Weiße Frauen gehören zu den berühmtesten Gespenstern. Auch in Neubulach und Nagold sollen bereits welche gesichtet worden sein. (Symbolfoto) Foto: YesPhotographers – stock.adobe.com

Hexen und Gespenster, Dämonen und Teufel – die meisten mystischen Überlieferungen kennen diese oder ähnliche Gestalten. Der Kreis Calw stellt keine Ausnahme dar. Pünktlich zur Walpurgisnacht stellen wir einige dieser Geschichten vor, gesammelt von einem Tübinger Professor – vor fast 170 Jahren.

Kreis Calw - Die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai hat etwas Unheimliches an sich – zumindest einem alten Aberglauben nach. Dann nämlich, in der Walpurgisnacht, sollen sich Hexen treffen, um zu feiern. Was könnte insofern passender sein, als am Vortag dieser Nacht einen Blick auf schauerliche Überlieferungen zu werfen, die auch im Kreis Calw zuhauf zu finden sind?

"Manche Sagen gehören dem ganzen Orte an, andre haben sich nur in gewißen Familien erhalten, noch andere wußte bloß ein altes Mütterchen", berichtet Ernst Heinrich Meier (1813–1866) in seinem 1852 veröffentlichten Werk "Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben". Meier war eigenen Angaben zufolge "Professor der morgenländischen Sprachen an der Universität Tübingen"; die Online-Enzyklopädie Wikipedia nennt ihn einen Erzählforscher und Orientalisten, Professor der semitischen Sprachen und Literaturen, der auch auf dem Gebiet schwäbischer Sagenkunde tätig war.

Letzteres sei ein sträflich unterschätztes Feld, wie er im Vorwort seiner Sammlung "Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben" feststellt: "Fast in keinem deutschen Landesstriche wurden die heimischen Sagen, Märchen, Lieder und dergleichen bisher so unverantwortlich vernachläßigt, verkannt, mishandelt als in Schwaben", schrieb er vor rund 170 Jahren. Und begab sich, um dies zu ändern, auf die Suche nach dem "wirklichen Volksleben", wo er – bei den Menschen auf dem Land – fündig wurde. Und das offenbar reichlich: Mehr als 400 Sagen und Geschichten trug Meier allein in diesem Buch zusammen, rund 30 aus dem Kreis Calw.

Einige seien hier präsentiert. Ein Blick in vergangene Zeiten – festgehalten von einem Autor, der mittlerweile selbst längst vergangenen Zeiten angehört. Viele der Legenden und Sagen dürften für Eingeweihte nicht neu sein – und zudem in etlichen Varianten noch heute kursieren. Wir bieten eine Ahnung davon, wie man sich diese Geschichten Mitte des 19. Jahrhunderts erzählte.

Riesen

Dass der Riese Erkinger auf Burg Liebenzell gehaust, Menschen verspeist und mit deren aufgehäuften Knochen den Beinberg geschaffen haben soll, ist beinahe schon ein alter Hut. Spätestens, seit der gewaltige Geselle im Jahr 2015 erstmals ein eigenes Fest in Bad Liebenzell bekam. Laut mündlichen Überlieferungen aus Hirsau und Liebenzell soll in oder unter dem Burgturm aber auch ein Schatz verborgen sein – den ein Pudel bewacht. Und nicht zuletzt gehe der Geist des Riesen noch um. In der Riesenkapelle in Hirsau, die laut Meiers Quelle "an der nördlichen Seite der Klosterkirche gelegen und auf barbarische Weise erst vor etwa 40 Jahren abgebrochen worden" sein soll (also um das Jahr 1812), sei zudem das mehr als vier Meter lange "Kleid" des Riesen, nebst eines "ungeheuren" Hosenträgers und eines Schuhs desselben aufbewahrt worden.

Apropos Riesen: Auf einer Bergebene im Enztal, so heißt es in einer mündlichen Überlieferung, "eine halbe Stunde" von Calmbach entfernt, seien "die Ruinen des ›Schlößle‹" zu finden, wo "ein riesiger Geist" umgehe. Kein Wunder – denn nahe der Schlosstrümmer rage unter "Felsmassen ein mächtiger Stein hervor, unter dem die Gebeine eines Riesen begraben liegen sollen".

Gespenster

Die weiße Frau dürfte als eines der berühmtesten Gespenster überhaupt gelten. Vor allem hochadlige Familien soll sie in allerlei Varianten heimgesucht und Katastrophen prophezeit haben. Berichte gibt es aus halb Europa – und aus Neubulach. Denn in der Nähe des dortigen Pfarrhauses liegen angeblich die Reste eines alten Schlosses, auf die später ein Haus gebaut wurde. In jenem Haus wiederum gehen der Sage nach zwei weiße Fräulein um, die sich alle sieben Jahr zur Adventszeit zeigen und singen.

Einem Mädchen aus Nagold, so heißt es der Sage nach, sei eine solche weiße Frau dagegen in der Schlossruine der Stadt begegnet. In einem Traum, den das Mädchen und dessen Schwester hatten, war den beiden viel Geld versprochen worden, so sie ein Fräulein in der Ruine aufsuchen, um es zu erlösen. Vor Ort erschien ihnen jene weiße Frau. Die hatte einen großen Schlüsselbund – und keinen Kopf. Aus dem Geld wurde aber nichts: Vor Schreck flohen die Mädchen so schnell sie konnten.

Keine weiße Frau, dafür ein Mönch soll "in einer Schmiede zu Herrenalb" umgegangen sein, der sich stets um Weihnachten zeigte, Feuer im Ofen schürte und Menschen neckte. Als jedoch unter einem Ambos eine Erbse entdeckt wurde, die eine Frau über eine Mauer ins Wasser warf, "klingelte es, als ob sie eine ganze Schürze voll Silbergeld ausgeschüttet hätte". Seither wurde der Mönch nicht mehr gesehen. Er muss wohl erlöst sein.

Mutesheer

Erzählungen vom Mutesheer, einer wüsten Meute aus Dämonen, Hexen und bösen Geistern, die dem Teufel dienen, gibt es auch im Kreis Calw nicht wenige. Vor diesem Heer, so berichten es Sagen aus Neubulach, Nagold und Calw übereinstimmend, geht eine Gestalt einher, die warnend "Außem Weg! Dass Niemand was g’scheh!" ruft.

Um sich zu schützen, gibt es verschiedene Empfehlungen: Unschuldige scheinen ebenso gewappnet zu sein wie jene, die Gebete sprechen oder sich mit dem Gesicht auf den Boden werfen. Wer sich nicht daran hält, wird mitgenommen und zerrissen. Ein Handwerksbursche aus Nagold soll es dagegen geschafft haben, sich allein durch ein Gespräch mit dem Anführer aus einer Begegnung zu retten. Die Erzählerin konnte sich aber nicht mehr erinnern, was gesagt worden war.

Die vielleicht spannendste Geschichte wurde jedoch aus Calmbach überliefert. Sie erzählt von zwei Musikanten aus Zavelstein, die in einem benachbarten Orte auf der Kirchweihe spielten und nachts auf dem Heimweg von zwei Reitern in ein Wirtshaus gelockt wurden, wo die Gäste aus goldenen Bechern tranken. Die Musikanten bekamen ebenfalls zu trinken und spielten für die Gesellschaft zum Tanz auf. Begeistert von den Bechern, steckten sie jeweils einen ein – als "Lohn" für ihre Darbietungen – bevor sie in einer Ecke des Zimmers einschliefen. Am andern Morgen erwachten sie auf dem Galgen bei "Weilerstadt" (vermutlich Weil der Stadt); statt der Becher hatten sie allerdings den Huf einer Kuh in der Tasche. Offensichtlich hatten sie einer Hexenversammlung oder dem Mutesheere aufgespielt.

Übrigens: Sagensammler und Forscher Meier erklärt im Vorwort seines 1852 erschienen Werks auch ganz nebenbei woher der Begriff "Mutesheer" stammen soll: von Odin, Göttervater der nordischen und germanischen Mythologie. Dieser sei althochdeutsch Wuotan genannt worden. Und "W" habe sich im Laufe der Zeit zu "M" gewandelt (wie "wir" im Schwäbischen zu "mir" geworden sei). Die Geburtsstunde des "Muotesheeres". Doch wie wurde der Göttervater zum Leibhaftigen? Meier erklärt es so: Als aus altem Glaube abgelehntes Heidentum wurde, folgte das Unausweichliche. Wenn das Heidentum selbst etwas Böses ist, können die enthaltenen Götter nur eines sein: der Teufel und seine Spießgesellen.

Teufel

Auch der Teufel selbst trieb offenbar im Kreis Calw sein Unwesen. Beispielsweise zwischen Wildbad und Naislach. Dort, so erzählte man sich zumindest Mitte des 19. Jahrhunderts in Calmbach, liege eine Sägemühle, bei der ein Fels mit mehreren Einschnitten zu finden sei. Einschnitte, die der Satan persönlich hineingesägt habe – und zwar in seinem "Haus", einer Höhle in der Nähe von Naislach. Kein Wunder, dass die ganze Umgebung "Teufelsberg" genannt wurde...

Übel erging es einer Überlieferung aus Calw und Hirsau zufolge indes einer Spinnerin, die an Heiligabend in die Spinnstube wollte – obgleich "man ihr sagte, daß das Spinnen an diesem Abend eine schwere Sünde" sei, schreibt Meier. "Ich will hin, und wenn mich auch der Teufel holt", habe sie gar gesagt. Wohl keine so gute Idee: Einige Leute, die ihr folgten, vernahmen bald "ein heftiges Geschrei und sahen sie nie wieder. Der Teufel hatte sie mit sich in die Luft genommen". Die Abbildung auf einem steinernen Kreuz nahe Zavelstein soll diese unglückliche Spinnerin zeigen. Doch was ist mit jener Erklärung, dass auf dem Kreuz eine Frau verewigt wurde, die während eines Schneesturms in eine Wolfsgrube stürzte und dort erfror? Mag sein. Es müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn die erste Version stimmen würde.

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