Elke Huissel bearbeitet eine der Perücken. Foto: Jansen

Elke Huissel führt in Wildberg einen besonderen Friseursalon: Zu ihr kommen Krebspatientinnen, um Perücken zu kaufen. Wie ihr Alltag aussieht und was den Patientinnen wichtig ist.

Spitzen schneiden, einen neuen Look ausprobieren, Strähnchen machen – dafür gehen die meisten regelmäßig zum Friseur. Im Salon von Elke Huissel in Wildberg geht es allerdings um etwas ganz anderes: um den Fall, wenn die Haare ausfallen. Sie hat sich auf Perücken spezialisiert. Zu ihren Kundinnen und Kunden zählen Krebserkrankte, aber auch Menschen, die etwa an Alopezie, krankhaftem Haarausfall, leiden.

 

Haare sind nicht gleich Haare, weiß die Friseurmeisterin. Passen Farbe und Schnitt nicht, kann die Frisur sogar entstellend wirken. „Das richtige Perücke für den richtigen Kopf“, betont Elke Huissel.

Perücken in allen möglichen Varianten

Perücken gibt es in allen Formen und Farben. Echthaar, Kunsthaar, gemischt, blond, braun, schwarz, als Pixie-Cut, lange Locken oder Kurzhaarfrisur. Die Unterschiede zwischen Echt- und Kunsthaar sind allein vom Sehen nicht auszumachen – und die Perücken imitieren die echten Haare äußerst genau. Einige feine Härchen stehen ab, hier und da mischt sich ein graues hinein, an den Spitzen sind sie etwas unregelmäßig.

Welche ist aus Echthaar und welche aus Kunsthaar? Die Lösung: blond ist Kunsthaar, braun ist Echthaar. Foto: Jansen

Wenn die Diagnose „Krebs“ bestätigt wird, dann wird Normalität wertvoller denn je. Normal auszusehen – nicht krank. „Die Betroffene will normal behandelt werden“, meint Elke Huisssel. Aus ihrer Erfahrung kann sie berichten, dass die Krankheit auch das Umfeld vereinnahmt. Das Verhältnis zwischen der Patientin und ihrer Familie ändert sich.

Plötzlich findet sich die Frau nicht nur mit einer extremen Diagnose wieder – sondern auch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Umfeld konzentriert sich auf sie, fragt ständig nach dem Wohlbefinden, wird übersensibel für Zeichen von Unwohlsein. Das stresst – vor allem die Patientin.

Stress ist das, was jemand mit einer Krebsdiagnose ganz sicher nicht gebrauchen kann. Deshalb ist das Wichtigste bei der Erstberatung: „Vor allem keinen Stress“, betont Elke Huissel. Egal, wie lange die Erstberatung dauert, sie hat immer Zeit.

Der Salon soll ein „Safe Space“, ein geschützter Raum sein. „Wir sind hier auch allein“, sagt sie. Der Gang zu einem Stuhl, entlang anderer – gesunder – Kundinnen, an den Blicken vorbei, kann zum Spießrutenlauf werden.

Haare, Haut und Nägel gehören zu Elke Huissels Arbeitsgebiet. Denn durch die Chemo kommt es zu Haut- und Nagelveränderungen, dann werde die Haut trocken und fahl.

Zwischen Lachen und Tränen

Natürlich: Die Perücke ist direkt mit dem Krebs verbunden. Doch während der Beratung und des Besuchs kann auch gelacht und gequatscht werden. Doch auch die Tränen gehören zum Alltag der Frisörin. „Die Kundinnen dürfen schreien, dürfen weinen, dürfen toben“, sagt sie. Aber: „Am Anfang kommen sie hier am Boden zerstört herein – und gehen mit hocherhobenem Kopf wieder hinaus.“

Die Perücke wartet auf den Tag, an dem sie gebraucht wird. Wann der ist, bestimmt die Kundin. An diesem rasiert Elke Huissel die Reste der Haare ab. Gibt eine Schminkberatung. Berät zur Kopfbedeckung. Schneidet und passt die Perücke an. Übt mit der Kundin das Auf- und Absetzen.

Nicht immer ist es ein langsamer, behutsamer Prozess. Bei Elke Huissel gibt es auch regelrechte Notfälle. Frauen, die vielleicht ein wenig zu lang gewartet haben, bis sie sich um eine Perücke kümmern, wenn der Haarausfall dann zu schnell kommt. Elke Huissel hat Zeit, es ist ihr wichtig, sich nicht sklavisch an Öffnungszeiten zu halten. „Ich bin immer da, ich hab Zeit“, sagt sie. Sie sei außerdem verpflichtet, die Menschen zu versorgen. Auch danach begleitet sie ihre Klientinnen weiter.

Zuzahlung gibt es nur für Frauen

Was für die Betroffenen in diesem Bereich getan wird, ist ihrer Meinung nach zu wenig. Die Zuzahlung für Perücken – teils tausende Euro teuer – ist nicht üppig, für Männer gibt es gar keine. Dabei gebe es einen großen Unterschied zwischen einer natürlichen und einer therapiebedingten Glatze.

Und wie geht es ihr damit, regelmäßig Krebserkrankte zu treffen? Natürlich lässt sie das nicht kalt, meint sie. Auch sie müsse sich mental auf die Termine vorbereiten. Und nein: Nicht alle ihre Kundinnen haben den Kampf gegen den Krebs gewonnen. Das macht bewusst: „Lebe jeden Tag.“ Und schon ganz am Anfang des Gesprächs mit unserer Redaktion sagt sie: „Ich kann niemanden retten. Aber ich kann die Welt ein kleines bisschen besser machen und die Frauen wieder zu Frauen werden lassen.“