So kann es auch gehen: Tagsüber Kantine eines Wirtschaftsprüferbüros in Ulm, abends Restaurant. Foto: Food & Health

Von wegen Currywurst mit Pommes: Beim Kantinentest 2026 haben Betriebe in Baden-Württemberg die Nase vorn. Und hinter den besten Kantinen steht ein weithin bekanntes Baiersbronner Sternehaus.

Was macht eine gute Kantine aus? Was brauchen Mitarbeiter, um nicht nur satt zu werden? Diese Fragen wurden bei der Food & Health Convention auf dem Bildungscampus in Heilbronn diskutiert.

 

Von wegen Currywurst mit Pommes, das Lieblingsessen der Deutschen in Kantinen. Viele Betriebsrestaurants gehen mit gutem Beispiel voran. Beim Kantinentest 2026 wurden vorbildliche Betriebe ausgezeichnet. Dieses Mal wurde auf ein klassisches Ranking verzichtet, dennoch zeigt sich ein deutliches Bild: Baden-Württemberg liegt in der Quantität (18 von 50) als auch der Qualität (vier der insgesamt 14 ausgezeichneten 5-Sterner) auf dem ersten Platz unter den Bundesländern.

Das sind die besten Kantinen in Baden-Württemberg

Mit den Vector-Informatik-Betrieben in Karlsruhe wie auch Weilimdorf erhielten gleich zwei Kantinen im Land vom Caterer CANtine – Made by Traube Tonbach, einem Tochterbetrieb des Hotels Traube Tonbach (Familie Finkbeiner GmbH & Co KG) in Baiersbronn die höchste Bewertung. Zu den Besten in Baden-Württemberg zählen außerdem die Betriebsrestaurants der Schwarz Gruppe in Neckarsulm wie auch die der Wirtschaftsprüfer SGP in Ulm. Das Besondere an diesem Ort: tagsüber ist die Lokalität Kantine, abends Restaurant.

Die Kantine der Wirtschaftsprüfer SGP in Ulm ist abends Restaurant. Foto: Wirtschaftsprüfer SGP

Die Zeiten, in denen vor allem der Deutschen liebstes Kantinenessen, nämlich Currywurst mit Pommes, auf dem Speiseplan steht, sind vorbei. Bei der Verleihung zeichnet die unabhängige Initiative Food & Health vorbildliche Konzepte aus. Bewertet werden die Betriebe in den Kategorien Verantwortung, Gesundheit und Genuss.

Gemeinschaftsverpflegung wird neu gedacht

Die Kantine hat ein Imageproblem. Sie klingt nach Tablett, Neonlicht und Schnitzel mit Pommes. Doch wer auf Veranstaltungen wie der Food & Health Convention auf dem Bildungscampus in Heilbronn zuhört, merkt schnell: Der Begriff ist altmodisch – das Thema dahinter hochaktuell. Gemeinschaftsverpflegung wird inzwischen neu gedacht.

Schon zum Auftakt setzen die Veranstalter den Ton: Wissenschaft trifft Praxis. Professorinnen der DHBW Heilbronn und der TU München liefern die theoretische Einordnung, Branchenexpertinnen zeigen, wie sich diese Erkenntnisse in den Alltag übersetzen lassen. Es geht längst nicht mehr nur ums Sattwerden. Es geht um Prävention, um Lebensqualität – und um harte ökonomische Fragen.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Noch nie war Nahrung so verfügbar wie heute. Rund 3.000 Kilokalorien pro Tag stehen rechnerisch jedem Menschen in Europa zur Verfügung. Was nach Fortschritt klingt, hat eine Kehrseite. Übergewicht und Adipositas nehmen zu – mit gravierenden Folgen. Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsprobleme, nicht-alkoholische Fettleber. Die Konsequenz: Ernährung wird zur zentralen Stellschraube im betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Genau hier kommt die neue Kantine ins Spiel. Sie ist nicht mehr Versorger, sondern Steuerungsinstrument. Das funktioniert in der Praxis beispielsweise so: Wenn das gesunde Gericht günstiger ist als die Currywurst. Wenn zum Schnitzel plötzlich ein Caesar Salad serviert wird statt Pommes. Wenn kostenloses Ingwerwasser bereitsteht.

Doch der eigentliche Paradigmenwechsel in den Betriebsrestaurants liegt tiefer: weg von der Standardlösung, hin zur Personalisierung. Jeder Mensch hat einen anderen Energiebedarf, abhängig von Alter, Geschlecht, Aktivität und Lebenssituation. Moderne Ansätze setzen genau dort an.

Für die Gemeinschaftsgastronomie bedeutet das eine neue Rolle. Caterer werden zu Gesundheitsmanagern. Sie müssen dabei auch wirtschaftlich denken. Preise, soziale Unterschiede, Nachhaltigkeit – all das fließt in die Entscheidungen ein. Die Kantine wird zum komplexen System, in dem Ernährung, Technologie und Ökonomie zusammenlaufen.

Mit einer klaren Botschaft hat Theresa Geisel den diesjährigen Kantinentest eröffnet – und die Rolle der Betriebsgastronomie neu vermessen. Im Zentrum ihrer Rede: die oft unterschätzte Wucht der Gemeinschaftsverpflegung. Allein die anwesenden Betriebe versorgten täglich mehr als 38.000 Menschen – „das entspricht im Jahr rund 8,5 Millionen Essen“. Hochgerechnet werde in Deutschland „jeder Fünfte täglich verpflegt“. Kantinen, so Geisel, seien damit weit mehr als bloße Versorger: „Sie bereiten oftmals die einzige Mahlzeit des Tages zu – und legen damit den Grundstein für die Gesundheit.“

Der Kantinentest

Der Kantinentest wolle genau das sichtbar machen: „dass man auch für viele Menschen gut, frisch und mit guten Produkten kochen kann“. Entscheidend sei ein ganzheitlicher Ansatz „aus Verantwortung in Verbindung mit Gesundheit und Genuss“. Statt Einzelaspekte zu bewerten, gehe es darum zu zeigen, „wie gesunde und genussvolle Verpflegung in großer Zahl möglich ist – und wirtschaftlich funktioniert“. Mit Blick auf die Branche zog Geisel eine bemerkenswerte Bilanz. „Noch nie war die Betriebsgastronomie so gut wie heute“, sagte sie – und ging noch weiter: In vielen Bereichen habe sie die klassische Gastronomie „überholt und abgehängt“, gerade beim Mittagessen, bei Frische, Handwerk und Nachhaltigkeit.

Der Kantinentest selbst folgt dabei einem aufwendigen Verfahren: Fragebögen, Jurygespräche und Vor-Ort-Besuche sollen Qualität umfassend erfassen. Die Ergebnisse zeigen laut Geisel einen klaren Trend: vegetarische und vegane Angebote sind „kein Sonderfall mehr, sondern Standard“, Themen wie Food Waste und CO₂-Reduktion gehören inzwischen zum Pflichtprogramm.