11.700 Fälle sind im Haus des Jugendrechts bearbeitet worden - mit einer Intensivkur für knapp 3700 junge Tatverdächtige. Nun feiert die Vorzeigeeinrichtung ihren zehnten Geburtstag.
Es war die Zeit, als New York als Sicherheitsstadt glänzte. Null Toleranz gegen Jugendkriminalität. Ein Thema, 1997 wie geschaffen für den damaligen Polizeipräsidenten Volker Haas, der gerne als Kriminalphilosoph und Querdenker von sich reden machte - etwa mit der Forderung nach einer Heroinfreigabe.
Im Juli 1997 hatte er für den Reporter der Stuttgarter Nachrichten im Gespräch über die Methoden der New Yorker Polizei eine Überraschung parat. "Wir bräuchten wie in New York so eine Art Nachbarschaftsgericht, bei dem Jugendrichter, Sozialarbeiter und Arbeitsförderer unter einem Dach dem frisch erwischten Jungtäter maßgeschneidert heraushelfen", forderte Haas. Wie er das nennen würde? "Warten Sie - wie wär's mit Haus der Gerechtigkeit?"
Haus des Jugendrechts - Vom Zankapfel zum Vorzeigemodell
Die Schlagzeile erzeugte Wirkung. Ein Konzept war binnen eines Monats erstellt, und es wurde auf Vorschlag des Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster auf den Namen Haus des Jugendrechts umgetauft. Dann aber begann ein steiniger Weg - vom Zankapfel bis zum politischen Vorzeigemodell.Bei der Staatsanwaltschaft stieß das Projekt auf wenig Gegenliebe. Der damalige Chef Klaus Pflieger fühlte sich von Haas übergangen, sprach von einer "Luftblase", kritisierte, dass in seiner Behörde 20 bis 30 Fälle täglich bearbeitet werden müssten und eine Sonderbehandlung weniger Vorzeigetäter Ungleichgewichte schaffe. Die übrigen Strafverfolger waren über Jahre tatsächlich mit dem großen Rest der Jugend-Fälle in der Stadt überlastet.
Sozialarbeiter und Jugendrichter waren von Anfang an nicht unter das Dach zu kriegen. Der damalige Kriminaldirektor Michael Kühner sollte als Geschäftsführer das Konzept retten. "Wir mussten erst einen Teamgedanken reinbringen", sagt Kühner. Und nach dem Motto arbeiten: Lieber unvollkommene Vorstellungen verwirklichen, als nach vollkommenen nur zu suchen.
Bilanz war von Beginn an positiv
Unter ein Dach kamen nur noch Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendgerichtshilfe. Das Intensivprogramm für Jungtäter wurde auf den Stadtbezirk Bad Cannstatt begrenzt. Haas hatte damit nichts mehr zu tun: Anfang 1999 musste er wegen seinen Äußerungen zur Kurden-Frage den Hut nehmen. Der Einweihung blieb er fern."Wir sind zum Erfolg verurteilt", sagte OB Schuster bei der Eröffnung des Hauses in der Krefelder Straße 11 in der Neckarvorstadt - und die Bilanzen waren von Anfang an positiv. Besonderer Gradmesser: Die Verfahrensdauer wurde glatt halbiert. Dauerte es von der Polizei-Anzeige bis zum Urteil 1999 noch durchschnittlich 230 Tage, waren es zuletzt nur noch 105 Tage.
"Wichtiger aber als Schnelligkeit", betont die Staatsanwältin der ersten Stunde, Rosa-Maria Wolff, "ist es, die Zeit für den Jugendlichen sinnvoll zu nutzen." 509 junge Sünder waren es im ersten Jahr - inzwischen sind es genau 3671 geworden.
Ob das eigentliche Ziel, die Jugendkriminalität einzudämmen, erreicht wurde, "lässt sich aber nur schwer nachweisen", sagt Wolff. Die Statistiken der Polizei blieben eher unbeeindruckt. 2008 wurden in Stuttgart 6277 Täter unter 21 erwischt. Vor zehn Jahren waren es 0,4 Prozent weniger.