Helmut Gabeli (†). Foto: Archiv Foto: Schwarzwälder Bote

Nachruf: Helmut Gabeli (74) hat sich leidenschaftlich in die Aufarbeitung jüdischer Stadtgeschichte eingebracht

Haigerloch. Helmut Gabeli, für den die Aufarbeitung jüdischer Geschichte und des Nationalsozialismus in Haigerloch zur Lebensaufgabe wurde, lebt nicht mehr. Er ist nach schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren sanft entschlafen.

 

"Ich habe nur das getan, was aus meiner tiefen inneren Überzeugung heraus notwendig war". Ein typischer Satz für ihn. Als Person wollte sich Gabeli nie in den Vordergrund drängen, viel wichtiger war ihm, dass seine Arbeit Anerkennung findet und auf fruchtbaren Boden fällt.

Diesen Satz hat Gabeli bei seinem letzten öffentlichen Auftritt gesagt. Es war bei einer Feierstunde in der ehemaligen Synagoge am 10. Juli 2016. Damals wurde ihm die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg für die Erforschung jüdischer Geschichte Haigerlochs und seiner Mitarbeit im Gesprächskreis Ehemalige Synagoge verliehen.

Nicht die einzige Ehrung, die Helmut Gabeli für seine Arbeit zuteil geworden ist. Bereits am 24. Januar 2010 hatte er in Berlin den "Obermayer German Jewish History Award" in Empfang nehmen dürfen. Es ist ein deutsch-jüdischer Kulturpreis, den alljährlich fünf nichtjüdische Deutsche erhalten, die sich für die Bewahrung der deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur engagieren.

"Lasst die Geschichte doch ruhen! Das ist so lange her, niemand interessiert sich mehr dafür", diesen Satz bekam Helmut Gabeli früher oft zu hören. Nein, dieser Teil der Geschichte muss uns Deutsche interessieren, antwortete er darauf energisch. Es war dieser Antrieb, der ihn und andere Gleichgesinnte dazu führte, 1989 aus Anlass des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht eine Gesprächskreis zu gründen. Diese Bürgerinitiative – bis 2000 ohne Vereinsstatus – hatte sich zum Ziel gesetzt, nicht nur die jüdische Geschichte Haigerlochs aufzuarbeiten, sondern auch die Ehemalige Synagoge im Haag zu kaufen und aus ihr eine Gedenkstätte zu machen.

Ein hehres Ziel, das aber letztlich durch den Einsatz des Vereins und gemeinsam mit der Stadt geschafft wurde. 2003 wurde die behutsam restaurierte Synagoge eingeweiht, 2004 dort die vom Haus der Geschichte in Stuttgart mitkonzipierte Dauerausstellung "Spurensicherung – jüdische Geschichte in Hohenzollern" eröffnet.

Diese Ausstellung, die Mitarbeit an unzähligen Publikationen, die 23-jährige Arbeit im Gesprächskreis (von 2000 bis 2012 als stellvertretender Vorsitzender), die Mitarbeit in Gedenkstättenverbünden im Land und in der Region und mehr als 400 Führungen durch das jüdische Wohnviertel Haag oder über den jüdischen Friedhof waren für Helmut Gabeli aber stets nur ein Teil der Gedenkarbeit.

Was für ihn genauso schwer wog, war der Kontakt mit ehemaligen KZ-Häftlingen, ins Ausland emigrierten Juden oder deren Nachfahren. Im Austausch, im Gespräch blieben nach seiner Deutung Erinnerungen stärker lebendig als in materiellen Spuren. So sind über Jahrzehnte innige Verbindungen in die USA, nach England, nach Israel oder Argentinien entstanden.

Interessant ist, wie Helmut Gabeli zu seiner "Lebensaufgabe" gekommen ist, denn dass er sich einmal im Bereich der Aufarbeitung jüdischer Geschichte solche Kenntnisse erwirbt, darauf deutete zunächst nichts hin.

Am 18. Mai 1944 war er in Pilisscentivan, einem Dorf bei Budapest, zur Welt gekommen. Sein Vater war Bauer, seine Mutter stammte aus einer Bergarbeiterfamilie. Als Ungarn-Deutsche mussten sie vor der nahenden Roten Armee flüchten, als Helmut Gabeli kaum ein halbes Jahr alt war. Auf Lastwagen ging es zunächst in ein Lager bei Wien und dann nach Bayern. Von dort kam die Familie schließlich nach Illingen bei Mühlacker in Baden-Württemberg, wo Helmut Gabeli die Kindheitsjahre verbrachte und die Volksschule besuchte.

Weil es in Illingen kein Gymnasium gab und seine Mutter den Gedanken hatte, dass aus dem Bub ein guter Pfarrer werden könnte, wurde Helmut Gabeli zunächst sechs Jahre in ein Internat und aufs Gymnasium in Bad Mergentheim geschickt, dann wechselte er auf das Gymnasium in Ellwangen und lernte bereits dort seine spätere Ehefrau Brigitte kennen.

Aus der "Schülerliebe" wurde eine über 50-jährige Verbindung, denn im Oktober 1967, schlossen sie den Bund der Ehe in Gomaringen. Helmut Gabeli studierte seinerzeit nach Abitur und zweijähriger Bundeswehrzeit in Ellwangen an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen zunächst Germanistik und Geschichte und dann Kirchenrecht und Jura, Brigitte Gabeli an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen auf Lehramt.

Weil Brigitte Gabeli eine Stelle in Trillfingen bekam, verschlug es das junge Paar 1968 dorthin. Es bezog die Lehrerwohnung in der Grundschule, wo die Gabelis bis heute wohnen. 1968 kam auch Sohn Markus zur Welt, der heute in Balzheim bei Laupheim lebt und 1972 Sohn Patrick, heute in Wildberg bei Calw beheimatet.

Als studierter Jurist eröffnete Helmut Gabeli eine Kanzlei im alten Amtsgericht in der Haigerlocher Unterstadt. Hier war es auch, wo er auf die wechselvolle Geschichte der früheren jüdischen Einwohner der Stadt ließ, die ihn fortan nicht mehr los ließ.

Eine Amtsperiode, von Juli 1980 bist November 1984, war Helmut Gabeli zudem Mitglied im Trillfinger Ortschaftsrat und Stellvertreter des damaligen Ortsvorstehers Karl Schmid. Mitglied war er in vielen Vereinen.

Vor fünf Jahren zwang ihn schließlich eine schwere Krankheit dazu, seine Forschungen einstellen. Am vergangenen Mittwoch, 5. September, ist Helmut Gabeli zu Hause von seinem Leiden erlöst worden. Bis zuletzt stand ihm seine Ehefrau, die 2009 in den Ruhestand getreten ist, fürsorglich zur Seite, war ihm Stütze und gab ihm Kraft.

Die Trauerfeier für Helmut Gabeli findet am Donnerstag, 13. Juli, ab 14 Uhr in der Trillfinger Valentinskirche statt, anschließend wird er auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt.