Er stammt aus Schwäbisch Gmünd und ist einer der besten Handballer im Land. Kai Häfner, der Kapitän der MT Melsungen, spricht vor dem Bundesligaspiel beim TVB Stuttgart über seinen Verein, das Nationalteam, Rolf Brack und eine mögliche Rückkehr zum TVB.
Für Kai Häfner (33) von der MT Melsungen sind Spiele beim TVB Stuttgart etwas ganz Besonderes. Er mag die Porsche-Arena, es geht gegen seinen Ex-Club und damit auch gegen seinen Bruder Max (26). Wie schätzt er die Lage vor dem Handball-Bundesligaspiel am Donnerstag (19.05 Uhr/4000 Tickets sind verkauft) ein?
Herr Häfner, ist bei der MT die lange vermisste Leidenschaft und Gier plötzlich da?
(lacht) Das Thema Mentalität wird rund um unser Team ja immer heftig diskutiert. Fest steht: Am Sonntag haben wir nach davor fünf Niederlagen am Stück in der Tat mit großem Kampfeswillen einen Rückstand aufgeholt und noch 26:26 in Hannover gespielt. Von daher geht es in die richtige Richtung, und diesen Trend wollen wir in Stuttgart fortsetzen.
Viel Geld, wenig Erfolg – so könnte man die vergangenen Jahre bei der MT kurz zusammenfassen. Oder sehen Sie das anders?
Wenn wir mal drei Spiele gewinnen und dann eines verlieren, haben wir sofort negative Schlagzeilen. Daran sind wir aufgrund der Ergebnisse in den vergangenen Jahren nicht ganz unschuldig. Denn natürlich können wir mit der Entwicklung insgesamt nicht zufrieden sein.
Woran liegt es denn?
Wenn ich wüsste, wie wir es ändern könnten, würden wir es tun. Ich glaube, es ist ein längerer Prozess. Grundsätzlich haben wir auf dem Papier einen guten Kader mit viel Potenzial und starken Einzelspielern, bringen die PS aber zu selten konstant auf die Platte. Solche Schwächephasen erlaubt diese Liga nicht.
Ihr Nationalmannschaftskollege Timo Kastening sagte, die MT könne auch Vierter sein, und die Öffentlichkeit würde sie als „Bratwürste“ bezeichnen.
Spott und Häme werden schon gerne über uns ausgeschüttet. Damit müssen wir leben. Was mir aber immer zu kurz kommt, ist das vielschichtige Engagement unserer Aufsichtsratschefin Barbara Braun-Lüdicke (Anm. d. Red.: Vom MT-Hauptsponsor, dem Pharmaunternehmen Braun). Sie tut unglaublich viel für die Region, vor allem auch die Jugend liegt ihr am Herzen.
Der Großangriff aus der Provinz auf die Königsklasse blieb bisher aus. Jetzt kommt in der neuen Saison der 2,15-Meter-Riese Dainis Kristopans aus Frankreich von Paris St. Germain, dazu spielt neben Ihnen auch Ivan Martinovic auf seiner Position im rechten Rückraum. Wo werden Sie in der Saison 2023/24 spielen?
Fakt ist, dass ich einen Vertrag bei der MT bis Juni 2024 besitze, und ich gehe auch davon aus, dass ich ihn erfüllen werde. Mit Konkurrenzkampf hatte ich noch nie ein Problem, ich weiß, was ich kann.
Sie wurden auch schon als Neuzugang beim TVB Stuttgart für die neue Saison gehandelt.
Es sind viele Gerüchte im Umlauf (lacht). Bisher haben wir nicht darüber gesprochen.
Sie wollen aber schon wieder zurück in den Süden?
Irgendwann werden meine Frau und ich unseren Lebensmittelpunkt wieder in der Region Stuttgart haben, da wir beide von hier sind. Wann das sein wird, ist allerdings offen.
Sie wollten schon immer mal gemeinsam mit Ihrem Bruder Max am Ball sein, der für den TVB spielt?
Wir befinden uns in unterschiedlichen Phasen unserer Karriere. Und ja, es wäre eine schöne Sache, wenn wir mal zusammen in einer Mannschaft spielen würden – wo auch immer. Aus diesem Wunsch haben wir beide nie einen Hehl gemacht.
„TVB ist auf gutem Weg“
Wie beurteilen Sie die Entwicklung des TVB Stuttgart?
Ich hätte nicht gedacht, dass sie das Heimspiel gegen die HSG Wetzlar verlieren. Unabhängig davon werden sie mit dem Abstieg nichts zu tun bekommen. Ich sehe den Club auf einem guten Weg.
Und das Spiel am Donnerstag hat für Sie einen speziellen Reiz?
Ganz ehrlich, es ist für mich immer noch etwas ganz Besonderes, in der Porsche-Arena zu spielen, egal, ob in der Liga oder mit der Nationalmannschaft.
„Dänen haben unglaubliche Breite“
Stichwort Nationalmannschaft. Die beiden Sieben-Tore-Niederlagen zuletzt gegen Dänemark waren so etwas wie eine schockierende Begegnung mit der Realität. Auch für Sie?
Also die Dänen sind nicht ohne Grund zum dritten Mal hintereinander Weltmeister geworden, sie haben eine absolute Ausnahmemannschaft.
Aber Dänemark spielte gegen Deutschland mit einem B-Team – ohne Stars wie Niklas Landin, Mikkel Hansen, Rasmus Lauge und Magnus Saugstrup.
Das stimmt, aber sie bringen dann zum Beispiel im Tor einen Emil Nilson, der beim FC Barcelona spielt. Sie haben eine unglaubliche Breite. Sie stehen gemeinsam mit Frankreich schon deutlich über allen anderen Nationen.
Fehlt nicht auch Ihnen die Fantasie, wie die deutsche Mannschaft zeitnah in diese absolute Weltspitze, zu der neben Dänemark und Frankreich auch Schweden und Spanien gehören, vordringen will?
Wir waren bei der WM viel, viel näher dran, als jetzt bei den beiden Testspielen. Aber klar brauchen wir gegen die ganz Großen einen Sahnetag, um sie zu bezwingen.
Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning forderte ein „Aufwachen!“, mit Beschwichtigungen könne das viel zitierte Jahrzehnt des Handballs nicht genutzt werden.
Wir müssen uns steigern, überhaupt keine Frage, aber ich sehe es nicht ganz so negativ. Mit viel Euphorie, einem Flow und der Unterstützung der Fans können wir bei der Heim-EM im kommenden Januar durchaus etwas reißen. Mit Juri Knorr, Johannes Golla oder auch Julian Köster haben wir zum Beispiel Topleute, die sich sogar noch weiter entwickeln können. Wobei es egal sein sollte, ob einer 18 oder 40 Jahre alt ist. Die Besten sollten spielen.
Also sollten auch die Routiniers Hendrik Pekeler und Fabian Wiede bei der EM zum Kader stoßen?
Dass sie Qualität haben, steht außer Frage. Aber das muss der Bundestrainer entscheiden, da will ich mich nicht einmischen, das steht mir nicht zu.
„Rolf Brack hat mich brutal geprägt“
Vergangene Woche verstarb Rolf Brack. Wie sehr hat er Ihre Karriere beeinflusst?
Ich musste schwer schlucken, als mich die Nachricht erreichte. Ich habe ihm sehr, sehr viel zu verdanken. Rolf hat mir nach meinem Wechsel von Frisch Auf Göppingen zum HBW in Balingen die Chance gegeben, viel zu spielen. Ich durfte auch drei Fehler machen und bekam trotzdem wieder das Vertrauen. Er hat mich brutal geprägt. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Ihr Traum war es immer, mit einem Spitzenclub in der Champions League zu spielen. Besteht noch Hoffnung?
Ich bin jetzt 33, das wird nicht ganz einfach (lacht). Aber ich fühle mich gut und habe schon noch ein paar Jährchen im Tank.
Zur Person
Karriere
Kai Häfner wurde am 10. Juli 1989 in Schwäbisch Gmünd geboren. Seine Stationen: TSB Gmünd (1995 bis 2006), TV Bittenfeld (2006/2007), Frisch Auf Göppingen (2007 bis 2011), HBW Balingen-Weilstetten (2011 bis 2014), TSV Hannover-Burgdorf (2014 bis 2019), seit 2019 MT Melsungen. Größte Erfolge: Junioren-Weltmeister 2009, EHF-Pokal-Sieger 2011, Europameister und Olympia-Bronze jeweils 2016. Er absolvierte 133 Länderspiele (315 Tore).
Persönliches
Kai Häfner ist verheiratet mit Saskia. Das Paar hat einen Sohn (Levi/2 Jahre). Hobby: Reisen/Städtetrips. Häfners jüngerer Bruder Max spielt beim TVB Stuttgart. (jüf)