Storchenvater Hubert Falk mit traditionellem Hut und einem Laib Brot um 1900 Foto: privat

Seit Jahrhunderten ziehen Kinder am Fest der „Petri Stuhlfeier“ durch die Straßen und begrüßen die neue Jahreszeit. Zum Ursprung der Tradition gibt es zwei Theorien.

Der traditionelle Storchentag findet am heutigen Samstag statt. Er wird wie gewohnt mit dem gemeinsamen Gebet in der Mühlenkapelle seinen Anfang nehmen. Danach geht es unter „Heraus, Heraus“-Rufen durch die Altstadt und anschließend durch das Schafsteg- und Rotkreuzgebiet. Der Schluss findet an der Mühlenkapelle statt. Das Fest ist eines der ältesten und zugleich populärsten der Haslacher Kinder, das jedes Jahr von einer großen Schar von Buben und Mädchen begangen wird.

 

Am 22. Februar feiert die katholische Kirche das Fest „Petri Stuhlfeier“, das in Haslach Storchentag genannt wird. In anderen Orten des Kinzig-, Wolf - und Harmersbachtales wird der „Peterlestag“ begangen. Es soll an die Besteigung des Bischofsstuhls von Rom durch den Apostel Petrus erinnern.

Der kirchliche Feiertag hat sich jedoch mit einem uralten Frühlingsfest vermischt, bei dem der Storch als Symbol des wiederkehrenden Frühlings begrüßt wird. Der Storch als Künder des neuen Lebens in der Natur bringt nach altem Volksglauben auch die kleinen Kinder. Bekannt ist auch der alte Bauernspruch: „Auf Sankt Peter Fest sucht der Storch sein Nest.“

Die erste urkundliche Erwähnung war 1643

Der Storchentag wird in Haslach schon seit Jahrhunderten gefeiert. Zur die Entstehung des Brauchs kursieren zwei Theorien: Die eine hat ihren Ursprung in einer alten Sage, nach der Haslach und das Kinzigtal einst von Ungeziefer heimgesucht worden war, das die ganze Vegetation wegzufressen drohte. Die Folge dieser Ungezieferplage wäre eine große Hungersnot gewesen. In dieser aussichtslosen Lage hielten, so wird berichtet, damals die Haslacher Bürger Prozessionszüge ab und gelobten, alljährlich den Armen der Stadt und besonders den Kindern eine Freude zu bereiten und sie reich zu beschenken. Bald drauf kam, so will es die Sage wissen, eine große Schar von Störchen, die das Tal innerhalb kurzer Zeit vom Ungeziefer säuberte.

Die zweite Theorie wurde vor allem auch von dem Haslacher Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob vertreten. Er nahm an, dass die Haslacher seit altersher an diesem Tag den Storch als Boten des Frühlings begrüßen und Freund Adebar die Haslacher Bevölkerung gleichsam symbolisch auffordert, die restlichen Wintervorräte an Äpfeln, Birnen und Nüssen aus Dankbarkeit und Freude über den nahenden Frühling den Kindern zu schenken.

Welchen Ursprungs der Haslacher Storchentag nun wirklich hat, lässt sich bei dem völligen Fehlen einer schriftlichen Überlieferung nicht nachweisen. Sicher zu sein scheint, dass der Storchentag ein Frühlingsfest alten Ursprungs ist, bei dem die Haslacher Jugend dem kommenden Lenz entgegenjubelt. Allerdings fällt gerade in jene Zeit die erste urkundliche Erwähnung des Storchentags in Haslach. In der ältesten erhaltenen Rechnung der Stadt Haslach von 1643 sind unter den Ausgaben sechs Kreuzer aufgeführt, die einem Hans Jakob Arguin dafür ausgezahlt wurden, weil er „den Storchen geklopfet“ habe, was so viel bedeuten könnte, dass er den Storchen geweckt hatte. Der erwähnte Hans Jakob Arguin war nach Ansicht des verstorbenen Stadtarchivars Manfred Hildenbrand somit der erste uns bekannte Storchenvater.

So versammeln sich seit altersher am Storchentag um 12 Uhr die Kinder in der Mühlenkapelle und beten mit dem Storchenvater das „Vaterunser“ und den „Engel des Herrn“. Kaum ist das Gebet beendet, drängt die Kinderschar stürmisch in Richtung Städtchen, um das Heischen zu beginnen.

Der Storchenvater führt die Kinder durch die Straßen

Überall ertönt jetzt lautstark der Ruf „Heraus, heraus“. Selbstverständlich muss Ordnung in der etwas unbändigen und stets drängenden Kinderschar herrschen, und deshalb ist ein Storchenvater, ein Bürger von Haslach, der Zugführer.

Er wurde früher von der Stadt Haslach mit zwölf Kreuzern und einem Laib Brot besoldet. Heute noch erhält der Storchenvater als Ehrensold der Stadt zwei große Laib Brot, die er, wie einen Rucksack auf dem Rücken gebunden, mit sich trägt.

Storchenväter

Im 19. Jahrhundert wurde der Storchentag in Haslach schon in seiner heutigen Form begangen und zu Hansjakobs Jugendzeit war damals Karl Kinast, genannt der „Storchenkarle“ der, wie Hansjakob bedauernd feststellt, „ein armer Teufel war“, der Storchenvater. Sein Nachfolger war Hubert Falk, wie sein Vorgänger ebenfalls ein Haslacher Original. Von Beruf Weber war auch er kein reicher Mann. Er war in Haslach bekannt wegen seines trockenen Humors und wegen seiner großen Vorliebe für gebackene Forellen. Der nächste Storchenvater war Anton Klauser, der als 80-Jähriger noch das Amt des Storchenvaters bekleidete. Als er 1956 starb, wurde dessen Sohn Josef sein Nachfolger. 1963 folgte Arthur Siedler und 1972 folgte Erwin Matt als Storchenvater nach und seit 1986 hat Alois Krafczyk dies traditionelle Amt inne.