein paar Worte zum Stadtschreiber Martin Fritz. "Er ist wohl das ruhigstem schillerndste Wesen, das ich kenne", meinte er. Fritz erhebe die Unentschlossenheit und das überforderte Scheitern zur erstrebenswerten Arbeitsweise. Mehr noch: "Nichts beflügelt das Scheitern mehr als das Scheitern". Fritz sei ein Meister des unnützen Wissens, das plötzlich nütze.

Oliver übernahm es, Höflers Werke zu beschreiben. Er hob deren Sensibilität und den richtigen Ton für das jeweilige Thema hervor, sei es das Dicksein, Gewalterfahrung bis zum Umgang mit dem Tod. Schon mit ihrem Debütroman "Mein Sommer mit Mucks" landete sie auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis.

Aus Christian Handels Roman "Rowan und Ash", in dem zwei schwule Prinzen im Mittelpunkt stehen, las Oliver einen Auszug vor. Seine Protagonisten seien Klone, märchenhafte oder an Märchen angelehnte Figuren. "Dieser Mix, der kompliziert klingt, ist rasend spannend und auf der Höhe der Zeit. Hier werden Figuren mit all ihren Facetten geschildert, mit den mutigen und starken genauso wie mit den schwachen und zweifelnden", so Oliver.

Noch nie gesehener Text soll plötzlich laut werden

Nach der Begrüßung und Vorstellung der Stadtschreiber las Lydia Mischkulnig aus ihren Manuskripten von "Die Richterin" und "Der Rückkehrer" vor. Für sie war die Reise nach Hausach die erste nach dem Lockdown gewesen. Ihre anfängliche Begeisterung habe in Zweifel umgeschlagen, berichtete sie. "Was passiert, wenn ein Text, der noch nie andere Augen gesehen hat, plötzlich laut wird", habe sie sich gefragt. In ihrem Werk "Die Richterin" ging es um eine Frau, die Recht sprechen müsse, aber das oft gegen ihr Gerechtigkeitsgefühl. eindrücklich schilderte Mischkulnig Gerichtsszenen, in denen geflüchtete Frauen mit der Situation überfordert waren und so oft unwissentlich ihre Situation verschlechterten als verbesserten.

Aus "Der Rückkehrer" las die Autorin eine Szene in einem Flugzeug vor, in der zwei einflussreiche Philanthropen über den Sinn ihres Tuns diskutieren. "Die Menschen von der Geißel der Menschen zu erlösen wird nicht funktionieren", hieß es dort unter anderem.

Der Leselenz wurde am 2. Juli offiziell eröffnet. Im Kinzigtalbad las Michael Ferner aus seinem Buch "Der Künstler und das Meer" vor. er war mit dem Kajak von Koroni nach Opatija über Griechenland, Albanien, Montenegro – Bosnien und Herzegowina nach Kroatien gepaddelt. Wir werden in der Montagsausgabe noch berichten.

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