An den kommenden beiden Wochenenden werden CDU und Grüne auf Landesparteitagen ihren jeweiligen Spitzenkandidaten auf den Schild heben. Cem Özdemir und Manuel Hagel – zwischen diesen beiden wird entschieden, wer der nächste Ministerpräsident wird.
Mehr als 20 Jahre Altersunterschied trennen Manuel Hagel und Cem Özdemir. Der 37-Jährige Hoffnungsträger der CDU trat 2016 in die Landespolitik ein, ist aber wenig bekannt – zumal im Vergleich mit Cem Özdemir (59), der seit Jahrzehnten die große politische Bühne bespielt. Damit ist schon ein erster Unterschied benannt: Frische tritt gegen Erfahrung an.
Die Ausgangslage
Manuel Hagel tourt seit vergangenem Jahr mit beschleunigter Taktzahl durchs Land - eine Art persönlicher Vorwahlkampf, der allerdings auf Kosten seiner Präsenz als Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion im landespolitischen Regelbetrieb geht. Seine Bekanntheit wird in der heißen Phase des Wahlkampfs im kommenden Frühjahr jäh steigen, dennoch erscheint es ratsam, das Publikum nicht zu überraschen, wie dies der Zauberer mit dem Kaninchen versucht, das er aus dem Zylinder zieht. Anders formuliert: Die Frage: „Wer isch au dees?“ sollte für einen relevanten Anteil der Wählerschaft bis Jahresende in groben Strichen beantwortet sein.
Cem Özdemir muss sich um seine Prominenz keine Gedanken machen. seine Berater werden ihn nun, da er der beiden Berliner Ministerämter für das Agrarbusiness und für Forschung ledig ist, zunächst im Abklingbecken versenken, damit er ein wenig wenig zur Ruhe kommt. Sodann wird man ihn viel bei „Start-ups“ (Hoffnung und Zuversicht!) und mittelständischen Unternehmen (Solidarität in schwerer Zeit!), bei Heimatvereinen („Ich bin einer von Euch“) und in den kräftigen Armen ehrbarer Marktfrauen („Ich habe keine Berührungsängste) sehen. Denkbar erscheint, einen Wettbewerb auszurufen, beim dem Mundartexperten bewerten, wer von beiden – Özdemir oder Hagel – seine lichtvollen Gedanken in breiterem Schwäbisch akzentuiert. Ein Nachteil für Özdemir: Er geht, anders als Hagel, ganz ohne Amt in den Wahlkampf. Abgesehen vom Kandidatenstatus sieht er sich rundum außer Dienst (a.D.) gestellt.
Das persönliche Profil
Hagel, verwurzelt in Ehingen an der Donau und dort einst Leiter der Sparkassenfiliale, ist ein Angebot an das ländliche Baden-Württemberg. Das erscheint gar nicht so unklug, weil sich die meisten Baden-Württemberger dem ländlichen Raum zuordnen. Auf der semantischen Ebene trachtet Hagel danach, den Begriff Heimat („Hoimet“) für die CDU zu reservieren. Das darf traditionell verstanden werden: Kirche, Festzelt, Musik- und Sportverein. Heimat ist dort, wo Hagel den Janker trägt oder zur Jagd ausschreitet (Das Bekenntnis zur Jagd ist im jüngeren CDU-Milieu derzeit chic). Zugereiste dürfen bei der „Hoimet“ mitmachen, sofern sie sich anpassen.
Auch Özdemir redet viel von „Hoimet“, allerdings ist der Begriff bei ihm stärker republikanisch und weniger von der Herkunft geprägt. Tradition ist wichtig, aber sie muss sich am Maßstab der Verfassung messen lassen. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann bringt Tradition und Verfassungspatriotismus idealtypisch in Einklang. Deshalb wähnen viele Christdemokraten, Kretschmann sei CDU-Mitglied. Özdemir hingegen stößt im CDU-Universum auf starke Abneigung. Parteistrategen sagen, gegen Özdemir ließen sich die eigenen Wähler großartig mobilisieren, bei Kretschmann sei das nicht gelungen. Dabei gilt Özdemir als strammer Realo, allzeit bereit, jedes Schaf begeistert zu herzen, das ihm auf der Alb begegnet.
Aus seiner türkischen Abstammung lassen sich die Aversionen kaum herleiten, denn Rassismus widerspräche den christlichen Überzeugungen der CDU. Zudem besitzt Özdemir als Ehrenbürger von Bad Urach ein einheimisches Qualitätssiegel. Gleichwohl wird er eher städtische Wähler überzeugen.
Von Landeiern und Aufsteigern
Wer keinen unbändigen Ehrgeiz aufbringt, geht in der Politik schnell verloren. Politiker nennen Ehrgeiz indes nicht Ehrgeiz, sondern Gestaltungsfreude. Bei Hagel, ein Geschöpf der Jungen Union, bietet sich die Gestaltungsfreude in junger Blüte, wenn auch nicht mehr jungfräulich dar. Erst hat er seinen Vorgänger im CDU-Fraktionsvorsitz, Wolfgang Reinhart, weggeräumt, dann den CDU-Landeschef Thomas Strobl. Obwohl als Wahlkampfmanager von Susanne Eisenmann mitverantwortlich für die Niederlage Wahl 2021, löst er diese nun in der Reihe der CDU-Spitzenkandidaten ab. Der Mann hat Biss.
Özdemir kann eine Aufsteigerbiografie vorweisen, die eine soziale Komponente (Arbeiterkind) mit einer migrantischen (Sohn türkischer „Gastarbeiter“) verbindet. Eine solche Lebensgeschichte ist ein starkes Treibmittel für Gestaltungsfreude. Bei Özdemir tritt sie in sublimierter Form auf, was daran liegt, dass er bereits viel erreicht und auch Niederlagen durchgestanden hat. Özdemir war Bundestagsabgeordneter mit Direktmandat, Europaabgeordneter, Bundesvorsitzender der Grünen, Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017 und Bundesminister.
Über Berg und Tal, rauf und runter
Hagel entstammt einer konservativen und katholischen CDU-Region. Im Bundestagswahlkampf lag er auf der Linie von Friedrich Merz, was ihm dessen Gehör sichert. Es hat ihm aber auch Probleme eingebracht. Baden-Württemberg hat, jedenfalls im deutschen Kontext, die Schuldenbremse quasi erfunden. Hagel trat für „eine Art Ewigkeitsgarantie für die Schuldenbremse“ ein. Zugleich zeigt die Landes-CDU in der Praxis aber keinen Sparwillen. Anspruch und Realität stehen bei Merz wie bei Hagel in einem schroffen Gegensatz.
Hagel verteidigte Merz auch, als dieser im Bundestag eine Abstimmungsmehrheit mit der AfD in der Flüchtlingspolitik bewusst in Kauf nahm. In der Landespolitik grenzt sich Hagel hingegen eindeutig von der AfD ab.
Dagegen aber kontrastiert wiederum seine enge Bindung an Jens Spahn, dem er sich eng verbunden weiß. Sie telefonierten regelmäßig, hat Hagel einmal gesagt. Es handelt sich um jenen Jens Spahn, der das Verhältnis zur AfD im Bundestag normalisieren möchte. Es ist kein Zufall, dass Spahn bereits zwei Mal als Hauptredner beim politischen Aschermittwoch der Landes-CDU in Fellbach auftrat. In der Klimapolitik plädiert Hagel für „Technikoffenheit“, was auf einer zweiten Sprachebene als Zugeständnis an die Bewahrer des Status quo verstanden werden kann und soll.
Özdemir wird im Wahlkampf den Kretschmann machen: Klimapolitik nur in den Grenzen dessen, was Bürger und Wirtschaft akzeptieren, Strenge in der Flüchtlingspolitik, maximale Distanz zu den Bundesgrünen. Nur Kretschmanns Desinteresse an Fragen der sozialen Gerechtigkeit teilt Özdemir, Sohn einer Arbeiterfamilie nicht. Seine Bilanz als Bundeslandwirtschaftsminister ist aus Sicht von Natur- und Tierschützern dürftig. Aber auch die Bauern gingen auf die Barrikaden. Özdemir moderierte sich ins Seitenaus. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann folgerte: „Wer in Berlin scheitert, darf nicht Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden.“
Wie stehen die Aussichten?
Der Druck auf Hagel aus der eigenen Partei ist gewaltig. Lange meinten die Christdemokraten, die Landtagswahl werde ein Selbstläufer. Das könnte ein Irrtum sein. Für einen Wahlsieg aus eigener Kraft ist Hagel zu undeutlich in dem, was er darstellt. Er braucht seine Partei. Was er nicht braucht, ist ein Kanzler Merz, der die Leute verstört. Das kann noch besser werden.
Özdemir hingegen muss ganz auf seine eigene Strahlkraft setzen. Mögen auch die Hasswellen gegen die Grünen auslaufen, im Zweifel tut er gut daran, sich von den Bundes-Grünen zu entkoppeln. In der Asylpolitik hat er dies bereits getan.
Besuch in der Kirche
Hagel wie auch Özdemir hielten dieses Jahr Fastenpredigten, der eine in der Wallfahrtskirche auf dem Bussen bei Riedlingen, der andere in der katholischen Stadtkirche Donaueschingen. Hagel redete sehr konventionell: „Christen erkennt man in der konkreten Tat“, sagte er; offen blieb, was dies in der Politik bedeutet. Özdemir wirkte ungewohnt steif, redete aber ungleich substanzieller zum Thema „Politik und Kompromiss“. Bemerkenswert erscheint: An beiden Sonntagnachmittagen waren die Gotteshäuser proppenvoll. Solches Interesse ist ein gutes Zeichen.