Dort, wo sie sich heute die Gedenkstätte befindet, war nicht das Lager. Das war weiter oben auf dem Berg. Foto: Weinbrenner

Die Haslacherinnen Elisa Göppert und Hanna Kopp haben ein SWR-Feature über den „Vulkan“ erstellt.

Elisa Göppert und Hanna Kopp stammen aus Haslach stammen und haben sich schon in ihrer Schulzeit mit dem NS-Arbeitslager auf dem Vulkan beschäftigt. Doch das Thema ließ sie auch später nicht mehr los. Vor allem die Frage, was mit dem Ort nach Kriegsende geschah und warum just an dieser Stelle eine Mülldeponie errichtet wurde, beschäftigte sie. Ihre Recherchen haben sie nun in Zusammenarbeit mit dem SWR in einem berührenden, knapp einstündigen Audio-Feature zusammengefasst.

 

Frau Göppert, Frau Kopp, wie kamen sie auf die Idee für das Feature?

Hanna Kopp: Wir sind beide auf das Robert-Gerwig-Gymnasium in Hausach gegangen und waren in der gleichen Stufe. Dort haben wir uns kennengelernt und sind seitdem befreundet. Wir haben beide den Leistungskurs in Geschichte belegt. Im Rahmen des Unterrichts gab es eine Geschichtswerkstatt zum Vulkan in Haslach. Da hatten wir schon Kontakt zu Sören Fuß.

Wie ging es nach dem Schulabschluss weiter?

Elisa Göppert: Zwischen dem Geschichtsleistungskurs und dem Feature liegen gut zehn Jahre. Irgendwie hat uns der Vulkan immer weiter begleitet.

Kopp: In der Schulzeit ging es um den Vulkan während der Zeit des Nationalsozialismus’. Was wir damals schon wussten, war, dass das Stollensystem nach dem Krieg gesprengt wurde, aber alles andere, das dann passierte, war nie Thema. Das war wie eine Leerstelle in unseren Köpfen. Irgendwann haben wir bemerkt: Dort, wo heute die Gedenkstätte ist, war gar nicht das Lager. Das Lager war dort, wo die Mülldeponie hingekommen ist. Dort, wo die Stolleneingänge waren, liegt jetzt Müll.

Göppert: Die inzwischen still gelegte Mülldeponie, der Wertstoffhof und die weiter unten liegende Gedenkstätte, das waren für uns getrennte Orte. Wir haben erst als Erwachsene verstanden, wie das alles zusammenhängt.

Wie kamen Sie beide zum SWR?

Göppert: Ich habe an einem Seminar in Norddeutschland teilgenommen, bei dem es um das Erstellen von Audio-Features ging. Angemeldet hatte ich mich, weil Hanna und ich schon lange die Idee für das Vulkan-Feature hatten. Das Seminar wurde vom Feature-Redakteur des SWR gegeben. Im Nachgang an das Seminar kamen Hanna und ich dann auf die Idee, unser Projekt in Zusammenarbeit mit dem SWR zu veröffentlichen.

Kopp: Durch Elisas Seminar kamen wir in Kontakt mit dem Redakteur, dem wir unsere Idee unterbreitet haben. Wir haben ihm vom Vulkan erzählt und dass wir aus Haslach kommen. Er fand die Idee gut und hat uns die vergangenen Monate super begleitet. Wir haben das Feature für den SWR dann als freiberufliche Autorinnen erstellt.

Es gibt ja jede Menge Quellenmaterial, das vor allem Sören Fuß zusammengesucht hat. Wie sind Sie bei der Gewichtung vorgegangen?

Göppert: Für uns stand am Anfang die Frage, wie wir es schaffen, die ganze Geschichte auditiv aufzubereiten. Ein Audio-Feature lebt natürlich von den Aufnahmen. Wir haben sehr viel mit Sören gesprochen, mit den Angehörigen und waren auch beim Gedenktag mit dabei. Außerdem haben wir viel Zeit im Stadtarchiv verbracht.

Kopp: Uns war wichtig, dass der Ort Vulkan über das Hören wahrnehmbar wird. Aus diesem Grund waren wir mehrmals auf dem Wertstoffhof, um dort Aufnahmen zu machen, und wir waren im Wald, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Und dann war es natürlich auch wichtig, Wissen zu vermitteln – jenes Wissen, das Sören Fuß über die Jahre, in denen er sich dem Projekt schon hingibt, gesammelt hat. Aber auch die Perspektive der Angehörigen war uns wichtig. Wie finden sie es, dass 20 Jahre nach Kriegsende da eine Mülldeponie hinkam? An den Ort, wo ihre Angehörigen gelitten haben? Dass das Raum im Feature bekommt, war für uns beide von großer Bedeutung.

Was war beim Erstellen die größte Herausforderung?

Göppert: Wir hatten am Ende 30 Stunden Audiomaterial. Es war eine große Herausforderung, aus diesen 30 Stunden und sehr vielen Archivdokumenten zu überlegen, was ins Feature kommt und was nicht. Eine Form, eine Struktur und Reihenfolge für dieses ganze Material zu finden, war auch sehr schwierig.

Wie viel Zeit haben Sie in das Projekt gesteckt?

Kopp: Für uns beide war das ein Herzensprojekt. Ich kann gar nichts dazu sagen, wie viel Stunden das waren.

Göppert: Die ersten Monate haben wir uns noch die Stunden notiert, aber nach drei, vier Monaten haben wir damit aufgehört. Ich bin mir nicht sicher, aber wenn wir Vollzeit gearbeitet hätten, wären es für uns jeweils vielleicht vier Monate gewesen. Aber es ist schwierig zu sagen, denn es war ein Prozess und manchmal müssen Sachen auch reifen. Dann ist eine Pause wichtig und dann geht man mit frischem Blick dran. Wir hatten auch Arbeitsphasen, in denen wir drei bis vier Wochen wie in einer Klausur ausschließlich das gemacht haben.

Was hat bei Ihren Recherchen am meisten beeindruckt und berührt?

Kopp: In den Gesprächen mit den Angehörigen haben wir realisiert, dass direkt nach Kriegsende ehemalige Deportierte teilweise mit ihren Familien zurück nach Haslach gefahren sind. In den 60er- und 70er-Jahren gab es dann organisierte Gedenktage von den Deportierten. Ausgerichtet wurden diese von Erinnerungsverbänden aus Frankreich, unterstützt von Organisationen aus Deutschland und einzelnen Menschen aus Haslach. Schon damals wurde von französischer Seite gefordert, dass Gedenk- und Mahntafeln am Lager Sportplatz, aber auch am Vulkan installiert werden. Die Stadt hat darauf sehr zögerlich reagiert. Dass von der Seite der Deportierten angestoßen wurde, die Erinnerung wach zu halten, war für uns sehr beeindruckend.

Elisa Göppert (links) und Hannah Kopp  sprachen bei ihren Recherchen mit Angehörigen ehemaliger Deportierter, Einer davon wqar Roger Bilger. Sein Vater Alfred wurde nach Haslach deportiert und starb dort 1945. Foto: Mehr

Göppert: Was uns am meisten berührt hat, waren die Gespräche mit den Angehörigen. Wie die Geschichten ihrer Väter sie geprägt haben und immer noch prägen. Wie viel Traurigkeit und Schmerz da noch ist – auf ganz unterschiedliche Arten. Für alle spielt das in ihrem Leben eine große Rolle.

Kopp: Das hat in so viele Familien rein gewirkt. In die Kindergeneration, aber auch in die der Enkel. In den Familien ist das noch sehr präsent.

Man hört ja immer wieder, die heutige Generation trage keine Schuld an den damaligen Geschehnissen und dass es „auch mal gut sein müsse“. Was sagen Sie, in Anbetracht der momentanen politischen Landschaft, dazu?

Kopp: Wir sind beide der Meinung, dass man nicht aufhören darf, an die Geschehnisse zu erinnern. Erinnerungsarbeit ist nach wie vor sehr wichtig. Und man muss rechte Strukturen und Kräfte, die in Deutschland Kontinuität haben, in den Blick nehmen.

Göppert: „Es muss auch mal gut sein“ geht nicht. Es wird nie wieder gut. Es kann nie wieder gut werden.

Mediathek und Autorinnen

Das Feature ist in der ARD-Mediathek unter dem Titel „Eine so schöne Landschaft und ein so trauriger Ort - Erinnern und Vergessen in Haslach“ zu finden. Die 32-jährige Elisa Göppert macht derzeit ein einjähriges Volontariat in Leipzig. Hannah Kopp ist 33 Jahre alt und absolviert ein Volontariat bei einem Medienunternehmen in Mainz.