Nanni Fingerhut (links) moderierte die Lesung von (hier auf dem Bild) Susanne Humbeil, Mario Gotterbarm und Connie Hildebrandt-Büchler (rechts). Foto: Hofmann

Spätestens jetzt weiß jeder, dass die Vorweihnachtszeit ansteht. Nach längerer Corona-Abstinenz war in der Seminarturnhalle wieder die Adventsausgabe von "Nagold liest" angesagt.

Nagold - Das "Advents-Einläuten" des Arbeitskreises Kultur im Bürgerforum hat bereits Tradition, und Moderatorin Nanni Fingerhut konnte nun nach der Corona-bedingten "Zwangspause" voller Freude rund 90 Zuhörende in der festlich vorbereiteten Semihalle begrüßen – zur inzwischen fünften Auflage dieser besonderen Lesung, die von Aileen Hofmann musikalisch begleitet wurde.

Nach "It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas" (Michael Buble) spannten vier Lesende einen weiten Bogen mit höchst unterschiedlichen, teils humorvollen, teils ernsteren Texten rund um Weihnachten: Connie Hildebrandt-Büchler, Susanne Humbeil, Silvia Katz und Mario Gotterbarm.

"Schwäbische Note"

Während Silvia Katz die "schwäbische Note" vermittelte, führte Mario Gotterbarm, der zum ersten Mal mitlas, mit lyrischen Texten ins Barock: Johann Wilhelm Simlers metaphorische Verse "Wintergesang" beschwören im Rabenkrächzen des Jahresendes nicht nur Melancholie herauf, sondern mahnen auch ans nahende Lebensende. Im Kontrast dazu standen die von Connie Hildebrandt-Büchler gelesenen "Berichte aus dem Christstollen" von Jan Weiler: Wie auf zwei zeitgleiche Einladungen von Bekannten reagieren, die sich gegenseitig immer wieder dermaßen mit lukullischen Kampfansagen aufschaukeln, dass schließlich deren Urlaubskasse dahinschmilzt?

Zu schmunzeln gab es auch bei "Ein einziges Mal war richtig Weihnachten" von Axel Hacke (Susanne Humbeil): Der eingemietete Handelsvertreter für Kaffee sorgt bei den Kindern des Hauses für einen besonderen, anhaltenden Duft, für Leichtigkeit und Lebensfreude – und verrät schließlich, dass er selbst der Weihnachtsmann ist, der sich das Jahr über nur mit einem zivilen Beruf "tarnt". Höchst amüsant auch "I mog Schnee", vorgetragen von Silvia Katz. Der "Schneebericht" führt den Protagonisten auf der Schwäbischen Alb von der Freude über die weiße Pracht, der Leidenschaft des Schneeräumens über Stromausfall und wiederholten Verdruss mit dem Räumdienst bis hin zu einem besonders warmen Ort, an dem alle weiße Kittel tragen…

Text von Doris Dörrie

In "Alle Jahre wieder" von Doris Dörrie fährt die Polin Dorota mit einer tiefgekühlten Gans im Koffer zu ihrem heimlich angebeteten Arbeitgeber nach Schwabing und muss dort nicht nur feststellen, dass ihre Nasenkorrektur vergeblich war, sondern dass der gute Hubert bereits "Ersatz" gefunden hat. Doch flugs verbünden sich die beiden betuppten Frauen und feiern gemeinsam Weihnachten. "Weihnachta uf Schwäbisch" (nach Toni Lauerer) stellt die besonders kreative Form einer Weihnachtskrippe vor, mit zum Beispiel einem "heiligen Batman", einem Brontosaurus und einer qualmenden Marlboro statt Weihrauch, weil ein Teil der Figuren beim Trocknen auf dem Ofen Spuren davongetragen hat.

"Eine Art Bescherung" von Siegfried Lenz schildert ein Weihnachten der Nachkriegszeit in einer Baracke: Trotz Entbehrung schaffen eine Kerze auf einer Flasche, Tannengrün im Elchgeweih und vom Güterwagen stibitzte Kohlen doch eine festliche Stimmung. Mit drei Barock-Sonetten und dem Engel Eduard, der wegen eines Fehlers in der Navigation bei Schäfern auf der Alb statt in Bethlehem die frohe Botschaft verkündet, endete der von Nanni Fingerhut moderierte und von Aileen Hofmann stimmungsvoll musikalisch umrahmte, beeindruckende Abend, bei dem die Zuhörenden sich sowohl an den literarischen, wie auch an Häppchen vom Büffet labten und immer wieder herzlichsten Beifall für die Lesebeiträge spendeten, ehe man zum Schluss gemeinsam "Macht hoch die Tür" anstimmte.