Die Luftaufnahme veranschaulicht, wohin die Daimler-Testgelände zwischen Haigerloch und der Autobahn A 81 (links) liegen könnte. Rechts am Rand ist die Ortschaft Bittelbronn zu erkennen. Foto: Daimler

Informationsabend zu geplanter Teststrecke: 450 Leute wollen Daimler-Vorschläge hören.

Empfingen/Haigerloch - 450 Personen besuchten am Mittwoch die mit Spannung erwartete Bürgerversammlung zum Thema »Daimler AG – Prüfzentrum Deutschland-Süd«. Zweieinhalb Stunden dauerte die von geballten Informationen geprägte Veranstaltung in der Täleseehalle.

Wie mehrfach berichtet, ist der Autohersteller aus Sindelfingen auf der Suche nach einem geeigneten Gelände für den Neubau einer Teststrecke auch an die Gemeinde Empfingen herangetreten. Deren Gemarkung erfüllt alle Anforderungen für den Bau einer Strecke, auf der innovative Antriebskonzepte und Fahrassistenzsysteme erprobt werden können: Das Gelände soll vom Werk Sindelfingen aus innerhalb einer Stunde erreichbar sein und in der Nähe einer Autobahn liegen.

Gerüchteküche in Empfingen kocht

Seit die Sache publik wurde, kocht jedoch die Gerüchteküche in Empfingen. Von einer lärmenden Hochgeschwindigkeitsstrecke bis zur möglichen Enteignungen reichte die Skala der Befürchtungen in der Bevölkerung. Empfingens Bürgermeister Albert Schindler, der den Abend moderierte, erklärte, dass es sich hier um ein nicht alltägliches Projekt mit großen Auswirkungen handle. Als Chancen für seine Gemeinde sieht er neue Arbeitsplätze, die Ansiedlung von Zulieferbetrieben und Bevölkerungszuzug. Was aus seiner Sicht gegen das Projekt spricht, ist der enorme Flächenverbrauch – rund 224 Hektar in Empfingen und 17 Hektar in Haigerloch, speziell auf Bittelbronner Gemarkung.

Allein 200 Hektar Wald wären betroffen, sie befinden sich im Besitz von geschätzt 800 Eigentümern. Zwei Fünftel der Gesamtfläche würden somit nicht mehr als Naherholungsgebiet zur Verfügung stehen, so ein weiteres Argument gegen das »Silicon Valley von Empfingen«. Lothar Ulsamer, Leiter kommunaler und föderaler Projekte, und Reiner Imdahl, Projektleiter für Prüfeinrichtungen, waren es, die das Projekt aus Daimler-Sicht vorstellten. »Es wird keine Rennstrecke gesucht«, so Ulsamer. Vielmehr wolle man eine Strecke bauen, auf der man »Mobilitätsszenarien« wie Langstreckenfahrten, Überland- und Stadtverkehr realitätsnah auf allen erdenklichen Straßenbelägen erproben könne.

Nach Daimler-Vorstellungen soll ein mindestens dreispuriges Oval, eine Messgerade, ein Dauerlaufkurs und eine Simulationsstadt gebaut werden. Ergänzt werden die Strecken durch ein Technik-, Verwaltungs- und Veranstaltungszentrum, auf dem eingezäunten Gelände. Daimler will mit dem Testgelände nicht nur 300 Arbeitsplätze entstehen lassen, sondern beim Bau und Betrieb auch ortsansässige Firmen einbinden. Es wurde zugesagt, dass lediglich 40 Hektar der Waldfläche tatsächlich überbaut und versiegelt werden und viele Waldbesitzer auch weiterhin ihren Wald nutzen können. Auch würden Gastronomie und Hotelgewerbe von Kunden- und Medienveranstaltungen profitieren, so die Daimler-Vertreter.

Nun liegt es am Empfinger Gemeinderat zu entscheiden, ob man zum Dialog mit Daimler bereit ist. Die pikante Fußnote: Neun Ratsmitglieder, darunter Bürgermeister Albert Schindler, können an der Entscheidung gar nicht mitwirken, weil sie als Waldbesitzer befangen sind.

Hintergrundinformationen

Viele Fragen stellten die Empfinger den Daimler-Repräsentanten und der Gemeinderverwaltung bei der Bürgerversammlung. Bei der Bauzeit wurde ein Zeitraum von sechs Jahren in den Raum gestellt, darauf festlegen wollte man sich aber nicht. Auf Fragen nach dem Betrieb, gab es die Auskunft, dass es geplant sei, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag zu fahren. Eine Beleuchtung des gesamten Geländes soll es nicht geben, da Daimler die Dunkelheit nutzen will, um Beleuchtungssysteme zu testen.

Im Oval sollen die Testwagen Geschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometer fahren können, im Rest des Landstraßengeschwindigkeit sowie in der »Stadt« maximal 70. Lastwagen werden nicht getestet. Es wird »nur« bis zu 3,5 Tonnen im Personenwagen-Segment gehen. Lärmschutz soll in die Planung mit aufgenommen werden. Zum Kaufpreis gaben die Daimler-Verantwortlichen keine Antwort. »Sie müssen sich erst entscheiden, ob Sie mit uns in den Dialog eintreten«. Jetzt schon eine »Möhre hinhalten« sei der falsche Ansatz, so ihr Argument.
Eine Lösung muss auch für die Flächenversiegelung gefunden werden. Der Ausgleich müsse laut Bürgermeister Albert Schindler und nach Aussage des Regierungspräsidiums aber nicht unbedingt auf Empfinger Gemarkung liegen. Enteignungen werde es auf gar keinen Fall geben, beruhigte der Bürgermeister. Auf welchem Platz Empfingen letztlich in der Daimler-Gunst liegt, bleibt auch nach diesem Abend offen. Daimler bleibt weiter mit allen möglichen Standorten im Gespräch.

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