Das Hochwasser hat die komplette Infrastruktur in der Region zerstört, wie hier in Dernau. Eisenbahnlinien und Straßen müssen neu aufgebaut werden. Foto: DRK Kreisverband Wolfach

Vor vier Wochen sind sie im Einsatz gewesen und haben die Zerstörungen durch das Hochwasser im Ahrtal hautnah erlebt. Was sie gesehen haben, lässt die Notfallbetreuer des DRK-Kreisverbands Wolfach nicht mehr los.

Hausach/Mittleres Kinzigtal - Drei Notfallbetreuer aus dem Kinzigtal – Anna Niederberger, Angelika Ferreira, Ursula Fuggis – und Sascha Ferreira als Notfallbetreuer "in Ausbildung" haben vier Tage lang für die Menschen im Hochwassergebiet seelische, aber auch praktische Unterstützung geleistet. Sie trafen kurz nach der Katastrophe ein.

"Das Hochwasser passierte in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, 21. auf 22. Juli. Am folgenden Samstag bekamen wir den Voralarm für die Notfallbetreuung, am Sonntag folgte der Abfahrtsbefehl", berichtet Herbert Schmitz als Teamleiter der Gruppe. 32 Personen aus dem Landesverband Baden seien in das Krisengebiet gefahren, untergebracht wurden sie auf dem Nürburgring.

"Wir wussten, worauf wir uns einlassen, aber die Realität hat alles übertroffen"

Ab Montag waren die Notfallbetreuer dann im Einsatz, allerdings aufgeteilt in unterschiedliche Gruppen. "Wir wussten, worauf wir uns einlassen, aber die Realität hat alles übertroffen. Das Ausmaß, was da passiert, wird einem erst bewusst, wenn man da ist", so Schmitz. Was im Fernsehen gezeigt werde, sei eher noch untertrieben.

Am ersten Tag sei er in Dernau gewesen, einem kleinen Ort in einem der Gebiete, die am stärksten betroffen sind. Bei etwa 17.000 Einwohnern gibt es dort bisher 14 Tote zu beklagen. Viele hätten mit einem normalen Hochwasser gerechnet und sich schlafen gelegt. Doch statt einer Pegelüberschreitung von 3,50 Meter wie bei einem 100-jährlichen Hochwasser, stieg das Wasser acht Meter über die Ufer.

Schmitz spricht von "unvorstellbaren Szenarien". Die Infrastruktur sei vollkommen zerstört. Es gibt keine Stromversorgung, keine Wasserversorgung, keine Lebensmittel.

Allein die Kirche in Dernau zu erreichen – in allen Orten im Hochwassergebiet wurden die Kirchen die Anlaufstellen für Betroffene und Helfer– sei eine Herausforderung gewesen. "Alles ist voller Schlamm, es ist rutschig wie bei Glatteis und man muss sich jeden Schritt zwei Mal überlegen", berichtet Schmitz.

Schlamm macht alles rutschig wie Glatteis

In den weiteren Tagen sollte Schmitz unter anderem Kontakt zu Leuten herstellen, die sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen und zu Personen, die einem der vielen Hochwassertoten nahe standen. Gerade letzteres erwies sich als schwierig, denn fast alle Menschen im Hochwassergebiet sind mit Aufräumen und Helfen beschäftigt und somit ständig unterwegs.

"Es herrscht eine sensationelle Organisation des Helfens", berichtet Schmitz. Die Aufgabe der Notfallbetreuer sei es gewesen, Gespräche zu führen. Viele Tränenausbrüche hätten sie erlebt, denn bei aller Tatkraft der Flutopfer: "Bei der Notfallbetreuung kann man sich mal hängen lassen."

Anna Niederberger war schon bei ihrer Ankunft am Nürburgring beeindruckt von der schieren Masse an Hilfskräften. "Ich habe noch nie so viel Blaulicht gesehen. Bis spät in die Nacht fuhren die Blaulichtfahrzeuge vor", erzählt sie. Sie berichtet von Menschen, die von den "Füßen bis zur Nase" verschlammt waren und begegnete Menschen, die nicht nur ihr Haus, sondern auch ihre Lebensgefährten an die Flut verloren hatten. Aber sie erlebte auch viel Dankbarkeit. "Endlich ist jemand da und kümmert sich um uns", fasst sie die Empfindung der Katastrophenopfer zusammen.

Ursula Fuggis wurde im BABZ, in der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung, eingesetzt. Das befindet sich zufälligerweise in Ahrweiler und wurde schnell zu einer Koordinierungsstelle umfunktioniert. "Leute, die Hilfe suchten, kamen ins BABZ", fasst sie zusammen. Die Einsatzkräfte im BABZ hatten somit jede Menge zu tun. Medikamente wie Insulin oder Thrombosespritzen wurden auf dem minimalsten Dienstweg organisiert und verabreicht, Personen mit Nervenzusammenbrüchen wurden versorgt, Kontakte hergestellt und Menschen untergebracht. "Wir waren permanent unterwegs, es gab keine Zeit zum Ausruhen", fasst Fuggis zusammen.

"Da habe ich manchmal richtig Gänsehaut bekommen"

Angesichts dieser Belastung war Sascha Ferreira froh, dass er schon einige Einsätze hinter sich hatte. Ihm ist aber vor allem die Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander im Gedächtnis geblieben. "Da habe ich manchmal richtig Gänsehaut bekommen". Dennoch sei die psychische Belastung hoch gewesen. "ich habe nach dem Einsatz noch zwei, drei Tage gebraucht, nur um wieder runterzukommen", so Ferreira. Die hohe physische und psychische Belastung sei auch der Grund, warum Einsatzkräfte maximal vier Tage am Stück vor Ort bleiben. "Dann ist der Akku im Leerlauf", so Schmitz.

Nichtsdestotrotz sind sich alle einig, dass sie jederzeit wieder ins Hochwassergebiet fahren würden.

Die Notfallbetreuung steht Menschen nach Schicksalsschlägen und in schwerer Not bei und begleitet sie mit Rat und Tat oder auch nur als stiller Zuhörer. Das Team besteht aus ehrenamtlichen Helfern, vorwiegend Mitgliedern aus dem Bereich des Roten Kreuzes, der Feuerwehren sowie des Kirchenamts, und hat die Ausbildung der zertifizierten Notfallbetreuung absolviert. Diese Ausbildung umfasst Bereiche der Psychologie bis hin zur Rechtskunde.