Was macht eigentlich eine Guggamusik so in der Fasnetszeit? Unsere Autorin hat die Grenzweg Sinfoniker Kniebis einen Tag lang bei zwei Rathausstürmen begleitet.
„Guggamusik, das sind doch schräg, scheinbar falsch klingende, allerdings professionell gespielte Töne, wie geht...“, weiter komme ich mit meiner Frage nicht, da unterbricht mich Jochen Klumpp. Nicht einmal eine halbe Stunde bei den Grenzweg Sinfonikern Kniebis hat es gebraucht, bis ich, in Fasnetssachen Ungebildete und erst kürzlich in den Schwarzwald „Neigschmeckte“ in mein erstes Fettnäpfchen tappe. Doch Klumpp nimmt es gelassen und klärt mich auf, wieso die „Gugga vom Berg“ eben nicht nur schräge Töne draufhaben – als Guggagründer, weiß er das am Besten.
2002 fanden sich ein paar Mitglieder der Trachtenkapelle Kniebis, die zusammen etwas Fasnetsmusik machen wollten, erzählt mir Klumpp. Er selbst saß damals im Vorstand und spielte zudem bei den Hexa-Heuler. Als dann 2005 der Entschluss folgte, richtige Guggamusik zu machen, war klar, dass Klumpp prädestiniert dafür ist, die Gruppe aufzubauen – die Grenzweg Sinfoniker Kniebis waren geboren. Der Name leitet sich dabei von dem „Grenzweg“ ab, der auf dem Kniebis Württemberg von Baden trennt. Die Farben der Grenzweg Sinfoniker setzen sich daher aus dem württembergischen Schwarz und Rot sowie dem badischen Gelb und Rot zusammen.
Über Jahre trug Klumpp verschiedene Titel zusammen und schrieb händisch die Noten aus CDs raus, bis er sein Amt als „Guggachef“ 2013 niederlegte. Dieses wurde danach zweigeteilt: Sein Stiefsohn Yannic Müller übernahm als musikalischer Leiter, bis ihn sein jüngerer Bruder Leon Müller 2024 ablöste. Ihr älterer Bruder Marcel Müller wurde indessen Tourmanager und stieg in den Vereinsvorstand auf. Heute dürfe Klumpp immerhin noch den Vereinsbus fahren und Euphonium spielen.
Gugga mit Big Band Sound
Die Guggamusik selbst hat ihren Ursprung um einiges früher, in der Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts. Die damalige „Ur-Guggamusik“ habe tatsächlich nur aus schrägen Tönen bestanden, räumt Klumpp mir meinen Patzer ein. Damit das Ganze jedoch salonfähig und auch etwas angenehmer für das Gehör wird, wurde die Musik stark rhythmisch unterlegt. Die Musik der Grenzwegsinfoniker erinnere daher eher an den Sound einer Big Band – wie genau das klingt, sollte ich im Verlauf des Tages noch selbst herausfinden.
Bevor es jedoch auf die Bühne der Grenzweg Sinfoniker, die Straßen und Rathäuser dieser Welt gehen kann, braucht auch ein Guggamusiker erst einmal seine Zeit sich zu richten – bis der ganze Verein fertig ist, dauere das etwa eineinhalb Stunden, erzählt mir Melanie Maulbetsch aus dem internen Schminkteam des Vereins. Gugga nach Gugga wandert in dieser Zeit bei ihnen über den Stuhl, bis jedes Gesicht mit Airbursh-Makeup grundiert, halb rot, halb gelb besprüht und mit schwarzen und weißen Details sowie einer Menge Glitzer verziert ist – bei Vollbesetzung ganze 48 Mitglieder.
Quereinsteiger ohne musikalisches Vorwissen
Einige davon kamen über die Stadtkapelle in die Gruppe, andere hingegen als Quereinsteiger. Einer Von ihnen ist Pascal Sieckmann. Er kam über Freunde in den Verein und durfte, wie alle ohne musikalisches Vorwissen, zunächst einmal an das Schädderle, ehe er sich über die Trompete bis letztlich hin zum Sousaphon spielte. Heute ist mit seiner Mutter und seiner Schwester fast die ganze Familie Mitglied.
An einem Schmotzigen Donnerstag, mittags unter der Woche kommen immerhin etwa 20 bis 25 Guggen zusammen, die sich den Tag freigenommen haben, um miteinander zu musizieren. Yannic Müller erinnert sich schließlich noch an ganz andere Zeiten, als er nach einer Hand-OP mit links Trompete spielend und lediglich sechs weiteren Sinfonikern für eine Gage über 150 Euro auf der Bühne stand. Seither hat sich viel getan
Die Gemeinschaft steht an erster Stelle
Die Kniebishalle, von außen so unscheinbar, gleicht im Inneren einem rot-gelben Wimmelbild. Vor der Tür stehen ein paar Musiker in Montur, unterhalten sich bei einer Zigarette, während von drinnen bereits der Bass wummert. In der Maske tanzen Guggen im Nebel des Airbrush-Make-up zu Popmusik. Nebenan wird noch schnell ein TikTok für die Vereinsseite gefilmt. Laute Schläge der großen Trommel unterbrechen den Dreh. Im Probenraum gesellen sich Jung und Alt bei einem Bier am Stehtischen zusammen. Dazwischen wird gescherzt, geneckt, kommentiert.
Der enge Zusammenhalt in der Gruppe ist spürbar. Auch wenn sich natürlich nicht jeder mit jedem gleich gut versteht, stehe für sie alle die Gemeinschaft an erster Stelle, erklärt mir Leon Müller. Die Musik sei zwar wichtig – und sie würden natürlich auch immer besser – doch ohne die Gemeinschaft funktioniere es nicht.
Ein letzter Schluck und Klumpp gibt den Appell zum Abrücken. Schnell noch die Instrumente in den Anhänger geladen und der Bus rollt los. Erster Halt: Der Rathaussturm in Freudenstadt.
Stimmung, Lachen und kräftig Musik
Dort steppt nicht nur der wortwörtliche Bär der Narrenzunft, auch Dirigent Müller schwingt das Tanzbein und sorgt für gute Laune im Verein und Publikum – ganz nach der selbsterklärten Mission des Vereins: „Überall dort, wo wir auftreten, Stimmung, Lachen und natürlich kräftig Musik zu machen“. Der große Ansturm blieb auf Grund des Regens zwar größtenteils aus oder lieber im trockenen Bierzelt, doch davon lassen sich die Grenzweg Sinfoniker nicht beirren.
Unter dem Schutz der Arkaden, begleiten sie lautstark den Aufmarsch der Narren. Da brummt das Sousaphon, die Posaunen röhren, das Schlagzeug treibt die klackernden Woodblocks wie Pferde vor sich her und die Schädderle rasseln im Takt – so laut, dass auch Oberbürgermeister Adrian Sonder nicht umhinkommt, das närrische Treiben wahrzunehmen. Nach ein paar weiteren Stücken im Regen, haben es die Narren schließlich geschafft, das Rathaus zu übernehmen und mit Hilfe der Sinfoniker in eine große Fasnetssause zu verwandeln.
Strammer Tourplan
Richtig Bewegung in die Sache kommt bei „Mama Loo“. In der zweiten Wiederholung schmeißen sich die Musiker auf den Boden, setzen sich gegenüber und radeln mit den Beinen in der Luft, oder wie Vorstand Marcel Müller es zusammenfasst „machen halt irgendeinen Quatsch“. Ein letztes „Ciao Amore“, noch eine Butterbrezel für den Weg und Leon Müller schwenkt seine Posaune zum Abschied. Dann zieht die Truppe weiter zum nächsten Rathaussturm. Ein strammer Tourplan reiht für die Gugga in der Fasnetszeit insgesamt 24 Auftritte aneinander.
Die Räumlichkeiten in Baiersbronn sind zwar etwas kleiner, der Raum, den die Sinfoniker für sich einnehmen, dafür jedoch umso größer. In einem von oben bis unten holzvertäfelten Raum formieren sich die Musiker auf Anweisung von Dirigent Müller in einem Halbkreis um eine lange Holztafel herum: Posaunen links, Sousaphone in der Mitte, Schlagzeuge, Trommeln und Woodblocks im Eck und Trompeten, wo es der beengte Platz es eben zulässt. In der Mitte steht Leon Müller selbst.
Großes Finale in Baiersbronn
Immer wieder legt er seine Posaune bei Seite und lässt sich selbst von dem lebendigen Rhythmus der Gugga anstecken. Das Publikum tut es ihm gleich. An der Seite tanzen Schwarzwaldmarien. Auch die Musiker bewegen sich im Takt. Die Sausaphone drehen sich von links nach rechts, die Trompeten von oben nach unten. Lied um Lied, Zugabe um Zugabe gewinnt das Rathaus an Leben. Auch Klumpp lässt sein Euphonium für einen Moment ruhen und trällert, Arm in Arm mit einem Narren, ein Lied. Seifenblasen schweben funkelnd im Licht über den Köpfen von Gugga und Narren – sie verleihen dem Moment beinahe etwas magisches.
Noch eine letzte Zugabe geben die Gugga auf dem Weg nach draußen zum besten, Musiker an Musiker, dicht gedrängt auf der schmalen Holztreppe. Dann heißt es Abschied nehmen – jedoch nicht ohne ihren unverkennbaren Schlachtruf: „Grenzweg“ ruft Dirigent Müller aus dem zweiten Stock hinunter. „Sinfoniker“ hallt es mehrstimmig von unten zurück. „Grenzweg“, „Sinfoniker“. „Grenzweg“, „Sinfoniker“. Insgesamt dreimal geht es so hin und her – danach herrscht Stille. Die Grenzweg Sinfoniker sind weitergezogen und mit ihnen eine besondere Stimmung voller Musik, Fasnet und einer Menge Lebensfreude.