Der Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart, Rainer Reichhold, hat einiges zu kritisieren an der Politik. Doch will er sein Unverständnis nicht auf die Straße tragen. Vielmehr warnt er davor, den Standort schlecht zu reden.
Das Handwerk blockiert nicht Innenstädte oder Autobahnzufahrten, sondern schreibt dem Kanzler konventionell eine Postkarte. „Zeit, zu machen!“ steht vorne drauf – und hinten, zum Ankreuzen, die wichtigsten Aufgaben, etwa „Belastungen bei Steuern und Abgaben senken“ und „Planbarkeit schaffen“. Nach Möglichkeit sollen alle 140 000 Betriebe der baden-württembergischen Handwerkskammern die Karte an Olaf Scholz senden. „Wenn diese alle in seinem Büro landen, wäre es ein klares Zeichen, was den Betrieben nicht passt und warum die Stimmung im Land so schlecht ist“, sagt Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart.
Als Körperschaft des öffentlichen Rechts zur Neutralität verpflichtet
Er hat einiges zu kritisieren an der Politik – beispielsweise, dass sie sich nicht wirklich willens und fähig zeigt, das Übermaß an Bürokratie abzubauen. Zum offenen Protest auf der Straße hat er jedoch eine sehr differenzierte Haltung: „Als Handwerkskammer haben wir uns an keiner Demonstration beteiligt.“ Denn die Kammern seien als Körperschaften des öffentlichen Rechts zur Neutralität verpflichtet. „Das nehmen wir auch sehr ernst.“ Anders sehe es bei den Verbänden und Innungen aus, wo sich Betriebe freiwillig organisierten – „hier wird auch mobilisiert“.
Er habe nichts gegen die Proteste der Bauern – „sie dürfen es“. Auch die Lokführer dürften fünf Tage lang den Bahnverkehr lahmlegen. Doch mache er ein Fragezeichen, was die Dimension und Zielrichtung der Proteste angeht – und welche Wirkung sie auf die Gesellschaft haben. „Wir wollen nicht, dass man das Land und die Bundesrepublik in Summe schlechtredet“, betont der Kammerpräsident. „Hier scheint mir etwas aus den Fugen geraten zu sein.“ Da komme allgemeine Unzufriedenheit zum Tragen. Möglicherweise könne „nicht mal jeder, der da demonstriert, sagen, was er eigentlich haben will“. Er sehe es auch als seine Aufgabe an, darauf hinzuwirken, „dass dieses negative Grundrauschen, das wir gerade an allen Ecken und Enden hören, wieder in ein positives Denken umschlägt“. Denn „wir leben in einem tollen Land und einer tollen Region“, sagt Reichhold. „Doch wird so getan, als ob wir vor dem Ende dieser Republik stünden.“
Dachdeckermeister hat Verständnis für den Unmut
An der Basis sieht man es wiederum etwas anders: „Die Proteste sind legitim“, sagt Matthias Walter, Geschäftsführer von Kussmaul Bedachungen in Zuffenhausen, also einem der ältesten Dachdeckerbetriebe in Stuttgart. „Bei den Bauern habe ich großes Verständnis, dass die auf die Straße gehen.“ Er selbst lege großen Wert auf regionale landwirtschaftliche Produkte. „Die Bauern sollen in die Lage versetzt werden, zu guten Bedingungen und guter Qualität produzieren zu können“ – oder protestieren dürfen. Speziell im Norden Deutschlands hätten auch einige Handwerker mitgemacht.
Nun schätze er die Lage speziell im Bauhandwerk „als nicht so dramatisch ein, dass wir für unsere Bedingungen auf die Straße gehen müssten“, so Walter. „Aber ich hätte auch Verständnis, wenn einer sagt: Ich habe die Nase voll und protestiere jetzt mit.“
Der Dachdeckermeister kritisiert vor allem die kurzfristig ausgesetzten Förderprogramme, die das Verhältnis zum Kunden belasten. So sei ihm schon ein Auftrag in sechsstelliger Höhe weggebrochen, weil der Kunde nach dem abrupten Ausfall der Förderung die Sanierung seines Dachs auf Eis gelegt hätte.
Handwerk ist auf die Vielfalt der Nationalitäten angewiesen
Kammerpräsident Reichhold warnt aber auch mit Blick auf die nötigen Fachkräfte aus dem Ausland davor, „diesen tollen Standort schlecht zu reden“ – wegen der Abschreckungswirkung. Eindeutig setzt er sich für eine Vielfalt bei den Beschäftigten ein: „Wir leben miteinander, wir sind tolerant, wir sind weltoffen – Hetze und Ausgrenzung haben da keinen Platz.“ Tatsächlich gehört Zuwanderung im Handwerk schon seit Jahrzehnten zum Alltag. „Wir nehmen für uns in Anspruch, der integrativste und inklusivste Wirtschaftszweig zu sein und können auch Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund eine gute Perspektive bieten“, sagt der Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich. „Nach wie vor haben wir einen starken Zugang von jungen Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.“ Dies sei ein „ganz wichtiger Teil unserer Ausbildungstätigkeit“.
Die Einbindung auf der Baustelle oder im Betrieb funktioniere meist sehr gut. Die Theorie hingegen sei für Auszubildende mit Migrationshintergrund in der Regel die größte Hürde, nicht zuletzt wegen der sprachlichen Anforderungen. Da bemühe man sich etwa um mehr technische Unterstützung, weil die Prüfungsleistung generell in deutscher Sprache erbracht werden muss.
Auch junge Deutsche haben mangelhafte Sprachkenntnisse
Das Problem mit der Sprache gebe es aber nicht nur bei Zugewanderten, fügt Reichhold an. Und auch der Dachfachmann Walter zweifelt an der Ausbildungsfähigkeit vieler jungen Menschen hierzulande – „ein gesellschaftspolitisches Thema“, wie er meint. „Wenn zu viele Hauptschüler in der Abschlussprüfung durchfallen, dann verbessert man offensichtlich nicht die Ausbildung, sondern schraubt die Anforderungen in der Prüfung zurück – das fällt uns jetzt auf die Füße“. Da müsse am Bildungssystem insgesamt nachjustiert werden, mahnt er.