Matthi Flohr, Miriam Hirsch, Andre Röthlingshöfer und Dominik Koch (von links) äußern sich zur Handball-Europmeisterschaft und den Chancen der deutschen Nationalmannschaft. Foto: Eibner

Zum Start der europäischen Titelkämpfe geben unsere regionalen Trainer ihre Expertise ab und beantworten vier Fragen rund um das Event in Skandinavien.

Am Donnerstag startet die Handball-Europameisterschaft 2026 der Männer mit den drei skandinavischen Gastgebern Dänemark, Schweden und Norwegen. Nach dem Erreichen der WM-Silbermedaille der deutschen Frauen im vergangenen Jahr blickt Handball-Deutschland nun gespannt auf das Männer-Team, um ihren Cheftrainer Alfred Gislason. Die regionalen EM-Experten in diesem Jahr sind Miriam Hirsch (Cheftrainerin, TusSies Metzingen, 1. Bundesliga der Frauen), Matthias „Matti“ Flohr (Cheftrainer, HBW Balingen-Weilstetten, 2. Bundesliga der Männer), Dominik Koch (Co-Trainer, HSG Albstadt, Regionalliga der Männer) und André Röthlingshöfer (Cheftrainer, HSG Hossingen-Meßstetten, Verbandsliga der Frauen), sie werden den Turnierverlauf aufmerksam verfolgen und für uns analysieren.​

 

Was macht die deutsche Mannschaft aktuell gut und wo sehen Sie noch Potenzial?​

Miriam Hirsch (TusSies Metzingen): „Die deutsche Mannschaft überzeugt derzeit vor allem durch ihre stabile Deckung und ihr hohes Tempospiel. In den Testspielen war deutlich zu erkennen, wie schwer dieses Spielsystem für die Gegner zu verteidigen ist. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Mannschaft über eine kompakte und konsequente Abwehr zunächst in Ballgewinne kommt, um ihr Tempospiel überhaupt aufziehen zu können. Verbesserungspotenzial sehe ich noch ein wenig im Rückzugsverhalten sowie in der Entscheidungsfindung bei den Abschlüssen. Wir freuen uns sehr auf die EM und versuchen unsere Trainingseinheiten so auszurichten, dass wir die Spiele der deutschen Mannschaft gemeinsam verfolgen können.​“

Matti Flohr (HBW Balingen-Weilstetten): „Besonders die Vorbereitungsspiele gegen Kroatien haben mir sehr gut gefallen, weil man dort gesehen hat, dass die deutsche Mannschaft sehr variabel aufgestellt ist und eine sehr hohe Qualität besitzt. Besonders die Variante mit Julian Köster auf Rückraum-Mitte und Miro Schluroff auf Rückraum-Links, um Juri Knorr zu entlasten, finde ich sehr gut. Viele monieren ja die Problematik auf der rechten Rückraumseite. Dem kann ich mich so nicht anschließen, da ich davon überzeugt bin, dass Franz Semper eine sehr gute Europameisterschaft dort spielen wird. Und dann gibt es da ja auch noch Nils Lichtlein, den man ohne Probleme als Linkshänder dort spielen lassen kann.“​

Dominik Koch (HSG Albstadt): „Was unser Torhüter- und Abwehrspiel angeht, sind wir ganz vorne dabei. Das Tempospiel ist auch sehr stark. Ich denke, das Angriffsspiel im Positionsangriff – wie es auch schon beim letzten Turnier war - gegen starke Abwehrreihen, das wird sehr entscheidend sein, dass man da eine gewisse Ruhe und Struktur reinbringt.​“

André Röthlingshöfer (HSG Hossingen-Meßstetten): „Die deutsche Mannschaft hat eine gute Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Ich traue ihr das Halbfinale zu. Wichtig wird es sein, konstant gute Leistungen abzurufen.​“

Mit Österreich, Serbien und Spanien hat die deutsche Mannschaft eine Hammergruppe erwischt. Wie schneidet das Gislason-Team in der Vorrunde ab?​

Miriam Hirsch: „Im modernen Handball steigt das Qualitätsniveau in allen Bereichen stetig an. Inzwischen sind zahlreiche Spieler auch aus den vermeintlich kleineren Handballnationen in der Bundesliga aktiv und prägen dort das Spielgeschehen. Besonders Österreich hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung genommen, während Nationen wie Serbien und Spanien ohnehin seit jeher für eine konstant hohe Grundqualität stehen. Deutschland hat zwar eine äußerst anspruchsvolle Gruppe erwischt, dennoch bin ich überzeugt, dass die Mannschaft dort ganz vorne mitmischen wird.“​

Matti Flohr: „Ich habe großes Vertrauen in die Truppe und glaube, dass der erste Gruppenplatz am Ende der Vorrunde herausspringt, gefolgt von Spanien, Österreich und Serbien.“​

Dominik Koch: „Ich denke, dass die Vorbereitungsspiele gegen Kroatien gezeigt haben, dass die Mannschaft schon sehr weit ist. Wenn Fitness und Mentalität passen, können wir da ganz vorne in der Gruppe landen. Doch genauso kann es auch andersrum sein, dass das Pendel zur anderen Seite ausschlägt. Ein Auftaktsieg gegen Österreich könnte befreiend wirken.“​

André Röthlingshöfer: „Die Gruppe hat es natürlich in sich. Die Österreicher sind unangenehm mit ihrem Sieben gegen Sechs. Serbien kommt über die Emotionen. Und Spanien ist eines der Topteams. Ich glaube aber trotzdem, dass wir mit 4:2 Punkten nach der Vorrunde dastehen.​“

Wer ist für Sie Topfavorit auf den EM-Titel?​

Miriam Hirsch: „An Dänemark wird in diesem Turnier voraussichtlich kein Weg vorbeiführen.​“

Matti Flohr: „Dänemark.​“

Dominik Koch: „Dänemark, weil sie einfach eine wahnsinnig individuelle Qualität haben. Ich habe irgendwo gelesen, wenn du nicht so viel Qualität hast, brauchst du viel Taktik. Dänemark braucht kaum Taktik, da sie so eine Klasse haben. Da ist so viel Potential vorhanden, als Trainer kann dir eigentlich gar nichts Besseres passieren, als so ein Team zu betreuen.​

André Röthlingshöfer: „Ganz klar Dänemark. Sie sind das Maß der Dinge und haben zudem auch noch den Heimvorteil, der nicht zu verachten ist.​“

Welche Wirkung haben solch große Turniere auf den Nachwuchs in der Region?​

Miriam Hirsch: „Es ist entscheidend, dass wir nicht nur auf den sportlichen Erfolg schauen, sondern auch die Begeisterung für den Handball insgesamt entfachen. Genau das hat die Frauen-WM mit dem zweiten Platz der deutschen Mannschaft eindrucksvoll bewiesen. Die Hallen waren voll, zumindest kann ich das für Metzingen klar bestätigen. Zum Jahreswechsel hatten wir in der Göppinger EWS-Arena über 4000 Zuschauer, eine beeindruckende Kulisse. Das ist enorm wichtig für die Region und für die Vereine, sowohl im Frauen- als auch im Männerbereich. Nach erfolgreichen Turnieren ergeben sich ganz andere Gespräche mit Sponsoren, was spürbare Auswirkungen auf unsere gesamte Sportart hat. Der DHB hat insbesondere im Bereich Marketing zuletzt deutliche Fortschritte gemacht. Ich freue mich sehr auf die kommenden Jahre, denn ich habe das Gefühl: Hier entsteht gerade etwas richtig Gutes.​“

Matti Flohr: „Man muss zuerst mal die Trainingseinheiten und die Testspiel-Termine anpassen, damit man nicht zeitgleich mit Deutschland trainiert oder spielt. Ansonsten versucht man natürlich, den Hype zu nutzen und eine gewisse Euphorie zu entfachen. Hier beim HBW machen wir beispielsweise mit den Jugendmannschaften von der JSG Public-Viewing-Veranstaltungen, auch wenn die Spieltermine unter der Woche nicht für jeden immer besonders geschickt sind. Zudem bin ich davon überzeugt, dass gute Spiele der Handball-Nationalmannschaft immer einen Beitrag dazu leisten, mehr Kinder und Jugendliche zum Handball zu bekommen, wenn wir genug Hallen haben.​“

Dominik Koch: „Der Handballsport hat viel Emotion zu bieten. Wenn ich mir unsere Torhüter anschaue, wie sie sich gegenseitig pushen. Es gibt viele Aktionen, wo sich die Kids feiern können. Das kommt sehr positiv an, genauso wie die Stimmung in den Hallen, wo es sehr friedlich und fair zugeht. Wichtig ist auch, dass man gegen einen übermächtig scheinenden Gegner immer sein Bestes gibt. Das sind die Werte, die im Handball zählen. Es geht dann schon in der Schule los, wo nach so einem Turnier immer mehr Kids die Lehrer fragen, ob man nicht mehr Handball spielen kann. Die Kids sind begeistert und haben ihre Idole.​

André Röthlingshöfer: „Die Frauen-WM hatte nicht die mediale Präsenz. Ich hoffe, dass es bei den Männer-EM anders ist. Ich hoffe auf einen kleinen Boom und verspreche mir etwas mehr Zulauf für die heimischen Vereine. Da der letzte Titel schon eine Weile zurück liegt, wäre ein deutscher Erfolg schön. Ein bisschen sollte man träumen. 2016 haben wir den letzten EM-Titel geholt. Zehn Jahre später könnte man das wiederholen.​“ mj/gdn/fc