Zum 95. Geburtstag von Harry Natowitz gratulierte Nicole Klumpp vom Haupt- und Personalamt der Stadt. Foto: Lothar Schwark

An seinem 95. Geburtstag blickte Harry Natowitz zurück auf ein bewegtes Leben. Als Kind erlebte er die Machtergreifung der Nazis und die Judenverfolgung. Da seine Familie orthodoxe Juden waren, musste sie das Land verlassen. Sie flohen nach Südamerika.

Geistig rege beging Harry Natowitz seinen 95. Geburtstag. Zum Ehrentag gratulierte ihm Nicole Klumpp vom Haupt- und Personalamt. Sie übermittelte Glückwünsche von Oberbürgermeister Julian Osswald.

Der Jubilar wurde am 3. Oktober 1928 in Dresden geboren. Seine Großeltern, sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits, waren fromme orthodoxe Juden, die vor Ende des 19. Jahrhunderts aus Polen nach Deutschland eingewandert waren. Sein Vater wuchs in Dresden auf und absolvierte eine Lehre als Textilkaufmann. Die Mutter besuchte die Schule in Dresden. Bruder Kurt wurde 1921 geboren, Schwester Irmgard 1922.

Die Eltern besaßen ein kleines Textilgeschäft. Rückblickend erinnert sich der 95-Jährige, dass er sehr religiös erzogen wurde. Seine Kindheit in Dresden war in erster Linie von Angst geprägt. Die Eltern sprachen in seiner Gegenwart nie über die politische Lage des Landes. Doch bald wirkte sich die Machtergreifung der Nazis auch auf Natowitz’ Leben aus.

Schule und Synagoge waren abgebrannt

1936 wurde er in eine jüdische Schule eingeschult, da es jüdischen Kindern damals verboten war, staatliche Schulen zu besuchen. Nach der Reichspogromnacht war ein Schulbesuch nicht mehr möglich. Die Schule war mit der Synagoge abgebrannt. Wenige Wochen später wurde Natowitz zu einem Bruder seiner Mutter nach Antwerpen geschickt.

Im November 1939 gelang es den Eltern ein Einreisevisum für Bolivien zu bekommen. Nach fünfwöchiger Schifffahrt wurde der chilenische Hafen Arica erreicht. In La Paz, der Hauptstadt Boliviens, kamen sie nach einer abenteuerlichen Zugfahrt durch die Anden an.

Nazi ließ ihn bei Prüfung durchfallen

Die Arbeit dort reichte nicht zum Leben. Gesundheitlich angeschlagen schaffte es der Vater mit dem älteren Bruder, Argentinien zu erreichen. Der Mutter gelang der Grenzübertritt mit ihren Kindern ebenfalls. Sie erreichten Buenos Aires. Dort gründeten sie einen kleinen Betrieb, alle aus der Familie halfen mit, erinnert sich der 95-Jährige.

Natowitz wurde an der technischen Sekundarschule aufgenommen. Ein rabiater Judenfeind und überzeugter Nazi ließ ihn bei einer Prüfung durchfallen. Es folgten zwei Jahre Arbeit in einem Industriebetrieb. Schließlich durfte er wieder die Schule besuchen und erreichte einen sehr guten Abschluss mit Auszeichnung.

Annemarie Hamberger heiratete er 1959

An der Universität „Facultad de Ciencias Fisicomatemàticas“ in La Plata studierte Natowitz Maschinenbau und Mathematik. Trotz vieler Bewerbungen war es schwer, Arbeit zu finden.

Er entschloss sich nach Deutschland zu reisen, um dort berufliche Erfahrung zu erlangen. 1955 wurde er in Deutschland eingebürgert. Am 13. Juli 1959 heiratete er Annemarie Hamberger in Stuttgart. Sie verstarb bereits 1973. Seitdem lebt Natowitz alleine. Beruflich war er in Deutschland, der Schweiz und Spanien tätig. In seiner Rente ab 1990 übersetzte er teilweise noch Betriebsanweisungen für Maschinen aus dem Deutschen ins Spanische.

Da seine verstorbene Ehefrau Schwäbin war, zog es Natowitz nach Freudenstadt. Inspiriert hat ihn ein Film über das 400-jährige Stadtjubiläum.