Der Stuttgarter Autor Hanns-Josef Ortheil gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten Schriftstellern unserer Tage. An diesem Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag, den er beinahe nicht mehr erlebt hätte. Warum, erzählt sein neuer Roman.
Stuttgart - Wo Hanns-Josef Ortheil ist, herrscht Licht. Seine Romane spielen an den schönsten Orten, handeln auf geradezu provozierende Weise von geglückten Beziehungen und schwelgen in den Schönheiten von Kunst und Welt. Seit vierzig Jahren lebt der Autor in Stuttgart in einem kleinen Bahnwärterhaus zwischen dem Höhenrand des Blauen Wegs und der früheren Bahntrasse nach Italien. In frappierender Produktivität verwandelt er von dort aus das Leben in Literatur, das Dunkle ins Lichte, das Geringfügige ins Bedeutsame.
Und dann geht das Licht plötzlich aus.
Aus dem Nichts wird bei ihm im Sommer 2019 eine lebensgefährdende Herzkrankheit diagnostiziert. Nach einer komplizierten Operation liegt er wochenlang im Koma. „Ich bin durch einen Todestunnel gegangen“, heißt es in seinem neuen Roman „Ombra“. Darin beschreibt er die langsame Rückkehr aus dem Schattenreich, die depressiven Schübe, die Angst, aber auch die leisen Fortschritte, die Ankunft im Hier, im Jetzt. Und so viel lässt sich sagen: Diesseits und jenseits des Tunnels begegnet man einem Menschen, dem sich alles in Schrift verwandelt, auch wenn er erst wieder mühsam lernen muss, mit der Hand zu schreiben.
Beobachter des Alltäglichen
Kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag an diesem Freitag kann der Genesene schon wieder auf drei neue Publikationen zurückblicken, neben dem Roman ein mehrere Hundert Seiten umfassendes Gespräch mit seinem Lektor, das den Ortheil’schen „Kosmos der Schrift“ vermisst, und ein von sanfter Wiedersehensfreude geprägter Streifzug durch die Gärten und Wälder der Erinnerung. Sie lassen den mittlerweile mehr als siebzig veröffentlichte Bücher ausweisenden Werkkatalog weiter anwachsen, ganz zu schweigen von den unüberschaubar zahlreichen gedruckten und ungedruckten Texten, die entstanden sind, seit das achtjährige Kind schon einmal einem dunklen Tunnel des Schweigens entkommen ist. Dazu später.
Vielleicht ist die Stuttgarter Markthalle der Ort in der Stadt, der Italien am nächsten liegt. Hier könnte man sich Szenen vorstellen, wie sie Ortheil in den schönen Prosaminiaturen seiner „Römischen Sequenz“ festgehalten hat. Mehrfach hat er in Rom gelebt, als junger angehender Pianist, später als erfolgreicher Autor und Stipendiat der Villa Massimo. „Lamm“, beginnt eine der Alltagsbeobachtungen aus der Ewigen Stadt, „frisches Lamm, die kleinen Koteletts, wie magere Fingerchen mit einem windigen Anhängsel aus Fleisch, und die großen Lappen, ganz dünn, mit den weißen Fettgerinnseln, die das dunkle Fleisch aufsprengen und zersetzen.“ Ähnliches bietet auch die Macelleria Italiana unter dem weitgespannten künstlichen Himmel der Markthalle, man muss nur genau hinschauen.
Die Stunde des Aperitifs
In einem der kleinen Lokale am Rand sitzt Hanns-Josef Ortheil. Es ist Mittag, er trägt eine helle Sommerhose und einen sportlichen Pulli, nimmt man noch das Glas Sekt hinzu, sieht das weniger nach überstandener Krankheit aus als nach Renaissance. Ombra, so lernt man in dem gleichnamigen Roman, bedeutet nicht nur Schatten, sondern auch ein Glas Weiß- oder Rotwein, das man zur Stunde des Aperitifs zu sich nimmt, um sich von der Mittagshitze zu erholen, die man sich an diesem eher kühlen Oktobertag bei aller Markthallen-Italianità jedoch hinzudenken muss.
Am Handgelenk trägt er einen Schrittzähler. 5213 zeigt er im Moment an, immerhin. Offensichtlich war der Aufenthalt in der Rehaklinik im Westerwald, deren Personal man im Buch kennenlernt, nicht umsonst. „Kleine Stücke kann ich schon wieder spielen, aber das ist ein zäher Prozess“, sagt Hanns-Josef Ortheil, der als Jugendlicher eine Pianisten-Karriere vor sich hatte, die von einer chronischen Sehnenscheidenentzündung vereitelt wurde. „Überhaupt interessant, was ich verloren habe, zum Beispiel große Teile des Fremdsprachenvermögens – seltsamerweise das Italienische nicht, aber das Französische.“ Dabei ist ihm das von früh an vertraut, die Eltern haben oft genug miteinander Französisch gesprochen, wenn sie nicht verstanden werden wollten. Nun machten ihm plötzlich die einfachsten Sätze Probleme, langsam kommt es wieder. Die Familie stammt ursprünglich aus Frankreich, Ortheil bedeutet großer Zeh, ein in der literarischen Welt nicht ganz unbekannter Name.
Panik des Verschwindens
In der Klinik gibt der Kranke Eisenbahnlandwirt als Berufsbezeichnung an, eine Art Inkognito, und doch die lautere Wahrheit. Zu dem Bahnwärterhaus, das er mit seiner Frau, der Verlegerin Imma Klemm, bewohnt, gehört das Land entlang der Schienen. Früher wurden da Schweine gehalten, Ziegen. Bahnwärter hatten häufig eine eigene Landwirtschaft, von der sie gelebt haben. Es gibt sogar eine eigene Zeitschrift, „Der Eisenbahnlandwirt“, seit Ortheil hier eingezogen ist, bekommt er sie jeden Monat.
Aber „Ombra“ erzählt auch von einer langsamen Heimkehr. Die literarische Lebenskunst dieses Autors, seine kompromisslose Glücksbereitschaft und die bisweilen ans Obsessive grenzende, detaillierte Selbsterforschung und Selbstarchivierung, gedeiht auf dunkelstem Grund. Die Panik des Verschwindens ist den Festen des Lebens von Anbeginn eingeschrieben. Drei seiner Brüder starben gleich nach der Geburt, ein vierter wurde gegen Kriegsende von einer deutschen Granate getötet. Die Mutter ist darüber verstummt, der kleine Hanns-Josef ihr ins Schweigen gefolgt. Bis zum achten Lebensjahr spricht er kein Wort. Nur weniges trennt eine kurz darauf einsetzende Wunderkindkarriere als Pianist und Autor vom alternativen Bildungsschicksal der Sonderschulpädagogik. Klavierunterricht und tägliche Schreibübungen unter Anleitung des Vaters führen ans Licht.
Zurück in die Kindheit
„Seit dieser Zeit habe ich jeden Tag ein Blatt gefüllt, manchmal eins, manchmal zwei. Da stand dann, wann ich aufgestanden bin, was ich gegessen habe und worüber wir uns unterhalten haben.“ Bis heute kamen Zigtausende Seiten zusammen. Chronik als Urschrift des Lebens, ein Daseinsbeweis gegen das Gefühl, nicht zu existieren. „Als Kind war ich lange sozial ausgeblendet, ich kam nirgends vor. Das Schreiben bezeugte ein ,Hier, da bin ich‘“.
Mit der Krankheit ist er wieder in die Kinderrolle zurückgefallen, die gleiche Hilflosigkeit, dieselben großen Krisenphänomene. An den Orten der Kindheit sucht er Zuflucht, bewohnt das elterliche Jagdhaus im Westerwald, mietet eine Wohnung in seiner Geburtsstadt Köln am Erzbergerplatz, wo er seine ersten Lebensjahre verbracht hat.
Gefährlicher Schaffensrausch
„Ombra“ handelt nicht nur von einer Therapie, der Roman ist selbst ein therapeutisches Programm, an dem imaginären Geistergespräch mit den verstorbenen Eltern nimmt auch ein gewisser Doktor Freud teil. Doch so heilsam das wiedergefundene Schreiben sein mag – ein zweites Glas Sekt deutet darauf hin –, so besorgt blickt die Ärztin in der Klinik auf das Pensum vor dem Einschnitt: sechs Bücher in zwei Jahren, 2000 Seiten, ein gefährlicher Schaffensrausch.
Ist das zweite Leben nach der Krankheit die Fortsetzung des ersten? Zumindest scheinen Seitenzahlen nun mit Schritten aufgewogen zu werden. Auch weniger Lesungen zählen zu den Vorsätzen, 80 Auftritte alleine im Stuttgarter Literaturhaus sind einsamer Rekord. Und doch beobachtet er an sich selbst eine merkwürdige Veränderung. „Ich glaube, dass ich jetzt noch schneller denke als früher, das ist ganz unheimlich, ich merke das an der assoziativen Verknüpfung von eigentlich fremden Dingen, das hat sich noch einmal multipliziert.“ Das klingt nicht unbedingt nach Mäßigung. Die nette Ärztin aus dem Roman wird die Stirn runzeln – Ortheils Leser freuen sich.
Info
Bücher
Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil am 5. November sind soeben zwei zutiefst persönliche Bücher erschienen: der Roman „Ombra“ (Luchterhand-Literaturverlag, 304 Seiten, 24 Euro) und der Gesprächsband „Ein Kosmos der Schrift“ (btb, 368 Seiten, 12 Euro).
Feature
Das SWR-Fernsehen zeigt an diesem Donnerstag ab 23.15 Uhr ein „Lesenswert extra“ mit dem Titel „Ich bin immer noch das Kind, das schreibt – Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil wird 70“.
Termin
Am 11. November um 19.30 Uhr stellt der Autor seine beiden neuen Bücher im Literaturhaus Stuttgart vor.