Lamin Jaiteh arbeitet für eine Ruster Baufirma. Für den Gambier wurde der ersehnte Heimaturlaub aber zum Alptraum. Nun fliegen seine Kollegen in das Land, um zu helfen.
Es ist ein äußerst ungewöhnlicher „Betriebsausflug“, wie es Leon Ohnemus selbst nennt. Der Geschäftsführer des Ruster Schlüsselfertig-Unternehmens Ohnemus Bau-Concepte wird am Montag zusammen mit der Hälfte der Belegschaft für eine Woche nach Gambia reisen.
Es ist das Heimatland von Lamin Jaiteh. Der 30-Jährige verließ seine Heimat angesichts der wirtschaftlichen Lage und ist in Rust angekommen. Seit dem Sommer 2022 arbeitet der Handwerker für Ohnemus. Leon und Seniorchef Stefan Ohnemus schätzen ihren Kollegen sehr.
Erschüttert hat die beiden die Nachricht über das Feuer, das im Herbst das Haus von Jaitehs Familie zerstört hat. Die lebt weiterhin in Gambia, darunter sein eineinhalb Jahre alter Sohn, den er bislang noch nie persönlich sehen konnte.
Die Idee entstand auf der Weihnachtsfeier
„Er war total aufgelöst“, erinnert sich der Geschäftsführer, selbst Vater eines kleinen Kindes, an den Tag, als ihm Jaiteh von dem Unglück berichtete. Ein Kurzschluss werde als Brandursache vermutet. Der lang ersehnte Heimaturlaub wurde dadurch für den Gambier zum Alptraum. Statt sich über das emotionalen Wiedersehen freuen zu können, ist Jaiteh nun mit einem kräftezehrenden Wiederaufbau beschäftigt. Schon bald bekommt Jaiteh aber Unterstützung aus Rust – von der er noch gar nichts weiß. Ohnemus und Co. wollen ihn in seinem Heimatland überraschen und beim Hausbau mit anpacken.
„Auf unserer Weihnachtsfeier kam uns die Idee, den Betriebsausflug nach Gambia zu machen“, erklärt Ohnemus. Kurz vor den Weihnachtstagen habe er mit seiner Frau über den Plan gesprochen. Auch sie sei begeistert von der Idee. Zusammen mit Seniorchef Stefan Ohnemus sprach er dann die Mitarbeiter auf den Plan an. Die Handwerker seien gleich an Bord gewesen, berichtet Ohnemus. Die Firma übernimmt alle Kosten für die Flüge und die Unterkunft in Gambia. Doch auch mit der Zusage der Mitarbeiter blieb offen, ob sich die Reise so kurzfristig überhaupt organisieren lässt. Ein befreundeter Reiseplaner suchte nach Möglichkeiten, nach Gambia zu kommen. Mit Erfolg: Am Montag geht es für die Gruppe von Frankfurt nach Casablanca und von dort nach Banjul, die Hauptstadt des kleinen Staates.
Neben den Flügen gab es noch eine Reihe weiterer Vorkehrungen zu treffen. „Die Gelbfieberimpfung ist Pflicht für die Einreise“, erzählt Ohnemus. Neben dem Impfschutz wurde eine Reiseapotheke zusammengestellt und auch an Malariaprophylaxe gedacht. „Ein Mitarbeiter hatte noch keinen Reisepass“, erzählt Ohnemus. Aber auch hier reichte die Zeit gerade so für den Express-Reisepass.
Vor Ort werden die fünf Männer vor vielen Unbekannten stehen. Denn: Keiner hat Gambia zuvor bereist oder war auch nur in der Nähe des Landes. Nach ihrer Ankunft wollen die Handwerker Jaiteh überraschen. „Vielleicht schicken wir ihm ein Gruppenfoto am Flughafen“, blickt Ohnemus voraus. Von der Hauptstadt Banjul müssen sie noch gut zehn Minuten Autofahrt weiter – nach Latrikunda. Der Ort selbst hat etwas mehr als 20 000 Einwohner, ist aber Teil eines Ballungsgebietes. Die genaue Adresse von Jaitehs Familie haben sie noch nicht.
Haus wurde bis auf die Grundmauern zerstört
Fragezeichen stehen auch hinter dem Arbeitseinsatz. Nur eines ist angesichts der Bilder schon klar: Der Brand hat das Haus der Familie völlig zerstört. „Wir wissen nicht, wie dort die Standards sind“, erklärt Ohnemus mit Blick auf den Hausbau in Gambia. Aber sie seien ein Team aus „Allroundern“ und überzeugt, mit den Bedingungen zurecht zu kommen. Zudem sei Jaiteh schon eine Weile am Bauen. Von Null geht es also nicht los. „Wir fügen uns ein und unterstützen ihn“, fügt Seniorchef Ohnemus hinzu.
Auch wenn im Gepäck nicht viel Platz ist, wollen die fünf Handwerker etwas Werkzeug aus Deutschland mitnehmen. Etwa Akkuschrauber, Bohrer, Winkelschleifer oder auch Hammer und Nägel. Die restlichen Baumaterialien wollen sie sich von den Marktständen vor Ort besorgen. „Es ist auf jeden Fall ein Abenteuer“, sind sich Leon und Stefan Ohnemus sicher.
Das Land
Gambia ist der kleinste Staat auf dem afrikanischen Festland. Das Land ist bis auf einen Küstenstreifen vollständig vom Senegal umgeben. Etwa 2,7 Millionen Einwohner hat das westafrikanische Land. Die Grenze Gambias verläuft entlang des gleichnamigen Flusses. Das Land ist dabei nur zwischen zehn und 50 Kilometer breit. Die Hauptstadt Banjul liegt am Meer.