Marktbesucherin Meta Kohler ist Stammkundin bei Ali Bolat. Foto: Sophie Holzäpfel

Der Leidringer Maimarkt hat auch dieses Jahr Hunderte Besucher in die Ortsmitte gezogen. Doch hinter der guten Stimmung wächst bei vielen Händlern die Sorge.

Kann man Verhandlungsgeschick und Charisma erlernen? Ali Bolat bleibt eine Antwort schuldig, lächelt stattdessen. Um den Stand des Stuttgarters hat sich am Mittwochmittag eine Menschentraube gebildet. „Ein Ersatzmesser für den Hobel“, sagt eine Besucherin. „Noch mal einen davon“, tönt es Sekunden später.

 

Karotten- und Zucchinispäne fliegen, als Bolat seinen Multifunktions-Gemüseschäler präsentiert. Das Besondere: Der Schäler funktioniert in beide Richtungen. Mit schnellen Bewegungen gleitet die Klinge über das Gemüse. Genau das sorgt am Stand immer wieder für staunende Blicke – und offenbar auch für gute Geschäfte.​

Hosenträger und Popcorn

Bolat kommt seit Jahren auf den Leidringer Maimarkt. „Die Leute hier sind nett und zugänglich, die Stimmung gut“, beschreibt er die vorherrschende Atmosphäre. Dennoch: Das Kaufverhalten der Besucher habe sich in den vergangenen Monaten verändert. „Viele haben Schwierigkeiten, sind vorsichtiger geworden.“ Heute überlegten die Menschen zweimal, bevor sie etwas kauften, so seine Beobachtung. Hinzu kommen die hohen Spritpreise, die die Beschicker zunehmend belasten. „Wir fahren keine allzu weiten Strecken mehr, das lohnt sich nicht mehr.“

Dabei seien Märkte ein wichtiger Bestandteil des dörflichen und städtischen Lebens, so die Überzeugung von Thomas Plutzkat. Der Markthändler kommt seit Jahrzehnten nach Leidringen. „Hier gibt es ein sehr gutes Publikum, es ist ein Treffpunkt im Ort.“

Der Balinger ist das ganze Jahr über auf Märkten in Süddeutschland unterwegs, fährt regelmäßig nach Ulm, München und Lörrach. „Man muss sich die guten Märkte heraussuchen“, bemerkt er. In der Sommersaison verkauft Plutzkat Hüte, T-Shirts mit Tiermotiven, Hosenträger und Gürtel. Letztere seien in Leidringen besonders gefragt: „Wir haben hier viel Stammkundschaft. Wir passen die Gürtel auf Länge an und reparieren auch.“

„Die Vielfalt des Marktes ist schon etwas Besonderes“

Eine Gruppe Kinder rennt über den Asphalt. Der zehnjährige Jonas greift in die Papiertüte voller Popcorn. Der Karamell-Geruch vermischt sich mit dem Duft frischer Flammkuchen, Frittierfett und gebrannter Mandeln. Zwischen den Marktständen fallen sich immer wieder Menschen zur Begrüßung in die Arme, bleiben stehen, halten ein Schwätzle. „Da sieht man sich das ganze Jahr über kaum, aber hier auf dem Markt, da trifft man sich“, sagt eine Leidringerin. „Die Vielfalt des Marktes ist schon etwas Besonderes“, sagt Meta Kohler, die mit ihrem Mann seit Jahren aus Dornhan auf den Maimarkt kommt.

Zwischen Silberketten, Armbändern und polierten Steinen bleibt ein Albstädter Schmuckhändler realistisch. Er schätzt den Leidringer Maimarkt als „gute Werbung“ ein. Gleichzeitig spürt auch er die Zurückhaltung der Kunden. „Die Zeiten sind schlecht, viele müssen sparen“, sagt er und zieht die Jacke enger zu. Ein kalter Wind pfeift an diesem Vormittag durch die Unterweilerstraße.

Ein Schwätzle zwischen Ständen

Wenige Meter entfernt hat Jürgen Istvan seinen Stand aufgebaut. Er ist aus Locherhof bereits am Vortag angereist. Seit 6 Uhr morgens ist er auf den Beinen. „Ich habe im Jahr 270 Markttage, das ist mein Alltag“, kommentiert er das bunte Treiben um sich herum. Seit 30 Jahren kommt er auf den Maimarkt: „Kommen und sehen, hören und schwätzen.“ Mehr als 1500 Produkte stapeln sich auf dem langen Tisch vor ihm: Salben, Gewürze, Öle, Kräuter und Tees. „Im Grunde alles rund um das Thema Gesundheit“, bemerkt Istvan. In den vergangenen Jahren habe das Bewusstsein dafür zugenommen, so sein Eindruck.

Der Duft von Gewürzen weicht wenig später dem Geruch frischen Holzes. An einem kleinen Stand ordnet eine Händlerin aus Rottweil sorgfältig ihre handgemachten Dekoartikel. Es ist erst ihr zweiter Maimarkt in Leidringen. Während Besucher Figuren und Schalen in die Hand nehmen, erklärt sie die einzelnen Schritte ihrer Arbeit – vom Gießen über das Trocknen in Form bis zum Aushärten. „Die Stimmung ist toll hier, nur das Wetter könnte besser sein“, sagt sie und reibt sich die kalten Hände.

Markt hat Tradition

Der Schäfer Rudolf Matyas aus Hausen am Tann kommt seit vielen Jahren: Der Markt in Leidringen habe Tradition. Das Kaufverhalten der Besucher sei jedoch zunehmend von Verunsicherung geprägt. „Das hat viel mit der Politik zu tun.“ Die Leute wüssten nicht mehr, was auf sie zukomme, so seine Einschätzung. Trotzdem bleibe der Maimarkt für viele ein wichtiger Treffpunkt. Gegen Mittag füllen sich die Gassen, vor den Essensständen bilden sich kleine Schlangen. Zwischen Marktständen, Gesprächen und Popcornduft ist die Leidringer Ortsmitte am Tag des Maimarktes vor allem eines: ein Ort der Begegnung.