Ludwig Hillenbrand stellte Spannendes aus der Historie vor. Foto: Baublies

Ludwig Hillenbrand hat im gut besuchten Pflugsaal am Dreikönigstag Erinnerungen zusammengestellt. Diese und das weitere Programm fanden großes Interesse.

Sicher ist, dass der erste Umtrunk des Turnvereins am Neujahrstag 1924 über die Bühne ging – damals war es noch eine ausschließliche Angelegenheit der Männerriege der Turner (siehe Info). Die Differenz heuer, der hundertste Umtrunk nach 102 Jahren, ist durch die zwei Jahre Pause aufgrund der Coronapandemie zu erklären. Leider gibt es weder Bilder noch eine andere Erinnerung an die Ouvertüre. Ludwig Hillenbrand, der seine Quellen im Vortrag vorstellte, verwies auf den Umtrunk im Jahr 1952. Das Protokoll halte hier fest, dass der damalige TV-Ehrenvorsitzende und spätere Regierungspräsident Paul Waeldin 1952 an jenen Gründungstag vor 28 Jahren erinnert habe.

 

Also steht der 100. Umtrunk zweifelsfrei fest, auch wenn die weitere Geschichte Lücken aufweist. Laut der Quelle Waeldin war der Umtrunk noch Anfang der 1950er-Jahre „eher ein zwangloses, improvisiertes Zusammensein einiger Vereinshonoratioren als eine große, feierliche Sitzung“. Es war also eine recht intime Angelegenheit. Der Festredner hatte sich gut vorbereitet und kannte seine Quellen. Dazu gehörten unter anderem auch heute pathetisch anmutende Einladungen aus früheren Zeiten. Zum ausführlichen Vortrag, der mit etlichen Anekdoten gewürzt war, gehörte auch die Entwicklung sowie Höhen und Tiefen des Umtrunks bis in die unmittelbare Gegenwart.

Urväter haben einen sicheren Instinkt bewiesen

Viel entscheidender aber war die Frage, die Hillenbrand zuerst stellte: „Ich habe mich gefragt, woran es wohl liegen könnte, dass diese Veranstaltung durch all die Wirren der deutschen Geschichte so lange durchgehalten hat.“ So etwas sei alles andere als selbstverständlich. Der Redner äußerte einige, wie er ausdrücklich feststellte, „nicht beweisbare Vermutungen“: Ein Umtrunk sei weniger formell als ein Neujahrsempfang. Der so gut gepflegte „Neujahrsumtrunk“ habe ein ganz anderes Flair. „Der Name ist ein Versprechen, ja geradezu eine Verheißung.“ Der Begriff allein prophezeite Gemütlichkeit, Heiterkeit, Geselligkeit, Lockerheit, Genuss. „Umtrunk“ passe auch besser zu den „lebensfrohen Traditionen eines Turnvereins“, wie des TV Lahr.

„Unsere turnerischen Urväter haben also einst in der Wahl des Namens einen sicheren Instinkt bewiesen.“ Ein Treffen zum Jahresbeginn „in geselliger Runde“, um miteinander auf das neue Jahr anzustoßen, habe etwas „Aufmunterndes, Zuversichtliches, Hoffnungsfrohes, Vielversprechendes“ an sich, so Hillenbrand. Solch ein „Umtrunk“ beinhalte daher auch ganz andere Aktions- und Identifizierungsmöglichkeiten, als ein steifer Empfang.

Weder Name noch Ritual allein können allerdings die lange Lebensdauer des Neujahrsumtrunks erklären. Diese Tradition sei wohl eher der Tatsache zu verdanken, dass die jeweils Verantwortlichen es verstanden hatten und haben, den Stil und die Inhalte der Veranstaltung an die Zeit anzupassen.

Auftritte von Jazz’n More begeistern die Besucher

Hillenbrand fügte hier ein Zitat ein: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme.“ Vermutlich geht die Weisheit auf den Humanisten Thomas More, englischer Lordkanzler unter König Heinrich VIII., zurück. „Wenngleich dieses Wort in Bezug auf unseren TV-Neujahrsumtrunk recht pathetisch klingen mag, so darf man es auch auf unsere Traditionsveranstaltung anwenden.“ Weitere Anekdoten und historische Bilder sowie einige KI-generierte Ansichten, wie es gewesen sein könnte, gehörten ebenso zum lebendigen Vortrag.

Zwei Auftritte von Jazz’n More unter der Leitung von Tanja Wilhelm und die Tradition, dass ausnahmslos alle Besucher eine kurze Übung absolvierten, die Marianne Kuhn anleitete, durften ebenfalls nicht fehlen. OB Markus Ibert würdigte in seinen Grußworten die Errungenschaften des Vereins für die Gesundheit, die Gemeinschaft und die sportliche Teilhabe. Ein Beispiel, wie der Verein, der 1846 gegründet wurde, in die Zukunft sehe, sei die noch junge Abteilung Special Olympics (die wir bereits ausführlich vorgestellt haben).

Umtrunk seit 1980 mit Frauen

Seit wann dürfen Frauen an der Veranstaltung teilnehmen? „Erstmals mit Damen“, vermerkt 1980 die Lahrer Zeitung in ihrem Bericht. Nicht ganz unwichtig war diese Erkenntnis: Die Teilnahme der Frauen rettete die Veranstaltung, denn sie sollten in den kommenden Jahren fast immer in der Überzahl sein. „Durchbruch beim Neujahrsumtrunk“, titelte dann die Vereinszeitschrift im ersten Heft 1981. Am Neujahrstag 1981 kamen so viele wie seit Jahren nicht, heißt es weiter im Bericht. Dies lag auch daran, dass man den Ort des Geschehens „auf Burgheims grüne Höhe“ verlegt hatte. Im Nebenzimmer „Grüner Baum“ hatten sich „rund 80 TV-Mitglieder“ versammelt, was „alle Erwartungen übertroffen“ und auch die anfänglichen Zweifler überzeugt habe. Und: „Das weibliche Element war unübersehbar.“