Die Handball-Experten aus der Region – Matti Flohr, Andrè Röthlingshöfer, Miriam Hirsch und Dominik Koch (von links) – ziehen ein Zwischenfazit zum Abschneiden der Deutschen Handball.-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Foto: Eibner

Die deutsche Nationalmannschaft steht bei der Europameisterschaft in der heißen Phase. Experten ziehen Bilanz, nennen Highlights und skizzieren den Weg ins Halbfinale.

Von starken Paraden bis zu spektakulären Toren, die Handball-EM begeistert und wirft zugleich Fragen auf. Unsere regionalen EM-Experten Matthias „Matti“ Flohr (HBW Balingen-Weilstetten), André Röthlingshöfer (HSG Hossingen-Meßstetten), Miriam Hirsch (TusSies Metzingen) und Dominik Koch (HSG Albstadt) – ziehen ein Zwischenfazit.

 

Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Leistungen der deutschen Mannschaft?

Flohr: Die sind insgesamt sehr schwankend. Während die Abwehr recht stabil steht, was mitunter auch an den überragenden Torhüterleistungen liegt, sind die Leistungen im Angriff doch sehr unterschiedlich. Zudem ist man in der Offensive zu sehr davon abhängig, dass ein Spieler einen Toptag hat, wie beispielsweise Marko Grgic gegen Norwegen oder Miro Schluroff gegen Portugal.

Koch: Von den Punkten her und den Ergebnissen kann man sehr zufrieden sein. Es war manchmal so ein bisschen ein Auf und Ab. Im Angriffsspiel haben wir zu viele Fehler gemacht und waren zu hektisch. Renars Uscins spielt eine gute Rolle, Juri Knorr hat Topaktionen, aber wieder auch überhastete Sachen. Ich finde aber auch, dass die Gegner schon auf ein Stürmerfoul warten, wenn er kommt. Er muss Akzente setzen, wenn es aber bei ihm nicht läuft, braucht er einen Cut. Und dann haben wir ja auch Nils Lichtlein zum Wechseln. Es gibt auch die Option, dass beide auf der Platte stehen.

Hirsch: Wenn alles reibungslos laufen würde, wäre es natürlich leichter, ein eindeutiges Fazit zu ziehen. Insgesamt ist das Turnier bisher durchwachsen. Dennoch zeigt sich das große Potenzial der deutschen Mannschaft und ihre Breite, sei es bei Julius Fischer, Marko Grgić, Jannik Kohlbacher oder anderen Akteuren. Bei der Angriffsleistung besteht allerdings noch Luft nach oben, und auch vom Tempospiel hätte ich mir etwas mehr erwartet.

Röthlingshöfer: Im Großen und Ganzen kann man zufrieden sein. Was auffällt ist statistisch die nicht ganz so gute Abschlussquote, die könnte noch ein bisschen besser sein. Leider haben wir auch immer wieder Spieler, die nicht an ihr Leistungsmaximum herankommen. Andererseits haben wir auch immer wieder einen Spieler, der über sich hinauswächst. Insgesamt sind wir doch recht unkonstant unterwegs.

Was war für Sie das bisherige Highlight der EM?

Flohr: Da gab es zwei. Die Leistung von Andreas Wolff gegen Norwegen, so etwas habe ich noch nie gesehen und der Sieg gegen Portugal.

Koch: Die Begeisterung und die Stimmung in den Hallen. Wie die Fans von Island, den Faroer Inseln ihr Team unterstützen - natürlich auch die Dänen, wenn 15.000 Fans in der Halle in Rot sind und ihre Mannschaft feiern. Dazu kommt noch die Fairness in den skandinavischen Ländern. Da gibt es gar keine Diskussionen. Die EM ist eine rundum gelungene Handball-Veranstaltung. Das einzige, was ich etwas schade finde, sind die späten Anwurfzeiten. Viele Kinder können so die Spiele nicht mitverfolgen.

Hirsch: Persönlich habe ich mich sehr für den jungen Marko Grgić gefreut, für den dieses Turnier so etwas wie der Durchbruch war. Miro Schluroff ist natürlich eine absolute Weltklasse-Überraschung. Mein persönliches Highlight war aber ganz klar Andy Wolf im Spiel gegen Norwegen. Was er dort gehalten hat, war schlicht unmenschlich, das war für mich der herausragende Moment dieses Turniers.

Röthlingshöfer: Die ganze EM ist geprägt, dass wir sehr starken und schnellen Handball spielen. In vielen Spielen fallen viele Tore. Für mich war das bisherige Highlight der Sieg der Portugiesen gegen Dänemark. Ich glaube auch, dass das die Dänen auch angestachelt hat, sich ihrer Sache nicht zu sicher zu sein. Auch die deutsche Hauptgruppe finde ich sehr interessant. Da freut man sich auf jedes Spiel. Das sind alles potenzielle Halbfinals.

Was muss das DHB-Team gut machen, um gegen Frankreich zu punkten und ins Halbfinale einzuziehen?

Flohr: Es ist eine Mischung aus allem. Einerseits muss man über 60 Minuten die Stabilität in der Abwehr hinbekommen und im Angriff sich in einen Flow spielen. Dazu muss der Ball schneller laufen, um auch immer wieder die Außenspieler einsetzen zu können. Dann hat man auch gegen Dänemark gesehen, dass schnelle und einfachere Toren dann möglich sind, wenn das Tempospiel funktioniert. In Kombination mit einer starken Torhüterleistung bin ich davon überzeugt, dass wir so Frankreich schlagen und ins Halbfinale einziehen.

Koch: Frankreich hat absolute individuelle Klasse. Es braucht auf jeden Fall eine überragende Abwehr- und Torwartleistung. Es braucht wieder so um die 20 gehaltene Bälle. Da die Franzosen nicht immer schnell zurücklaufen, müssen wir viele leichte Tore machen. Die technische Fehleranzahl muss ganz gering gehalten werden. Wir brauchen auch eine starke Wurfquote. Sie spielen sehr abgeklärt, das ist das, was uns manchmal noch fehlt.

Hirsch: Wichtig wird es sein, Schlüsselspieler wie Dika Mem unter Kontrolle zu bekommen. Frankreich hat gegen Spanien nicht sein bestes Spiel gezeigt, doch solche Teams sind immer in der Lage, eine deutliche Reaktion zu zeigen, das darf man nicht unterschätzen. Die Franzosen sind extrem athletisch ausgeprägt und spielen einen tollen Tempo-Handball. Entscheidend wird sein, ihnen immer wieder Handlungsdruck zu geben, vor allem im Angriff. Ich finde, dass die Franzosen noch nicht komplett eingespielt wirken. Über eine stabile Abwehr und schnelles Tempospiel könnten sich daher Chancen ergeben. Gleichzeitig müssen wir unsere Angriffsleistung deutlich steigern. Die Angriffe sollten präzise und geduldig ausgespielt werden, gern auch mit mehr Kreativität und Überraschungsmomenten. Jeder Gegner respektiert unsere Rückraumwürfe, aber wir müssen häufiger in die Nahtwurfzone gelangen.

Röthlingshöfer: Die Franzosen sind sehr stark im Rückraum und über die Außen. Der Grundstein muss wieder die Abwehr und der Torhüter sein. Wir müssen die Franzosen in viele schwierige Wurfsituationen bringen. Auch auf die Kreisläufer müssen wir aufpassen. Wenn wir dann mit Tempo spielen und eine gute Abschlussquote an den Tag legen, haben wir eine Chance. Dann könnte es ein Wiedersehen mit den Dänen im Finale geben.