In seinem berührenden Roman „Schwebebahnen“ fliegt der Stuttgarter Autor Hanns-Josef Ortheil zurück in eine Zeit, in der ein junger Außenseiter in der Welt Fuß zu fassen versucht.
Man möchte diesem Buch die Warnung vorausschicken, es sich damit nicht zu einfach zu machen. Denn auf den ersten Blick könnte man sich fragen, ob es im Moment keine wichtigeren Geschichten zu erzählen gäbe, als die Erlebnisse eines verschrobenen Jungen, der sich statt für Fußball und die Mitgliedschaft im Jugendbandenwesen Gleichaltriger lieber für Klavierspielen, Zugfahrpläne und das Bibliografieren gelesener Bücher interessiert. Wie leicht wäre es, an dem naiven Ton Anstoß zu nehmen, der dem hier gerne als „kleiner Mann“ titulierten Protagonisten auf einem Bildungsweg folgt, der offenbar schon in den 50er Jahren, in denen das Ganze spielt, als hoffnungslos aus der Zeit gefallen anmuten musste.
Aber so scheinbar naiv sich in Hanns-Josef Ortheils neuem Roman „Schwebebahnen“ die kindliche Besitznahme eines neuen Lebensraumes ausnimmt, so sehr hat das Buch erwachsene Leser verdient, die nicht auf die gleiche fatale Weise über das, was anders ist, herfallen wie die Klassenkameraden über den sonderbaren kleinen Mann in ihren Reihen. Sein Name ist Josef. Wenn er durcheinander ist, hat er das Bedürfnis, seine Gedanken zu ordnen, was ihm am besten durch Aufschreiben gelingt.
Und vielleicht ist es ein ähnlicher Impuls, der das Werk des Stuttgarter Autors, dessen Vornamen der Bub zur Hälfte teilt, auf über siebzig Bücher hat anwachsen lassen: Romane, Essays, literarische Reportagen – und eben jene Folge verschiedener Reisen durch die eigene Lebensgeschichte, die nun in „Schwebebahnen“ fortgesetzt wird.
Die Familie ist nach Wuppertal gezogen, weil das in sich gekehrte Kind in Köln von der Schulbehörde als hoffnungsloser Fall ausgemustert wurde. Gleichaltrigen ist er uneinholbar in hochbegabte Spezialwelten entrückt, gleichzeitig hoffnungslos hinterher in allem, was man normal nennt. In Köln hat man ihn Idiot genannt. „Ein ,Idiot‘ ist ein einzelner Mensch, der sehr allein ist und den niemand versteht, so einer war er in Köln.“
Ausgestoßen und auserwählt zugleich
Und auch in der Stadt der Schwebebahnen hängt sein Leben zunächst in der Luft. Doch nicht nur seines. Der zweite Weltkrieg hat überall seine Spuren hinterlassen. Versehrte prägen das Straßenbild, man spricht nicht über das, was war, und sieht dem, was kommt, mit Bangen entgegen. Bald werde es einen neuen Krieg geben, sagt der beinamputierte Vater des Nachbarmädchens, in dem der neu Hinzugezogene eine Gefährtin findet. Auch sie hat einen Verlust zu beklagen. In einem gemeinsamen Versteck im Wald bringen sie sich vor den Zudringlichkeiten der Anderen in Sicherheit.
In einer Folge von Kinderszenen ordnet sich der Versuch des musischen Außenseiters, Fuß zu fassen: „Das hat er sich vorgenommen: Ein halbwegs normaler Mensch zu werden!“ Erst vor dem großen Leidensdruck, der daraus spricht, werden die vielen Auserwähltheiten erträglich, für die er von wohlmeinenden Förderern ins Spiel gebracht wird: als Pianist, Schriftsteller, Komponist, Langstreckenläufer und was noch alles. Er ministriert bei einem katholischen Geistlichen, der ihn in gregorianischem Choralgesang unterweist – nicht unbedingt das, mit dem man vor Altersgenossen brillieren kann.
Chaos und Gefährdung
Die Schwebebahn fliegt im Dreivierteltakt durch die Stadt, denn Josef hat die Gabe, in Klang und Rhythmus zu verwandeln, was ihm widerfährt. Sein absolutes Gehör ist nicht nur an Tonhöhen geknüpft, sondern an eine der Welt innewohnende Musik. In einer Art klingendem Animismus belebt er das brütende Schweigen der Nachkriegswelt.
Mit dem naiven Erzählerton kontrastieren die frühgereiften Repliken, die der Junge seiner erstaunten Umgebung entgegenhält – wenn er denn spricht. Manches würde irritierend nach Biedermeier klingen, verschlösse man sein Ohr für die schmerzlichen Begleitgeräusche. Denn, und das ist entscheidend: das Bedürfnis, zu harmonisieren, entwächst erst der existenziellen Erfahrung von Chaos und Gefährdung.
Ortheils Schreiben ist ein lebenslanger Sinngebungsversuch
Im Schlafzimmer der Eltern hängt das verhüllte Bild einer Pietà. Was Josefs Abweichung vom „Normalen“ erklären könnte, bleibt hier ausgespart: „Es geht um Ereignisse in der Vergangenheit, über die mein Mann und ich nicht mehr reden“, sagt die Mutter zu der Rektorin, die sich des sonderbaren Jungen annimmt. Ortheil-Leser wissen, welche Tragödie damit gemeint ist: Der Tod seiner vier Brüder, das vorübergehende Verstummen der Mutter und ihres überlebenden Jüngsten. Es ist diese Urkatastrophe, die hinter allem rumort.
Ausgedachten Geschichten steht Josef skeptisch gegenüber. Stattdessen versucht er, der ihn umgebenden Wirklichkeit ihre Geschichten abzulauschen: ein Versuch, zu ordnen, was außer Rand und Band geraten ist.
Hier liegt das Geheimnis der besonderen Weltfrömmigkeit, an der man oberflächlich betrachtet so leicht Anstoß nehmen könnte. Sie ist keine satte Schönfärberei, sondern das Gegenteil, ein Sinngebungsversuch nach dem Erlebnis elementarer Erschütterung. Als gelte es dem Wissen um die Brüchigkeit aller Verhältnisse stets aufs Neue Einhalt zu gebieten. Schreiben als Heilung, ein lebenslanger Versuch, dem Dunklen zu entkommen.
In einer der Welt, der gerade der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden droht, die unbeirrbar auf überwunden geglaubte Katastrophen zuzurasen scheint und in der tatsächlich wieder der Krieg sein scheußliches Haupt erhoben hat, kann es durchaus an der Zeit sein, sich damit zu beschäftigen, wie ein Junge in Schwebebahnen versucht hat, wieder die Hoheit über sein Leben zu gewinnen.
Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen. Luchterhand Literaturverlag. 320 Seiten, 24 Euro.
Info
Autor
Hanns-Josef Ortheil, 1951 in Köln geboren wuchs zunächst ohne Sprache auf, da seine Mutter nach traumatischen Verlusten in Folge des Zweiten Weltkriegs verstummte, und auch er selbst bis zum siebten Lebensjahr nicht sprach. Er schlug zunächst eine Pianistenlaufbahn ein, die er infolge gesundheitlicher Probleme abbrechen musste. Danach wandte er sich der Literatur zu und wurde einer der vielseitigsten und produktivsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Seit mehr als vierzig Jahren lebt er in Stuttgart.
Termin
Am Dienstag um 19.30 Uhr stellt er sein neues Buch im Literaturhaus Stuttgart vor.