Mit dem geplanten Abbruch des Hauses Waldeck geht auch ein Stück Nagolder Stadtgeschichte verloren. Höchste Zeit, auf die bewegte Geschichte des Gebäudes zu blicken.
Das Haus Waldeck steht im Moment leer. Wieder einmal, könnte man sagen. Denn in der Geschichte des Hauses sah es schon einige Bewohner kommen und gehen. Meist waren es Patienten. Und Schwestern sowie Ärzte.
Nun sind die Würfel gefallen. Nachdem das einst als Heilanstalt gebaute Gebäude zwischenzeitlich auch nicht mehr als Asylbewerberheim benötigt wird, soll der mehr als 120 Jahre alte Bau abgebrochen werden.
Das Haus prägte Jahrzehnte den Ortseingang in Richtung Nagoldtal. Wer von der Gäuhöhe aus hinunter nach Nagold fährt, für den ist das Haus Waldeck an der Herrenberger Straße der erste Eindruck, den er von der Stadt bekommt.
Anfänge als Kaltwasserheilanstalt
Und dieser Eindruck muss einmal sehr schön gewesen sein. Davon zeugen zahlreiche Postkarten vom Waldeck und der gegenüberliegenden Gaststätte Waldlust.
Die Lage ist idyllisch, dort im Kreuzertal, mit seinem aktuell noch großteils verbauten Kreuzertalbach. Und so kam es wohl auch, dass in einer Zeit als Nagold noch für Kurgäste interessant war, auch das Haus Waldeck entstand.
In einem 1971 erschienenen Heimatbuch „Nagold – Bilder einer Stadt“ ist jedenfalls nachzulesen, dass die Anfänge dieser einstigen Heilstätte auf das Jahr 1892 zurückgehen. Das Haus Waldeck wurde als Kaltwasserheilanstalt erbaut. Ein Naturheilpraktiker namens Frölich gründete im Kreuzertal die Heilanstalt nach dem Vorbild der Kneipp-Bäder.
Genesungsheim für erkrankte Soldaten
1901 aber änderten sich bereits Zweck und Besitz. Die Militärverwaltung kaufte das Anwesen und eröffnete in Nagold ein Genesungsheim für erkrankte Soldaten.
In den Weltkriegen diente das Waldeck auch als Lazarett. Im Zweiten Weltkrieg zusammen mit der sich gegenüber befindlichen „Waldlust“, mit dem damaligen Bezirkskrankenhaus (Altes Krankenhaus am Lemberg) und als Hauptlazarett diente das Seminargebäude.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das „Waldeck“ zur Versorgungsheilstätte für lungenkranke ehemalige Soldaten. Aber auch Polizisten und andere Staatsbedienstete wurden dort behandelt.
Liegehallen im Wald
Erweiterungen und Renovierungen standen an. Auch von dem Bau von mehreren Liegehallen im naheliegenden Wald wird berichtet. Dort war die Luft wohl noch besser als direkt an der Herrenberger Straße, der einstigen B28.
1963 schloss das zwischenzeitlich von der Landesversorgungsanstalt betriebene Haus seine Pforten. Die Patienten zogen in das Rötenbad im Kernen um.
Fünf Jahre stand das Haus nun leer – sehr zum Verdruss des damaligen Bürgermeisters Eugen Breitling. Der versuchte gemeinsam mit dem Gemeinderat fieberhaft einen neuen Nutzer für das sich im Landeseigentum befindliche Gebäude nach Nagold zu locken. Dabei gab es einige Interessenten und wohl noch mehr Ideen. In der Zwischenzeit verwahrloste das Haus zusehends. Auch von Einbrüchen wird berichtet.
1969 übernimmt die Haus am Berg GmbH
Die Wende kam 1968, endlich war ein neuer Nutzer gefunden. Das Land ließ das Anwesen herrichten. Die neue Bestimmung des Hauses Waldeck war allerdings in Nagold ziemlich umstritten. Geplant war ein Heim für psychisch kranke Frauen zu eröffnen. Die Vorbehalte dagegen waren groß, und die Vorurteile gegenüber psychischen erkrankten Menschen damals noch deutlich größer als heute.
Dennoch: Das Land hatte eine sinnvolle Nachnutzung für das Waldeck gefunden. Im November 1969 eröffnete die „Haus am Berg GmbH“, die heute Teil der Bruderhaus Diakonie ist ihr Haus Waldeck.
Letztes Kapitel Asylbewerberheim
Bis 2011 wurde das Haus als Fachpflegeheim der Sozialpsychiatrischen Hilfen der Bruderhaus-Diakonie genutzt. Dann bezog die Bruderhaus Diakonie ihren Neubau im Bächlen und betreut seitdem dort pflegebedürftige Menschen ab 40 Jahren mit psychischen Erkrankungen.
Für das Haus Waldeck begann damit das letzte Kapitel seiner wechselvollen Geschichte. 2012 beschloss der Kreis in dem Gebäude Asylbewerber unterzubringen. 2013 eröffnete das Asylbewerberheim, das zwischenzeitlich nicht mehr gebraucht wird und wieder leer steht.
Die aktuellen Pläne der Stadt Nagold: Das Gebäude wird noch in diesem Jahr abgerissen, und der Kreuzertalbach auch in diesem Bereich freigelegt.
Haus Waldeck
Die Serie
Von der Kaltwasserheilanstalt zum Asylbewerberheim: Seit mehr als 120 Jahren prägt das Haus Waldeck den östlichen Nagolder Stadteingang. Nun soll das Gebäude im schönen Kreuzertal abgebrochen werden. Damit verschwindet in Nagold ein Stück Stadtgeschichte. Mit Dokumenten aus dem Stadtarchiv Nagold und alten Zeitungsberichten erinnern wir an bemerkenswerte Episoden aus der wechselvollen Geschichte dieses historischen Nagolder Bauwerks.