Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Hardt Bolsonaros gefährliches Spiel mit dem Virus

Von
Schwester Theresina Fehrenbacher ist in Brasilien tätig und lebt derzeit bei Sao Paulo.Foto: Privat Foto: Schwarzwälder Bote

Die Corona-Pandemie wütet weltweit – auch in Südamerika. Einen Einblick in die Situation geben die beiden Hardter Missionskräfte Schwester Theresina aus Brasilien und Pater Severin aus Uruguay.

Hardt/Sao Paulo/San José. Beide berichten von den aktuellen Geschehnissen. Während das Virus in Brasilien grassiert, sind die Zahlen im kleinen Uruguay gering. In beiden Staaten bereitet die Arbeitslosigkeit Anlass zur Sorge.

Brasilien

Sr. Theresina Fehrenbacher vom Orden der Franziskanerinnen von Sießen befindet sich aktuell nicht an ihrem Wirkungsort in Belo Jardim im Nordosten Brasiliens, sondern im Provinzhaus bei Sao Paulo im Süden. Mit der Pandemie kam die Verpflichtung zur Quarantäne und damit eine starke Einschränkung der pastoralen Arbeit. Die Menschen konnten nicht mehr an der Türe empfangen und behandelt werden. Normalerweise meist mitten unter den Leuten, war die Schwester plötzlich nur noch auf das Konventshaus fixiert. So suchte sie eine neue Aufgabe in der Betreuung der alten und kranken Mitschwestern im Provinzhaus in Guaratinguetà im Süden. Anfangs nach dem Flug in Totalisolation mit getrenntem Essen, Beten und Schlafen, erlebte sie die Stille schließlich als Segen, um wieder neu "in die Spur" zu kommen.

Wie Sr. Theresina berichtet, sprechen die Menschen derzeit von zwei Viren im Land: dem Corona-Virus und dem "Bolsonaro-Virus". Gemeldet sind mehr als 400 000 Infizierte und mehr als 25 000 Tote, doch niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist. Tests werden nur bei besonders schweren Fällen und bei Angestellten im Gesundheitswesen gemacht. Die Infektionskurve steigt täglich an. Inmitten dieser Krise erschwert der Präsident die Arbeit im Gesundheitswesen, sodass alles im Chaos bleibt. Schon zwei Gesundheitsminister, beide gute Ärzte, die sich redlich um die soziale Isolierung und die Beschaffung von nötigem Material bemüht haben, wurden entlassen.

Der Präsident macht, wie Sr. Theresina schreibt, Druck, dass die Menschen ganz normal zur Arbeit gehen sollen, die Läden, Restaurants, Fitness-Zentren und Friseure ruhig ihre Einrichtungen aufmachen können und dass auch die Kinder wieder in Kitas und Schulen gehen sollen ­– das alles mitten in einer Lage, in der es jeden Tag mehr als 1000 Tote zu beklagen gibt. Zudem habe er ein Dekret erlassen, dass das Medikament Cloroquina bei leichten und schweren Fällen von Corona als Allheilmittel eingesetzt werden soll, obwohl die Ärztekammer Brasiliens, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und viele Wissenschaftler die Wirksamkeit in Zweifel ziehen und auf schwere Nebenwirkungen hinweisen.

Anfangs von Bolsonaro als "Grippchen" abgetan, mache der Präsident immer noch keine konkreten Zusagen über staatliche Hilfen oder Ausrüstungsmaterial für die überlasteten Krankenhäuser. Ein Glück sei, dass die Ministerpräsidenten der 27 Bundesstaaten und die Bürgermeister eine gewisse Autonomie besäßen und somit auch gegen die Entscheidungen des Präsidenten handeln könnten. Dadurch, dass viele Menschen die soziale Isolierung nicht ernst nähmen und sich auf der Straße und bei Veranstaltungen treffen, verbreite sich das Virus, vor allem in den Favelas der Großstädte, aber auch im Landesinnern, rasend schnell.

Obwohl im Staat Sao Paulo und auch im Nordosten die soziale Isolierung und das Maskentragen dringend empfohlen seien, gebe es viele Menschen, die nicht glauben, dass sich das Land im Ausnahmezustand befindet. Ein Lichtblick sei hier die Position der katholischen Kirche. Die Bischofskonferenz Brasiliens gehe in großer Einheit gemäß den Richtlinien der WHO vor und ermahne die Gläubigen, zuhause zu bleiben. Die Kirchen seien geschlossen, doch würden täglich Gottesdienst über die drei nationalen kirchlichen Fernsehsender übertragen. In vielen Gemeinden finde auch eine Übertragung im Internet statt.

Vor circa einem Monat, so Sr. Theresina weiter, hat die Regierung eine finanzielle Hilfe für Menschen ermöglicht, die weniger als den Mindestlohn verdienen oder durch den Coronavirus ihre Arbeit im Moment nicht ausüben können. Rund 67 Prozent aller arbeitenden Menschen im Land sollen Anspruch auf diese Hilfe haben. Diese Unterstützung ist nur für drei Monate zugesagt. Danach ist eine große Armut zu erwarten, denn viele Kleinbetriebe mussten bereits schließen.

Ein Hoffnungsstreifen am Horizont sind, wie Sr. Theresina schreibt, die vielen Solidaritätsaktionen und Initiativen kirchlicher und privater Art. So geben die Franziskaner zusammen mit Freiwilligen in Sao Paulo täglich ein warmes Mittagessen in der Box und ein Lunchpaket an 1600 Menschen aus. Da es derzeit nachts schon kalt wird, werden auch Decken und Kleider für die auf der Straße lebenden Menschen ausgegeben. Auch private Firmen geben Hilfen in Millionenhöhe für Krankenhäuser, Altenheime oder Armenviertel, um die Not zu lindern. Die Schwestern im Provinzhaus arbeiten mit den Freiwilligen der Vinzenzgemeinschaft zusammen, die täglich 200 Familien mit Essen und Kleidern unterstützt. Zusätzlich werden während der Corona-Krise Menschen von der Straße in der Fazenda der Hoffnung aufgenommen und versorgt –­ keine leichte Aufgabe angesichts der Infektionsgefahr.

Uruguay

Ähnlich wie Sr. Theresina äußert sich auch Pater Severin Fleig vom Orden der Pallotiner, der seit fast 50 Jahren in Uruguay lebt und bald sein Goldenes Priesterjubiläum feiert. Von allen deutschen Pallotinerpatres, die einst in die Mission nach Uruguay gesandt wurden, sind nur noch drei im Land. Mit den Worten: "Hier ist es wie im Krieg, jeden Tag gibt es neue Schauplätze", beschreibt er die derzeitige Situation.

Immer gut informiert durch die Nachrichten aus Deutschland, sieht er eine Parallele zwischen den Gelegenheitsarbeitern aus dem Süden von Brasilien, die bei der Zuckerrohr- und Reisernte in Uruguay helfen und den Erntehelfern und Arbeitern aus dem Osten in Deutschland, die auf den Feldern oder in den Fleischfabriken eingesetzt sind. In beiden Fällen in desolaten Unterkünften, wo sich das Virus rasch ausbreiten kann.

Einen Vorteil sieht Pater Severin darin, dass Uruguay ein vergleichsweise kleines Land ist, in dem nur 3,5 Millionen Leute leben. Somit können, wie er schreibt, größere Menschenansammlungen besser gesteuert werden. Auch die Zahlen sind überschaubar: Die Johns-Hopkins-Universität berichtet von etwa 800 Infizierten und 22 Toten.

Sorge bereitet auch dem Pater die große Zahl der Arbeitslosen, die inzwischen aus der ganzen Welt nach Uruguay zurückgekehrt sind. Da viele nur Gelegenheitsarbeiter seien, bekämen sie kein Arbeitslosengeld. Ein ebenso großes Problem sieht er in der Quarantäne der Familien. In vielen Familien sei die Atmosphäre wie in einem Druckkessel. Wenn keine Luft abgelassen werden könne, würden die Leute immer gereizter. Doch könne man wenigstens – allein oder bis höchstens drei Personen – um das Haus gehen. Aus diesem Grund hat der Pater das ganze Pfarrhaus mit all den Anbauten im wahrsten Sinn "umgänglich" gemacht, natürlich immer mit Mundschutz.

Hinsichtlich der Pandemie unterscheidet der Pater zwischen zwei Zonen, der Zone um die Hauptstadt Montevideo herum, zu der auch seine Stadt San José gehört und der Landzone, wo im Gegensatz zur Stadt die Lockerung schon begonnen hat und die Schulen ihre Arbeit wieder aufgenommen haben.

Neben den vielen Suppenküchen der Kirchen für die Armen seien, wie Pater Severin erwähnt, viele neue Initiativen der Solidarität entstanden. Die politischen Parteien hätten allerdings die Arbeit der Kirche für ihre Zwecke kopiert, um statt des religiösen Gesprächs mit den Menschen ihr politisches Programm zu verbreiten. Daneben gebe es viele Privatinitiativen, etwa von Fußballstars oder anonymen Spendern. So habe Luis Suarez, Spieler des FC Barcelona, 3000 Kartons mit Lebensmitteln gespendet. Da die Schulen in San José, wo sonst die Kinder verköstigt werden, noch geschlossen sind, hilft die Pfarrei von Pater Severin mit Essensausgaben mit.

Den Geistlichen beschäftigt bei dieser Krise besonders die Frage, wie die Menschen aus der Krise hervorgehen werden. "Gibt es Optimismus oder überwiegt der Fatalismus?". Die Regierung habe am 1. März mit Elan ihre Arbeit aufgenommen und sei am 14. März mit der neuen Realität der Corona-Pandemie konfrontiert worden. Jetzt seien, so Pater Severin, gläubige Menschen nötig, Optimisten mit einer göttlichen Energie, die sich nicht in Fatalismus flüchten.

Gottesdienste sind inzwischen an Sonn- und Feiertagen eingeschränkt möglich, doch habe der Kirchenbesuch auch vor der Krise schon nachgelassen. Größtenteils würden Gottesdienste per Videostream übertragen. Kontakt gebe es vor allem auf virtuelle Weise, wobei sich der Pater wundert, wie gut hier selbst einfache Menschen schon ausgerüstet sind. Es gebe allerdings ein paar Pfarreien, wo der Pfarrer am Sonntag mit dem Allerheiligsten in der Monstranz durch die Straßen gehe oder vom Auto aus den sakramentalen Segen gebe.

Pater Severin selbst hält seine Pfarrkirche immer offen und gibt jedem, der kommt, die Möglichkeit, die heilige Kommunion zu empfangen. Jeden Tag zelebriert er in seinem Wohnzimmer einen Gottesdienst und lädt zum privaten Hausgebet ein. Gerade in dieser Zeit findet Pater Severin das Mailen eine großartige Sache. Er freut sich über jede Zuschrift unter seiner E-Mail severinofleig3@hotmail.com.

Fotostrecke
Artikel bewerten
0
loading

Ihre Redaktion vor Ort Schramberg

Stephan Wegner

Fax: 07422 9493-18

Flirts & Singles

 
 
0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.