Im Fußball gehört es zum Geschäftsmodell, Spieler für großes Geld zu verkaufen, im Handball passiert dies eher aus der Not heraus. Oder geht der Trend auch dort zu Ablösesummen? Eine Bestandsaufnahme.
„Wir konnten nicht Nein sagen.“ Mit ein bisschen Abstand lässt Geschäftsführer Jürgen Schweikardt diesen Satz im Zusammenhang mit dem Blitztransfer von Oscar Bergendahl vom TVB Stuttgart zum Bundesliga-Rivalen SC Magdeburg fallen. Der schwedische Handball-Nationalspieler wollte unbedingt zum deutschen Meister und Champions-League-Teilnehmer wechseln. Wer mag es ihm verdenken: Statt gegen den Abstieg spielt der 27-Jährige nun in drei Wettbewerben um den Titel. Trotzdem hätte der TVB theoretisch hart bleiben, auf die Einhaltung des bis 2025 laufenden Vertrags pochen können. Doch was hätte ein unzufriedener Spieler im Kader gebracht, dem eine große Chance verbaut wurde?
Maric kam ablösefrei
Zumal der TVB ja auch noch eine für Handballverhältnisse satte Ablösesumme in Höhe von geschätzten 350 000 Euro eingestrichen hat. Und im Gegenzug Marino Maric ablösefrei an Land ziehen konnte, da ihn der SC DHfK Leipzig wegen eines Überangebots auf der Kreisläufer-Position von der Gehaltsliste haben wollte. „Dahinter steckt aber kein Geschäftsmodell, Ablösesummen sind im Handball die Ausnahme“, stellt Schweikardt klar. Im konkreten Fall benötigte der SCM für den am Knie verletzten dänischen Kreisläufer Magnus Saugstrup kurzfristig dringend Ersatz. „Im Handball werden Spieler, die sich in einem laufenden Vertragsverhältnis befinden, fast immer nur dann angefragt, wenn Vereine in eine Notlage geraten, dann müssen sie Geld in die Hand nehmen, um ihre Ziele nicht zu verfehlen“, sagt der Spielerberater Markus Becker, früher selbst in der Bundesliga unter anderem für den VfL Pfullingen und den HBW Balingen-Weilstetten am Ball.
Notlage beim deutschen Meister
Ob sich daran etwas ändern wird? Schweikardt hält es für denkbar: „Wenn die Etats der Handball-Bundesligisten weiter steigen, mehr Vereine das Potenzial haben, oben mitzuspielen, dann werden auch Transfers mit Ablösesummen wahrscheinlicher.“ Bob Hanning glaubt daran eher weniger: „Zumindest für horrende Ablösesummen ist im Handball das Geld einfach nicht da“, meint der Geschäftsführer der Füchse Berlin. An zwei außergewöhnlichen Transfers war der 55-Jährige aber direkt beteiligt: Als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) gehörte er 2017 zu den großen Befürwortern der Verpflichtung von Christian Prokop als Bundestrainer – er musste gegen eine Zahlung von 500 000 Euro aus seinem Vertrag beim SC DHfK Leipzig gekauft werden.
Rekordtransfer von Karabatic
Im gleichen Jahr ließen die Füchse den serbischen Topspielmacher Petar Nenadic gegen ein Schmerzensgeld von einer halben Million Euro zum ungarischen Topclub Telekom Veszprem ziehen. Der Rekordtransfer im Handball datiert aus dem Jahr 2015 – damals kaufte Paris Saint-Germain den französischen Weltstar Nikola Karabatic für zwei Millionen Euro aus seinem Vertrag beim FC Barcelona. Zum Vergleich: Im Fußball liegt die Rekordablöse bei irrsinnigen 222 Millionen Euro für Neymar – ebenfalls von Paris Saint-Germain an den FC Barcelona überwiesen.
Die Öl-Millionen aus Katar lassen in beiden Fällen grüßen. Ansonsten lassen sich die Sportarten nicht vergleichen. Die Handball-Bundesligisten haben in einer Saison Gesamteinnahmen von rund 110 Millionen Euro, die Fußball-Erstligisten melden einen Gesamtumsatz von rund 3,8 Milliarden Euro. Ein absoluter Topverdiener in der Handball-Bundesliga streicht ein Brutto-Jahresgehalt von rund 550 000 Euro ein, ein Fußballer in der Bundesliga rund 20 Millionen Euro.
Modell Mislintat gibt’s nicht
Noch etwas unterscheidet die Sportarten. Jugendspieler werden im Handball längst nicht in dem Maße abgeworben wie im Fußball. Die Spürnase in Kader von ausländischen Zweitligisten zu stecken, junge Spieler für wenig Geld zu holen, sie auf höherem Niveau weiterzuentwickeln und dann mit Gewinn weiterzuverkaufen – das war zum Beispiel das Geschäftsmodell von Sven Mislintat, dem ehemaligen Sportdirektor des VfB Stuttgart. „Seit es Internate, Nachwuchsleistungszentren und die Jugend-Bundesligen gibt, wird schon auch im Handball rechtzeitig nach Talenten geschaut“, sagt Bob Hanning und ist froh, dass die Nachwuchsarbeit mittlerweile durch eine Ausbildungsentschädigung belohnt wird.
Wenn auch in überschaubarem Ausmaß: Seit dem 1. Januar 2023 gilt, dass ein abgebender Verein für Spieler im Alter nach Vollendung des 13. Lebensjahres bis zur Vollendung des 23. Lebensjahres eine Ausbildungskostenentschädigung von bis zu maximal 1500 Euro pro Spieler und Saison vom aufnehmenden Verein verlangen kann.