Zum Frühlingsbeginn lebt in Schnellingen ein alter alemannischer Brauch wieder auf: das „Schiibeschlage“. Auf dem Scheibenbühl werden Holzplatten in die Luft geschleudert.
Immer wieder ist davon die Rede, dass das Scheibenschlagen einer der ältesten alemannischen Bräuche sei – ein Brauch, der in der Hauptsache im deutschsprachigen Raum zu Hause ist und in welchem glühend gemachte Holzscheiben mittels von Haselnussstecken von den Bergeshängen zu Tal geschleudert werden. Im Haslacher Stadtteil Schnellingen wurde dieser zum Frühlingsbeginn zählende Brauch vor annähernd einem halben Jahrhundert wiederbelebt und findet am heutigen Samstag wieder statt.
Seit wann gibt es diesen Brauch? So die oftmals gestellte Frage dann, wenn am Vorabend vom vierten Fastensonntag wie in Haslach- Schnellingen oder am Sonntag „Lätare“ selbst in nahezu allen Gemeinden im Elztal, von bestimmten Anhöhen lodernde Feuer weithin sichtbar sind und den Weg zum Ort gespenstischen Treibens führen. Da gibt es jenen urkundlichen Beleg aus dem Jahre 1090, der davon berichtet, damals habe eine geschlagene brennende Scheibe ein Nebengebäude des Klosters Lorsch in Nähe der hessischen Bergstraße in Brand gesetzt, jenes Benediktinerkloster, das bereits 764 gegründet und bis zum hohen Mittelalter ein Macht-, Geistes- und Kulturzentrum gewesen war.
Erste urkundliche Belege aus dem Jahr 1090
In den meisten Gebieten im deutschen Sprachraum, wie im gesamten Oberrheingebiet, im Schwarzwald, in Oberschwaben und Tirol/Südtirol, findet das Scheibenschlagen am Funkensonntag, auch „alte Fasnet“ genannt, statt und begeistert noch immer Jung und Alt. Etwas anders im Haslacher Stadtteil Schnellingen, wo bereits am Vorabend vor dem Sonntag Lätare ganze Völkerscharen dem Gewann „Scheibenbühl“ zueilen, um von diesem aussichtsreichen Ort nicht nur in das abendliche Kinzigtal zu blicken, sondern zu allererst dem Scheibenschlagen beizuwohnen.
Nur wenige wussten bis 1980 darüber Bescheid, dass jene Halde hoch über Schnellingen auch den Namen „Scheibenbühl“ hatte. Da war es damals der Haslacher Grundbuchbeamte Bernhard Sahl der darauf hingewiesen hatte, dass in Schnellingen in alten Karten ein Gewann mit Namen „Scheibenbühl“ eingetragen sei – ein Flurstück, das wie unzählige ähnlich lautende Gewannnamen (Scheibeneck, Funkenmatt), darauf hinweisen will, dass dort wohl einst einer der alten alemannischen Frühlingsbräuche, das Scheibenschlagen stattgefunden hatte. Der damalige Hinweis von Bernhard Sahl sorgte dafür, dass damals Anstrengungen unternommen wurden, diesen Brauch wieder aufleben zu lassen. Immer mehr wurde dadurch Schnellingen – nach Ansicht von dem 1995 verstorbenen Rektor Alfred Schmid eine der alten alemannischen Siedlungen im Schwarzwald- für sein Scheibenschlagen bekannt und selbst das Fernsehen blieb nicht aus und drehte beim Scheibenschlagen vor vielen Jahren für die beliebte Fernsehserie „Die Fallers“.
Betzeitläuten bildet Startschuss für Schauspiel
Mit dem Betzeitläuten von der Schnellinger Kirche erfolgt der Startschuss zu einem ganz besonderen Schauspiel; nach „Englischem Gruß“ und Marienlied nimmt das gespenstische Treiben um großes Feuer und glühende Holzscheiben seinen Anfang. Aber da sind neben den „Schiibeburschen“, den Hauptakteuren, auch noch die ledigen Mädchen zu nennen, sie stehen bereits am Vortag des Scheibenschlagens am Küchenherd und sorgen dafür, dass genügend „Schiibeküchli“ gerichtet sind: eine in Fett gebackene Leckerei, die dann droben am Scheibenbühl nebst Getränken angeboten wird. Sind dann mit der Zeit die meisten Holzscheiben geschlagen und ist das mächtige Feuer immer mehr „in sich zusammengefallen“, dann richten sich alle Blicke auf das mächtige mit Stroh umwickelte Rad, das nun brennend losgelassen wird und auch nicht mehr zu bremsen ist. Will man den Vorfahren glauben, dann war der ungehinderte Lauf des brennenden Rades bereits ein Hinweis für eine gute Erntezeit.
Termin
Beginn des Scheibenschlagens am Scheibenbühl in Schnellingen ist am heutigen Samstag, 14. März, um 19 Uhr.